Lichenologie

Allgemeines zur Flechtenkunde

Zur Biologie der Flechten und wie man sie bestimmt, Praxistipps

Den Einstieg finden

Mit den Moosen gemeinsam haben die Flechten, dass sie im Vergleich zu Höheren Pflanzen sehr klein sind. Ansonsten haben sie außer, dass sie z. B. wie die Moose wechselfeucht sind und uns manchmal in ähnlichen Lebensräumen ins Auge springen, wenig gemeinsam.

Oxneria huculica NJS
Blattflechte Oxneria huculica; Foto: NJS

Ein wesentlicher Unterschied besteht darin, dass Flechten gar keine Pflanzen sind, sondern eine symbiotische Lebensgemeinschaft zwischen einem Pilz ("Mykobiont") und einem oder mehreren, den Mykobionten mit Photosyntheseprodukten versorgenden Partnern ("Photobionten"), sprich: Algen oder Cyanobakterien. Keiner der Partner wäre allein dazu imstande, die oft drastischen Standortbedingungen zu überleben, denen der zusammengesetzte Organismus Flechte bisweilen über mehr als 1000 Jahre erfolgreich trotzt, so etwa auf Steinen im Hochgebirge. Die Flechten"art" bestimmt in diesem zusammengesetzten Organismus der Pilz, nur er ist sexuell und bildet Sporen in Fruchtkörpern von unterschiedlichster Gestalt (z. B. schüssel-, strich- oder auch stecknadelförmig). Weltweit unterscheidet man rund 25.000, in Mitteleuropa etwa 2000 Arten.

Praktisch jedes Substrat vermögen Flechten zu besiedeln, Gesteine (auch unter Wasser), Erdboden, Bäume (Borke, Rinde, Blätter, Holz), selbstverständlich auch Moose und anthropogene Substrate wie Mauern, Grabsteine, Autos, Fensterscheiben, Gummi, Leder... Viele Flechten überziehen das Substrat flächig-krustig ("Krustenflechten"), andere sind von blättriger Gestalt und mit dem Substrat mehr oder weniger locker über spezielle Fasern verbunden ("Blattflechten"), während sich wieder andere strauchartig in die Höhe erheben oder von Zweigen oder Felsen herabhängen ("Strauch-" und "Bartflechten"). Häufig kann man auf Flechten auch parasitierende Pilze beobachten, die eine mehr oder weniger stark ausgeprägte Bindung an bestimmte Flechtenarten aufweisen. Manche Flechtenarten vermögen sehr rasch einen Lebensraum zu besiedeln, während andere dafür mindestens Jahrzehnte benötigen, wie z. B. bestimmte Charakterarten historisch alter Wälder. Ohne die entsprechende Erfahrung sieht man es einer Flechte nicht an, ob sie zu den erst- oder den letztgenannten zählt, weshalb nicht eindrücklich genug darauf hingewiesen werden kann, dass man den Kontakt zu erfahrenen Leuten oder einem wissenschaftlichen Verein suchen sollte, bevor man auf eigene Faust mit dem Sammeln und Herbarisieren von Flechten beginnt.

Welche Arten gesetzlich geschützt sind verraten die Roten Listen der Bundesländer oder die Artenschutz-Datenbank des Bundesamtes für Naturschutz. Sie können dazu aber auch die Rubrik Artenschutz unserer Website konsultieren. Grundsätzlich sollte man überhaupt nur dann Flechten von ihrem Standort entfernen, wenn man dies plausibel begründen kann und dafür zuvor eine eventuell erforderliche Genehmigung der Grundeigentümerin eingeholt hat. Die persönliche Einstellung, dass man mit der Entnahme sogleich die Verantwortung für den aus seinem Lebensraum entfernten Organismus übernimmt, hätte verhindern können, dass bestimmte Arten in Deutschland durch Sammler ausgerottet wurden. Oft lassen sich Flechten nicht ohne Beschädigung oder Veränderung ihres Substrates entnehmen, was besonders bedeutend ist mit Blick auf Grabsteine oder gar antike Bauwerke. Diese erhalten übrigens ihre ästhetisch ansprechende Erscheinung gerade durch den Bewuchs mit zahllosen verschiedenen Flechten!

