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Die Bildautoren sind in [Klammern] angegeben. Stand: November 2014

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Mit den Überhängen, Nischen und Höhlungen von Silikatfelsen und saueren Erdanrissen teilen sich das Moos und die Flechte des Jahres 2015 einen unspektakulären, aber dennoch besonderen Lebensraum. Auf Photosynthese angewiesene Organismen gelangen hier schnell an ihre Grenzen, da meistens sowohl Licht als auch Wasser einen Mangelfaktor darstellen: Die Standorte sind in der Regel beschattet oder liegen gar im Inneren von Wäldern und das Fels- oder Erddach hält den Regen ab.

Nur wenige andere Moos- und Flechtenarten treten als Begleiter auf, unter den Gefäßpflanzen schafft dies nur der eigenartige Prächtige Dünnfarn (Trichomanes speciosum), der bei uns fast nur in der vegetativen Form seines Protonemas (Vorkeims) auftritt.

Der Standort beider Arten unterliegt innerhalb von Wäldern keiner großen Gefährdung (es sei denn durch extreme Beschattung in Nadelholzmonokulturen), in der freien Landschaft werden geeignete Standorte aber immer noch Opfer von Bereinigungsmaßnahmen. Vielleicht kann der Blick auf die Arten und ihre Begleiter dazu helfen, bei Wegebaumaßnahmen (nicht nur) in Gebieten mit anstehendem saueren Fels „unordentliche“ Böschungen mit Nischen, kleinen Überhängen und Höhlungen stehen zu lassen.

Die "Gelbfrüchtige Schwefelflechte", Psilolechia lucida,
ist die Flechte des Jahres 2015

Die Gelbfrüchtige Schwefelflechte ist bestimmt jedem schon einmal aufgefallen, auch ohne sie zu kennen: Als Besiedler regengeschützter Überhänge von Silikatfelsen kommt sie in den Mittelgebirgen ziemlich häufig vor und bildet auch an frisch angeschnittenen Felsen entlang von Straßen oder Bahntrassen großflächige schwefelgelbe Überzüge, die schon vom Auto oder der Bahn aus auffallen.

Aussehen

Das zitronen- bis schwefelgelbe Lager der Art ist völlig mehlig oder körnig aufgelöst und kann große Flecken von mehreren Dezimetern Durchmesser bilden. Unter optimalen Standortbedingungen bilden sich Fruchtkörper (Apothecien) aus, die ebenfalls gelb gefärbt sind und aus einer randlosen, gewölbten Scheibe von wachsigem Aussehen bestehen. Unter dem Mikroskop zeigen sich kleine, einzellige, ungefärbte, länglich-eiförmige Sporen. Der photosymbiontisch aktive Partner in der Flechte ist eine Trebouxia-ähnliche Alge; für die gelbe Farbe ist der Inhaltsstoff Rhizocarpsäure verantwortlich.

Im sterilen Zustand kann die Art mit der Fels-Schwefelflechte (Chrysothrix chlorina) verwechselt werden, die aber ein leuchtend gelbes Lager besitzt und von der keine Fruchtkörper bekannt sind. Im Zweifelsfall hilft nur eine Tüpfelprobe mit KOH, die bei der Gelbfrüchtigen Schwefelflechte keine Verfärbung ergibt, bei der Fels-Schwefelflechte aber eine leichte Orangefärbung.

Ökologie

Die Gelbfrüchtige Schwefelflechte ist eine Art saurer Gesteine (kalkfreie Silikatgesteine). Wie fast alle Arten, deren Lager mehlig-wattig aufgelöst ist, meidet sie direkt beregnete Standorte und findet sich daher an Überhängen von Felsen, in Nischen oder an geschützten Vertikalflächen. Selten geht sie auch auf Borke, auf gesteinsbewohnende Moose sowie auf Erde und Wurzeln in Wurzelhöhlungen über. Sie bevorzugt kühle und luftfeuchte Lagen. Bezüglich des Alters der Felsen ist sie nicht anspruchsvoll, besiedelt werden auch jüngere Partien an Straßen- und Bahneinschnitten, oder gelegentlich auch Grabsteine. Auch gegenüber leichter Luftverschmutzung ist die Flechte tolerant, so dass sie vor allem im Norden Europas auch in den Städten zu finden ist.

Verbreitung und Gefährdung

Die Art ist von allen Kontinenten bekannt, wobei in südlichen Breiten die Gebirgslagen bevorzugt werden. In Europa ist sie in den silikatischen Mittelgebirgen und den Alpen häufiger, im Flachland seltener. In Deutschland ist sie aus allen Bundesländern bekannt und wird außer in Hamburg und Schleswig-Holstein (beide „gefährdet“) als ungefährdet eingestuft; in der Roten Liste Österreichs ist die Art nicht aufgeführt.