Wolfsflechte Letharia vulpina, Wallis/CH, Foto: NJS
Wolfsflechte Letharia vulpina,
Wallis/CH; Foto: NJS

Während Moose überwiegend grün daherkommen, ist die Welt der Flechten außerordentlich bunt! Schon auf der ersten Flechtenexkursion stellt man daher fest, dass die Anzahl unserer Worte für Farben gar nicht ausreicht, um die unterschiedlichen Farbtöne von Flechten eindeutig zu beschreiben. Die in diesem Dokument bzw. auf der BLAM-Website gezeigten Flechtenbilder lassen die Gestalt- und Farbvielfalt der Flechten nur im Ansatz erahnen. Viele Flechten kann man anhand habitueller Merkmale bereits im Gelände ansprechen, während es dazu bei anderen der chemischen Analytik bedarf. Eine Aufsammlung aller auf Bäumen westeuropäischer Städte vorkommenden Flechten passt in 2 Schuhkartons. Aber: Hätten Sie gedacht, dass allein dabei schon 100 bis 200 verschiedene Arten zusammenkommen können? Selbst auf einem Schachtdeckel aus Beton über einem städtischen Abwasserkanal kann man zuweilen über 25 verschiedene Arten identifizieren! Die kleinsten einheimischen Flechten erkennt man gerade mal an z. B. submillimetergroßen "Pünktchen" auf dem Substrat, während die größten einheimischen Blatt- bzw. Bartflechten durchaus 30 cm Durchmesser bzw. Länge erreichen können, wie Lobaria amplissima bzw. Usnea filipendula. Dabei sollte man jedoch nicht glauben, dass nur die kleinsten Arten schwierig anzusprechen sind. Auf Websites findet man nicht selten offensichtlich falsch benannte, wenngleich oft sehr schöne Fotos großer Blatt- und Strauchflechten. In guten Bestimmungswerken ist das erheblich seltener der Fall.

Lobaria amplissima BucheF
Lobaria amplissima (Bildmitte) an einer Buche im Massif Central, Frankreich; Foto: NJS

Will man diese Winzlinge mit ihrem Namen ansprechen, benötigt man ein Minimum technischer Hilfsmittel, aktuelle Bestimmungsliteratur und die erforderlichen Kenntnisse über den Aufbau und die Lebensweise von Flechten, um die im Bestimmungsschlüssel gestellten Fragen korrekt beantworten zu können. Lehr- und Praktikumsbücher sind hier eine gute Hilfe und insbesondere für Nicht-Biologen unverzichtbar. Auch wer das Lernen am Computer vorzieht, wird sich dennoch ein oder zwei gute Bestimmungsbücher anschaffen (z. B. Wirth 1995 oder Smith et al. 2009) und begleitend qualifizierte Websites mit verlässlichen, aussagekräftigen Abbildungen konsultieren, wie etwa den Verspreidingsatlas Korstmossen der BLWG, ITALIC von Nimis & Martellos, Lichenology.info von Diederich et al. oder die Lichen Photo Gallery des Natural History Museum/Univ. Oslo.

Multiclavula mucida NJS
Multiclavula mucida auf Holz; Bayern, 2009, Foto: NJStapper

Aber kein Buch und keine noch so gut aufgemachte Website können eine Exkursion mit versierten Leuten ersetzen! Das gilt für Flechten vielleicht noch mehr als für Moose. Die BLAM veranstaltet jedes Jahr ihre so genannte "Hauptexkursion", auf der man viele an Flechten (und Moosen) interessierte Menschen aus Deutschland und den Nachbarländern kennen lernen kann (tagsüber Geländeexkursion und am Abend gemeinsame Bestimmungsarbeit und Diskussion über alles Erdenkbare zu Moosen und Flechten). Auch Volkshochschulen, regionale naturkundliche Vereine oder (in NRW) die biologischen Stationen veranstalten Exkursionen oder auch Seminare über Flechten, die manchmal auch im Veranstaltungskalender der BLAM aufgeführt sind. Über das BLAM-Web, die Mailingliste der BLAM für Moos- und Flechten-Interessierte in Mitteleuropa, kann man sich z. B. mit Leuten aus der Umgebung des Wohnortes zu gemeinsamen Exkursionen verabreden. Insbesondere in grenznahen Regionen lohnt sich die Kontaktaufnahme zu Vereinen in den Nachbarländern, z. B. in den Niederlanden, der Schweiz oder Tschechien. Ebenso empfehlenswert ist ein Blick auf das Veranstaltungsprogramm einer in der Nähe befindlichen Universität. Oft gibt es an lokalen Naturkundemuseen fachkundige Personen, die gerne weiterhelfen.

 

Notwendige technische Hilfsmittel - was ist das Minimum?

Wenn man die Flechten eines Gebietes und die von den Arten jeweils besiedelten Substrate schon gut kennt, wird man viele Flechten auch ohne Hilfsmittel sofort ansprechen können. Aber grundsätzlich gilt: Viele Flechten sind sehr klein, und die zur korrekten Bestimmung wesentlichen Merkmale sind ohne technische Hilfsmittel (optische und/oder chemische) nicht zu identifizieren. Vieles an anderer Stelle zu Moosen Geschriebene gilt auch für die Untersuchung von Flechten.

Chaenotheca furfuracea in einem tiefen Borkenriss einer alten Eiche; Foto: NJS
Chaenotheca furfuracea in einem tiefen Borkenriss einer alten Eiche; Foto: NJS

Wichtigstes Hilfsmittel ist eine 10fach vergrößernde Lupe. Ideal sind so genannte Einschlaglupen, weil hierbei die Linse bei Nichtgebrauch in einem Gehäuse geschützt ist. Es gibt Modelle in unterschiedlichster Ausführung und Preisklasse, und "teuer" heißt nicht zwangsläufig "gut" in der Anwendung. Einfache, am häufigsten benutzte und vollauf ausreichende Modelle bestehen aus zwei plankonvexen Linsen, wobei die planen Flächen jeweils außen liegen. Preislage ab fünf Euro auf dem Flohmarkt. Einziger Nachteil ist, dass Feuchtigkeit zwischen diese Linsen gelangen kann und dann das System von innen beschlägt und somit trübe wird. Das ist zumeist dann der Fall, wenn man an besonders feuchten Stellen nach langer Regenwanderung die ganz besonders interessanten Arten erwartet... Besser und deutlich teurer sind verkittete Triplett-Lupen. Diese bestehen aus drei miteinander verklebten Linsen, ein Beschlagen von innen ist also unmöglich, und auch das nutzbare Gesichtsfeld dieser Lupen ist, bei gleichem Linsendurchmesser, meist größer. Spitzenreiter sind sogenannte Kombilupen, die aus mehreren Linsensystemen (zumeist Tripletts) bestehen, die miteinander kombiniert werden können und Vergrößerungen von z. B. 10- bis 28fach erlauben (Weinschenk-Lupe).

Ein Mitglied der BLAM, Erich Zimmermann, fertigt seit einigen Jahren mit Tripletten ausgestattete, sehr robuste Leuchtlupen an (s. Abbildung), die zwar teuer, aber aufgrund der Beleuchtung mit ausgewählten weißen LEDs ebenso praktisch sind.

Zimmermann Lupe
Leuchtlupe "Lichen candelaris"; Herstellerfoto: Erich Zimmermann, Lüterswil, CH

Über das Internet sind Leuchtlupen aus z. B. chinesischer Produktion von teils hervorragender optischer Qualität mit unterschiedlicher Vergrößerung und mit weißen oder UV-LEDs zu erwerben. Flechten in einem Borkenriss am Stammfuß eines Waldbaumes kann man zwar auch mit einer unbeleuchteten Lupe erkennen, doch wenn die zweite Hand dabei eine Lampe hält, merkt man doch sehr rasch, dass eine dritte Hand zum Abstützen fehlt...