Biologie

Psilolechia lucida kann unter den Krustenflechten durchaus als raschwüchsige Pionierart gelten, ist sie doch in der Lage, frisch freigelegte Felspartien innerhalb weniger Jahre mit großen Lagern zu überziehen. Über ihre Konkurrenzkraft ist wenig bekannt, wird ihr doch ihr Standort kaum von anderen Arten streitig gemacht. Die überhängenden Felspartien werden nicht vom Regen benässt und auch nicht überrieselt, so dass sie wegen des Wassermangels für die allermeisten pflanzlichen und pilzlichen Organismen nicht besiedelbar sind. Die leprösen Krustenflechten, zu denen die Gelbfrüchtige Schwefelflechte gehört, sind jedoch in der Lage, ihren Wasserbedarf durch Feuchtigkeitsaufnahme aus der Luft zu decken.

Die ähnliche Chrysothrix chlorina besitzt weniger ausgeprägte Pioniereigenschaften und findet sich vorwiegend an naturnahen Felsen in noch luftfeuchterer Lage.

Psilolechia lucida ist Wirtsflechte des seltenen Hyphomyceten (Fadenpilzes) Psammina stipitata, vor allem aber der Kelch- oder staubfrüchtigen Flechte Microcalicium arenarium. Deren stecknadelförmige Fruchtkörper lassen sich öfters auf leicht ausgebleichten Partien des Lagers der Wirtsflechte finden (s. nachfolgende Abbildung).

Weiterführende Links

Fotos von Psilolechia licida

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Psilocechia lucida Rauher Kulm
Blockhalde aus Silikatfelsen - ein Lebensraum von Psilolechia lucida[Rauher Kulm; Wolfgang von Brackel]   
Psilocechia lucida Rauher Kulm 01 kl
Blockstein aus Silikatgestein mit Psilolechia lucida[Rauher Kulm; Wolfgang von Brackel]   
Microcalicium arenarium on Psiluc NJS kl
Microcalicium arenariummit stecknadelförmigen Fruchtkörpern auf Psilolechia lucida [Vallée du Bayehon; Haute Fagne, B; Norbert Stapper]   
Microcalicium arenarium on Psilolechia lucida Rauher Kulm 03 kl
Microcalicium arenarium mit stecknadelförmigen Fruchtkörpern auf Psilolechia lucida [Rauher Kulm; Wolfgang von Brackel]   
Psilocechia lucida Rauher Kulm 05a kl
Psilolechia lucida mit Fruchtkörpern (Apothecien)[Rauher Kulm; Wolfgang von Brackel]   
Psilochelia lucida cApo NJS
Psilolechia lucida mit Apothecien [Vallée du Bayehon; Haute Fagne, B;Foto: Norbert J. Stapper]   

Das "Leuchtmoos", Schistostega pennata,
ist das Moos des Jahres 2015

Das Leuchtmoos ist sicher eine unserer interessantesten Moosarten, die durch das eigentümliche „Leuchten“ des Protonemas auch die Aufmerksamkeit von Nicht-Bryologen auf sich zieht.

Aussehen

Das Leuchtmoos wächst in lockeren, blass bläulich grünen Rasen von bis zu 15 mm Höhe. Aus einem ausdauernden, fädig-ästigen Protonema (Vorkeim) erheben sich einzeln die zarten Sprosse. Sie bestehen aus einem farnwedelartigen, unten unbeblätterten, nach oben hin zweizeilig in einer Ebene beblätterten Stämmchen. Somit erinnern die Sprosse einer Feder, was die Namensgebung erklärt (lat. penna = Feder). Die Blättchen sind eiförmig-lanzettlich, zugespitzt, ganz- und flachrandig, ohne Blattrippe und laufen am Stämmchen herab. Die fertilen Sprosse tragen oben eine kleine Rosette aus Blättchen. Die eiförmige bis kugelige kleine Kapsel überragt die Blättchen weit auf einem dünnen und zarten Stiel.

Die Art ist sehr typisch und kann allenfalls mit Spaltzahnmoosen (Fissidens) verwechselt werden, deren Blätter aber eine Rippe besitzen und kahnförmig zusammengefaltet sind, wobei die eine Blatthälfte deutlich kürzer als die andere ausgebildet ist.