Gyalecta jenensis NJS
Gyalecta jenensis; Foto: NJS

3 Tropffläschchen mit Reagenzien für den C-P-K-Tüpfeltest. Diese kleinen Fläschchen enthalten Natriumhypochlorit, para-Phenylendiaminlösung oder Kalilauge. Sie erlauben eine möglichst kontrollierte Applikation kleinster Reagenztröpfchen zur Überprüfung von Farbreaktionen bestimmter Flechteninhaltsstoffe. Auf Veranstaltungen der BLAM oder Exkursionen mit Flechtenkundigen kann man erlernen, wie diese Lösungen reaktionsfreudiger Substanzen, die keinesfalls auf die Haut oder in die Augen gelangen dürfen, fachgerecht aufbewahrt bzw. mitgeführt und angewendet werden. Manche Inhaltsstoffe bewirken, dass die Flechte bei Beleuchtung mit ultraviolettem Licht etwa weiß, gelb, orange oder tiefrot fluoresziert. Bei einigen Arten reicht dazu ein sonst zur Banknotenprüfung gedachtes UV-Lämp­chen aus, bessere Ergebnisse ermöglichen jedoch Laborlampen, die kurzwelligeres UV emittieren und zum Auffinden fluoreszierender Substanzen in Dünnschichtchromatogrammen verwendet werden.

Ein Stereomikroskop zum Präparieren. Ebenso wie ein Fernglas besitzt dieses Auflichtmikroskop 2 getrennte optische Tuben und ermöglicht somit räumliches Sehen ("Feldstecher für die extreme Nähe") bei Vergrößerungen zwischen typischerweise 10- und 60fach. Muss man Querschnitte von z. B. Apothecien oder Loben anfertigen, dann erledigt man das am einfachsten unter stereomikroskopischer Kontrolle. Auch kleine makroskopische Merkmale sind mit einem Stereomikroskop sehr schön zu erkennen. Der Begriff "schön" ist hier auch deshalb angebracht, weil man die Schönheit vieler Flechten insbesondere mit einem guten Stereomikroskop genießen kann! Aufgrund des doppelten optischen Aufbaus sind diese Geräte recht teuer, und für langlebige Laborausführungen mit stufenloser Vergrößerungswahl sind mindestens 1500,- Euro anzulegen.

Lecanoric acid Hypoc scalar
Rekristallisierte Lecanorsäure aus Hypocenomyce scalaris; Polaris.-Mikrofoto: NJS

Unverzichtbar ist ein Mikroskop. Dieses muss kein High-End-Gerät sein, aber ein Durchlichtmikroskop mit einäugigem Einblick, 40- bis 1000facher Vergrößerung (ein 100x-Ölimmersionsobjektiv ist unerlässlich für Beobachtungen an Sporen), Kondensor und Beleuchtung sind wohl das absolute Minimum. Ein Objektführer (Kreuztisch) erleichtert die Arbeit ungemein, ein höhenverstellbarer und zentrierbarer Kondensor mit Irisblende und ein Binokulartubus sind heute Standard an Mikroskopen aus dem mittleren Preissegment. Sofern man nicht durch das Mikroskop fotografieren möchte, kann man sich mit einfachen Objektiven begnügen, die nahe der optischen Achse sehr scharf abbilden (Achromat, Clinical-Plan-Achromat). Spezielle Kontrastverfahren benötigt man so gut wie nie. Die korrekte Anwendung von Färbemitteln (z. B. Lactophenolblau oder Jod-Zubereitungen, manche sind auch korrosiv) lässt man sich zunächst von erfahrenen Leuten zeigen.

Was man im Gelände zusätzlich zur Lupe dabei haben sollte: einen Spachtel zum Abheben von Flechten vom Erdboden; ein Messer mit möglichst kurzer Klinge, die sich sicher führen lässt, um Flechtenproben behutsam von Rinde oder Borke oder Gesteinen zu entnehmen; Tüpfeltestreagenzien; einen Sortierkasten, in dem man Proben unter Erhalt ihrer Struktur mitnehmen kann, um sie später im Labor zu fotografieren; Butterbrottüten ("Jausensackerl") oder aus A4-Bögen gefaltete Herbarkapseln, oder billiger: Zeitungspapier als Verpackung für die Flechtenproben.

Cyphelium notarisii NJS
Cyphelium notarisii auf bearbeitetem Holz; NJStapper (2012)

Anspruchsvollere Methoden zur Flechtenbestimmung: Zur eindeutigen Bestimmung oder Abgrenzung von Sippen bedient man sich der Inhaltsstoffe und molekulargenetischer Merkmale der Flechten. Die dazu entwickelten Methoden sind teils sehr komplex. Hier seien beispielhaft genannt die Mikro-Rekristallisierung von Inhaltsstoffen (apparativ wenig aufwändig, setzt aber ausreichend Erfahrung voraus), die dünnschichtchromatographische (TLC bzw. HPTLC; apparativ aufwändiger als die Mikro-Rekristallisation, aber sehr aussagekräftig und in kleinen Labors mit erforderlichen Sicherheitseinrichtungen durchführbar) oder die flüssigkeitschromatografische Analyse (HPLC; apparativ aufwändig, Forschungslabors vorbehalten) von solchen Inhaltsstoffen. Fragen zu diesen Methoden können u.a. im BLAM-Web gestellt werden. Die BLAM veranstaltet ab und an auch Kurse, in denen diese Methoden vorgestellt oder angewendet werden.

Fotografische Dokumentation: Flechten sind sehr beliebte Fotoobjekte. Zuweilen sind sie sogar nicht das eigentliche Fotoobjekt, sondern der für die richtige Stimmung wesentliche Teil der Kulisse, wie etwa die Bartflechten im Nebelwald oder die üppigen Epiphyten an einem alten Parkbaum in England. Die schönsten Bilder zeigen die Arten an ihrem charakteristischen Standort bzw. auf ihrem typischen Substrat, und zur Darstellung der für die korrekte Artansprache wesentlichen Merkmale bedarf es meist der Makrofotografie, also Aufnahmen aus nächster Nähe und lebensgroßer oder sogar überlebensgroßer Abbildung auf dem Film bzw. Sensor der Kamera. Es gibt inzwischen gut entwickelte und sogar unter Geländebedingungen anwendbare Techniken zur Anfertigung sehr tiefenscharfer Makrofotos mittels Stapelbildverfahren, für die auf die Rubrik "Allgemeines zur Mooskunde" dieser Website verwiesen wird. Die BLAM veranstaltet ab und an Mikro- und Makrofoto-Kurse, in denen man wesentliche Techniken lernen oder Tipps für den Umgang mit den bereits vorhandenen Geräten erhalten kann.

Praktikumsbücher (sehr kleine Auswahl)

  • BRAUNE, W., LEMAN, A., TAUBERT, H. (1982): Pflanzenanatomisches Praktikum II. Jena (Fischer).
  • MASUCH, G. 1993: Biologie der Flechten. - Stuttgart (Ulmer).

 

Flechten sammeln und herbarisieren

Anleitung: A4-Blatt zu einer Herbarkapsel falten
Anleitung: A4-Blatt zu einer Herbarkapsel falten

Wer sich erstmals mit Flechten beschäftigen will, sollte (1) sich ein gut bebildertes Bestimmungswerk beschaffen (also mit Bildern von Flechten und insbesondere von ihren anatomischen Merkmalen, illustriertes Glossar) und (2) am besten erst einmal nur gemeinsam mit einer erfahrenen Person auf Exkursion gehen, die weiß, welche Arten nicht gesammelt werden dürfen.

Eine Flechtensammlung kann z. B. zur Dokumentation des Artenspektrums eines bestimmten Gebietes verwendet und später einer wissenschaftlichen Einrichtung gestiftet werden. Flechtenexkursionen kann man in Mitteleuropa das gesamte Jahr über unternehmen. Im Gelände benötigt man eine Lupe 10x (ggf. auch eine zusätzliche stärkere), mit der sich schon viele Arten habituell ansprechen lassen. Darüber hinaus benötigt man ein Messer mit möglichst kurzer Klinge (lässt sich am einfachsten handhaben), einen Spachtel (für terrestrische Arten), oder einen Hammer und einen schmalspitzigen Meißel (für epilithische Vorkommen). Man entnimmt nur solches Material, das auch Aussicht auf eine erfolgreiche Bestimmung verheißt, und auch nur so viel wie unbedingt erforderlich ist für den beabsichtigten Zweck.