Vorkommen, Verbreitung und Gefährdung

Das Leuchtmoos besiedelt Erde und Gestein an kalkarmen, sauren, schattigen, luftfeuchten und regengeschützten Stellen unter Felsvorsprüngen oder in Höhlen und Nischen der Felsen, auch unter Wurzeln an den Tellern umgestürzter Bäume. Seltener werden auch Sekundärstandorte mit entsprechenden Bedingungen wie Straßenanschnitte, alte Keller oder Ziegenställe besiedelt. Wichtige Standortfaktoren sind hohe Luftfeuchtigkeit, schwache Belichtung und Schutz vor direkter Beregnung.

Die Art ist in der Nordhemisphäre weit verbreitet (Europa, Ostasien, Nordamerika). In Europa ist sie vor allem im westlichen und mittleren Teil verbreitet, kommt aber bis Russland vor. Sie meidet wohl das Mittelmeergebiet. In Mitteleuropa findet sie sich vorwiegend in den silikatischen Mittelgebirgen und in den Zentralalpen. Insgesamt zeigt sie eine subozeanisch-montane Verbreitung.

In Deutschland kommt die Art nur im mittel- und süddeutschen Berg- und Hügelland vor, mit einer deutlichen Häufung in den hercynischen Randgebirgen, dem Schwarzwald und dem Pfälzer Wald. Insgesamt wird sie in Deutschland in die Vorwarnliste eingestuft; in den südlichen Bundesländern gilt sie als ungefährdet, während sie in Sachsen als extrem selten (R), in Sachsen-Anhalt als gefährdet (3) und in Mecklenburg-Vorpommern und im Niedersächsischen Flachland als ausgestorben (0) eingestuft wird. Auf der Roten Liste der Schweiz steht sie unter „verletzlich, selten“ (VU D2). In der Roten Liste Österreichs ist die Art nicht aufgeführt.

An ihren natürlichen Standorten (Felsen in Waldgebieten) ist die Art wenig gefährdet, in Einzelfällen durch Eingriffe an Höhleneingängen. Da sie recht ausbreitungsfreudig ist und auch Sekundärstandorte besiedelt, ist von einer Gefährdung nur in den dünn besiedelten Randbereichen ihrer Verbreitung auszugehen.

Biologie

Die interessanteste Eigenschaft der Art ist zweifellos das „Leuchten“ ihres Protonemas. Es handelt sich dabei nicht um eine aktive Lichtausstrahlung, sondern um ein optisches Phänomen: Das Protonema besteht aus Ketten bzw. Matten kleiner linsenförmiger oder kugeliger Zellen, in denen durch die Krümmung der Zelloberfläche das Licht auf die an der Hinterseite der Zellen konzentrierten Chloroplasten gebündelt wird. Nach dem Durchgang durch die Chloroplasten wird das nicht absorbierte Licht (Grünanteil) wie von einem Hohlspiegel reflektiert, was die intensive goldgrün leuchtende Farbe ergibt.

Die Pflanzen sind pseudodiözisch, das heißt getrennte weibliche und männliche Pflanzen entspringen aus demselben Protonema. Die Verbreitung erfolgt durch sexuell gebildete Sporen sowie durch aus dem Protonema entstehende Gemmen.

Parasiten & Medizin

Auf Schistostega pennata sind bisher keine (pilzlichen) Parasiten bekannt geworden. Auch von einer Anwendung der Art in der Medizin ist nichts bekannt.

Weiterführende Links

Fotos von Schistostega pennata

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Schistostega pennata, Habitat; Foto: Michael Lüth
Lebensraum von Schistostega pennata[Ravennaschlucht, Schwarzwald; Michael Lüth]   
Schistostega pennata  001b kl
Lebensraum von Schistostega pennata, [Ravennaschlucht, Schwarzwald; Michael Lüth]   
Schistostega pennata, Foto: Michael Lüth
Schistostega pennata, [Ravennaschlucht, Schwarzwald; Michael Lüth]   
Reflektierendes Protonema von Schistostega pennata; Foto: Michael Lüth
Reflektierendes Protonema von Schistostega pennata, [Pfälzer Wald; Michael Lüth]   
Schistostega pennata njs2 kl
Schistostega pennata; Leuchtmoos: Habitus und reflektierendes Protonema [Rurtal bei Monschau Nationalpark Eifel; Foto: Norbert Stapper   
Leuchtmoos im Ziegenstall; Foto: Julie Steffen
Was leuchtet dort im Ziegenstall? Reflektierendes Protonema von Schistostega pennata![Tessin, Schweiz; Julie Steffen]   
Leuchtmoos im Ziegenstall; Foto: Julie Steffen
Leuchtmoos auf den erdigen Fugen der Mauer eines Ziegenstalls [Tessin, Schweiz, Foto: Julie Steffen]