Will man die Flechten im Labor fotografieren, dann sollte man sie möglichst vorsichtig handhaben, damit sie ihre typische Gestalt beibehalten. Auch für die kurzzeitige Aufbewahrung sollte man nur Behältnisse aus Papier verwenden, ähnlich den auf der Abbildung rechts skizzierten Herbarkapseln oder auch käufliche Butterbrottüten. In jede Papierkapsel kommt nur eine Probe. Alle Papierkapseln bekommen fortlaufende Nummern. Die Angaben zum Fundort (Gebiet, geogr. Koordinaten, Höhe, Exposition, Geländenutzung) und zum Substrat (Baumart, Gestein, Beschaffenheit) notiert man in ein Exkursionstagebuch. Unter die Fundortangaben schreibt man die Nummern der gesammelten Proben, jede in eine neue Zeile; nach der Bestimmung hinter jede Nummer den Artnamen. Auf diese Weise hat man eine Übersicht aller gesammelten Flechten nach Sammelnummern und Fundorten. Über die Nummer ist jede Probe eindeutig identifiziert und ihre Herkunft bestimmt.

Paranectria oropensis Canre
Flechtenbewohnender Pilz Paranectria oropensis auf Phaeophyscia orbicularis und Candelariella reflexa; Foto: NJS

 

Bestimmungsliteratur (kleine Auswahl)

  • WIRTH, V., HAUCK, M., SCHULTZ, M. (2013): Die Flechten Deutschlands. - Eugen Ulmer, Stuttgart; 2 Bände, 1244 S. [aktuelles Standardwerk für Deutschland; enthält zahlreiche Farbfotos].
  • SMITH, C.W., APTROOT, A., COPPINS, B.J., FLETCHER, A., GILBERT, O.L., JAMES, P.W., WOLSELEY, P.A. eds. (2009): The lichens of Great Britain and Ireland, British Lichen Society, London. - Richmond Publishing, Slough. 1046p.
  • Nordic Lichen Flora, Volume 1 (1999): Introductory Parts, Calicioid Lichens and Fungi; Volume 2 2002): Physciaceae; Volume 3 (2007): Cyanolichens; Volume 4 (2011): Parmeliaceae; Volume 5 (2013): Cladoniaceae. - Herausgeber: The Nordic Lichen Society - Uddevalla. [jeder Band enthält im Anhang zahlreiche Farbfotos, teils auf beigefügter CD].
  • CLAUZADE G., ROUX C. (1985): Likenoj de Okcidenta Eŭropo. Ilustrita determinlibro.- Royan, S.B.C.O. édit. (Bull. Soc. bot. Centre-Ouest, n° spéc. 7), 893 + 2 p. [insbesondere in Frankreich/Westeuropa gut verwendbarer Schlüssel in Esperanto mit zahlreichen Zeichnungen diagnostisch relevanter Details; eine französische Übersetzung ist über die Association française de Lichénologie erhältlich].

 

Bildbände, Bestimmungsschlüssel mit Flechtenfotos (sehr kleine Auswahl)

  • VAN HERK, C. ; APTROOT, A. (2004): Veldgids Korstmossen. - KNNV Uitgeverij.
  • DOBSON, F.S. (2011): Lichens. An Illustrated Guide to the British and Irish Species. - 6. Auflage. - Informationen zur Bestellung des Buches finden Sie hier.
  • BRODO, I.M., SHARNOFF, S.D.; SHARNOFF, S. (2001): Lichens of North America. - Yale University Press

Die Bestimmung von Flechten anhand von Bildern ist eine sehr problematische Angelegenheit! Selbst wenn die zum Vergleich herangezogenen Fotos noch so gut sein mögen, sowohl in handwerklicher Sicht (z. B. Farbtreue) als auch hinsichtlich der korrekten Ansprache der abgebildeten Flechtenart, wird man in vielen Fällen um eine fundierte Bestimmung anhand der diagnostischen Merkmale mit einem für das Untersuchungsgebiet relevanten Schlüssel nicht herum kommen. Ein einzelnes Foto kann nie alle für eine Bestimmung relevanten Details zeigen, und oft kann man sich sogar nur sicher sein, dass die abgebildete Flechte tatsächlich der erwähnten Gattung angehört! Farbreaktionen oder tatsächlich relevante Details werden selten gezeigt, obwohl die Fotografen eigentlich über entsprechende Bilder verfügen könnten (die zugegebenermaßen selten als "schöne Bilder" taugen), wenn sie doch die kritischen Details tatsächlich sorgfältig untersucht haben. Damit sollen keinesfalls die vielen schönen Internetseiten mit Flechtenfotos mies gemacht, sondern vielmehr zum kritischen Umgang damit aufgerufen werden. Links auf Websites mit Bildern von Flechten oder Checklisten finden Sie hier und auf den Websites anderer Organisationen, die sich auf Flechten spezialisiert haben.

 

Themen für Schülerarbeiten

Ochrolechia pallescens, Südfrankreich, Foto: NJS
Ochrolechia pallescens, Südfrankreich, Foto: NJS

So genannte Schüler-Jahresarbeiten werden an vielen Schulen angefertigt, ihr inhaltlicher Anspruch, die Bearbeitungszeit und der angesprochene Jahrgang sind sehr unterschiedlich. Manchmal kann durch eine solche Projektarbeit eine Klausur ersetzt werden. Flechten eignen sich hervorragend als Bearbeitungsgegenstand, und je nach Jahrgangsstufe kann man angemessene Themen vergeben. Häufig wurde der Autor bereits um Hilfe bei der Auswahl geeigneter Themen gebeten, und bisher sind dabei immer schöne Arbeiten mit guter Benotung entstanden. Um Frustrationen vorzubeugen, mussten dafür die anfänglichen Vorstellungen der KandidatInnen oft erst einmal auf ein vernünftiges Niveau reduziert werden - kurz gesagt: Eine immissionsökologische Kartierung einer Kleinstadt ist durch eine Schülerin in vier Wochen nicht zu leisten, auch wenn genau dieses Thema immer wieder gewünscht oder von Lehrern sogar vergeben wird.

Dabei ist es viel reizvoller, weil näher an der Wissenschaft, echte aktuelle Fragen zu bearbeiten. So kann man beispielsweise die Frage nach der Verbreitung einer erst seit kurzer Zeit im Untersuchungsgebiet überhaupt vorkommenden Flechte oder einer erst kürzlich von einer anderen Art separierten Flechte zum Gegenstand machen. Das ist spannend, weil es auch die Fachwelt interessiert. Bei solchen Arbeiten ist selbst ein sauber dokumentiertes Nicht-Vorkommen der Art ein sinnvolles Ergebnis, insbesondere wenn der Kandidat/die Kandidatin anhand von Bildern oder Beschreibungen der gesuchten Art klar belegt, dass sie tatsächlich wusste, wonach sie gesucht hat und wie viele Fundpunkte für die jeweilige Aussage erforderlich waren. Geprüftes Belegmaterial muss dafür allerdings zuvor ausgegeben und die Kandidatin fachgerecht angeleitet werden in Sachen Flechtenerkennung, aber auch hinsichtlich der Beschaffenheit des Untersuchungsgebietes, dem Umgang mit GIS-Programmen, der statistischen Datenauswertung und was auch immer sonst erforderlich ist.

Im Archive for Lichenology finden Sie ein paar flechtenkundliche Arbeiten von Schülerinnen und darin noch Links auf weitere. Interessierte Lehrerinnen und Lehrer oder auch die Kandidaten selbst sind herzlich eingeladen, im BLAM-Web oder auch beim Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! um Vorschläge für Themen oder um Unterstützung bei der praktischen Bearbeitung nachzufragen. Häufig genutztes Arbeitsmittel sind die ökologischen Zeigerwerte von Flechten, die Sie über diesen Link herunterladen können (Zitiervorschlag: Wirth, V. (2010): Ökologische Zeigerwerte von Flechten. - Herzogia 23 (2): 229-248).

 

Dünnschnitte von Flechten und Moosen (Text: Ralf Wagner)

Von Moos- und Flechtenmaterial kann man mit etwas Übung ausreichend dünne Handschnitte anfertigen und muss somit kein teures Mikrotom anschaffen. Benötigt wird lediglich eine (halbierte) Rasierklinge, ein Stereomikroskop und als Einbettmedium PEG 1500 (Polyethylenglykol).

Leptogium corniculatum, Thallusquerschnitt mit Cyanobacterien; Foto: NJS
Leptogium corniculatum, Thallusquerschnitt mit Cyanobacterien; Foto: NJS

Man beginnt mit dem getrockneten Material. Vor dem Schneiden legt man das trockene Material für 24 h in eine 20 % wässrige Lösung von PEG 1500. Dann legt man das nasse, mit PEG-Lösung durchtränkte Blatt oder einen Teil davon auf einen Objektträger und lässt das Wasser verdunsten (ca. 24 h). Anschließend ist das Objekt mit PEG imprägniert (eingebettet) und gleichzeitig auf dem Objektträger leicht festgeklebt.

Dann beginnt das Schneiden unter dem Stereomikroskop. Den linken Zeigefinger legt man dazu auf das Objekt und schneidet dann mit der Rasierklinge entlang der Fingerkuppe einmal großzügig einen Streifen ab. Dann hat man eine gerade Schnittkante und von dort aus beginnt man. Wenn man jetzt den linken Zeigefinger ein wenig zurücknimmt oder die Rasierklinge etwas fester an die Fingerkuppe drückt, erhält man einen ersten Schnitt. Etwas Übung braucht man schon und mit der Zeit entwickelt sich ein motorisches Feingefühl, das zu hinreichend dünnen Schnitten führt.

Die Schnitte legt man in 10%ige PEG-Lösung, damit sich das PEG nicht zu rasch wieder auflöst und dabei den Schnitt beschädigt. Querschnitte von Flechten kann man ohne weitere Färbung in Euparal einschließen und dann untersuchen. Bei Moosen, insbesondere bei Torfmoosen, wird man vor der mikroskopischen Untersuchung einfärben wollen und dann untersucht man das Material direkt in Wasser.

Candelaria pacifica, Thallusquerschnitt: Unterrinde fehlt bei dieser Art! Foto: NJS
Candelaria pacifica, Thallusquerschnitt: Unterrinde fehlt bei dieser Art! Foto: NJS

Literatur zur Einbettung in PEG:

  • Halle W (1959): Die Verwendung von wasserlöslichen Polywachsen als Einbettungsmittel in der histochemischen und histologischen Technik. Mikrokosmos Band 48, Seite 275
  • Türler S (1972): Ein ideales Einbettungsmittel? Erfolge und Schwierigkeiten mit Polyäthylenglykol. Mikrokosmos Band 61, Seite 91
  • Theiler R (1973): Polyäthylenglykol als Hilfsmittel beim Gefrierschneiden. Mikrokosmos Band 62, Seite 59
  • Krauter D (1979): Das Kosmos-Mikrotom. 3. Wahl der Objekte. Durchtränkung mit Paraffin oder Polyäthylenglykol. Mikrokosmos Band 68, Seite 144
  • Jentzen A (1988): Erfahrungen mit Histowachs. Mikrokosmos Band 77, Seite 57
  • Pareto A (1989): Rasches Einbettungsverfahren für krautige Pflanzenteile in Polyäthylenglykol. Mikrokosmos Band 78, Seite 255
  • Pareto A (1989): Polyethylenglykol als besonders gut geeignetes Einbettungsmedium für trockene Samenschalen von Leguminosen. Mikrokosmos Band 78, Seit 337
  • Gruber M (1989): Einbettung von Pflanzenteilen in Polyethylenglykol. Herstellung von perfekten Dünnschnitten mit dem Handmikrotom. Mikrokosmos Band 78, Seite 124

 

Text und Fotos, soweit nicht anders angegeben: NJ Stapper