Moos und Flechte des Jahres 2019

 

Jedes Jahr bestimmen die Mitglieder der BLAM auf ihrer Jahreshauptversammlung Moos und Flechte des Jahres.

Für 2019 wurden ausgewählt:
das Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos  (Cryphaea heteromalla) und die Breitlappige Schüsselflechte (Parmotrema perlatum).

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Texte und Fotos von Wolfgang von Brackel  und Norbert J. Stapper, sofern nichts anders angegeben ist.

Die Bildautoren sind in [Klammern] angegeben.
Stand: Januar 2019

Copyright-Hinweis: Eine Verlinkung zu unserer Homepage bzw. direkt zu dieser Seite sowie ein Abdruck der hier gezeigten Bilder in Naturschutz-relevanten Druckwerken ist bei Nennung des jeweiligen Bildautors und der BLAM e.V. ausdrücklich erwünscht!

Abgesehen von diesem begrenzten Verwertungsrecht verbleiben alle Rechte an den Bildern bei den jeweiligen Autoren. Über Belegexemplare freuen wir uns.

Rückfragen zu Moos und Flechte des Jahres richten Sie bitte an W. von Brackel.

Texte und Fotos von Wolfgang von Brackel, sofern nicht anders angegeben.

Die Bildautoren sind in [Klammern] angegeben. Stand: Dezember 2013

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Die Rechte an den Bildern verbleiben bei den jeweiligen Autoren.
Über Belegexemplare freuen wir uns. Rückfragen zu Moos und Flechte des Jahres richten Sie bitte an Wolfgang von Brackel.

Parmotrema perlatum WvB FdJ2019 klein
Breitlappige Schüsselflechte (Parmotrema perlatum
[Wolfgang von Brackel]   

In den vergangenen Jahren haben wir jeweils eine Flechte und ein Moos vorgestellt, die charakteristisch für einen bestimmten Standort wie Kalkfelsen oder Moore sind oder die als eine Folge bestimmter Umweltwirkungen aus ihrem Lebensraum verdrängt oder, seltenerer Fall, häufiger werden. In diesem Jahr können auch wir uns einer hochaktuellen Fragestellung nicht entziehen, den Auswirkungen des Klimawandels auf die Organismen in unserer Umwelt. Die beiden gewählten Arten, die Flechte Parmotrema perlatum und das Moos Cryphaea heteromalla, mögen dafür als Beispiel dienen.

Die Grenzen des Lebensraumes von Pflanzen und Tieren werden ganz wesentlich vom Klima bestimmt. Folglich gehören Arealverschiebungen hin zu höheren Breitengraden oder größeren Höhen über dem Meer zu den vielfach beobachtbaren Veränderungen im Zuge des globalen Klimawandels. Auch wenn andere den freiwerdenden Raum besetzen, ist insgesamt ein erheblicher Rückgang der Biodiversität zu verzeichnen.

Wirkungen des Klimawandels auf Flechten wurden zuerst aus den Niederlanden berichtet, wo sich die Flechten mit sinkenden Schwefeldioxidimmissionen zwar rasch erholten, aber bald auffiel, dass an warme Standorte angepasste ozeanische Arten häufiger und boreale Arten seltener wurden. Die gleiche Entwicklung ist auch in Deutschland zu beobachten, am deutlichsten im durchschnittlich wärmsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Das auffallendste Kennzeichen des Klimawandels ist der in den letzten 30 Jahren sogar beschleunigte Anstieg der mittleren Temperatur, in Deutschland um rund 1 Kelvin seit 1881. Doch weniger die gestiegene Temperatur selbst, sondern vielmehr damit einhergehende Veränderungen von beispielsweise der Verteilung von Niederschlägen oder der Zeiten, die übers Jahr verteilt zur Nettophotosynthese genutzt werden können, scheinen für die Flechten relevant zu sein. Man denke z. B. an milder gewordene Winter.

 

KWZ DUS Sued 03 18 NJStapper
Veränderung der Häufigkeit von Klimawandelzeigerarten (Flechten) gemäß VDI 3957 Blatt 20 zwischen 2003 und 2018 an einer Messstartion in Düsseldorf-Garath. Der Wert von 2018 (bzw. 2017) ist signifikant größer als der von 2016 (bzw. 2015), p<0,01 (Wilcoxontest, gepaarte Daten). [Originaldaten, Link (PDF, extern); Grafik: NJ Stapper].   

 

 

 

Moos- und Flechtenkundige aus der BLAM wirken seit vielen Jahren ehrenamtlich an der Erstellung von VDI-Richtlinien zur Erfassung von Umweltwirkungen auf Moose oder Flechten mit. So in der Arbeitsgruppe "Wirkungsfeststellung an Niederen Pflanzen" in der Kommission Reinhaltung der Luft KRdL. Deren jüngstes Produkt, die Richtline VDI 3957 Blatt 20, verwendet ausgewählte Indikatorarten zur standardisierten Kartierung lokaler Klimaveränderungen, und wie zu erwarten, sind diese "Klimawandelzeiger" im Westen von Nordrhein-Westfalen besonders häufig geworden. Unsere Flechte des Jahres 2019, Parmotrema perlatum, ist eine dieser Zeigerarten, die allerdings schon vor der Industrialisierung u.a. im NRW-Rheinland vorkam. Seit etwa 2000 ist sie dorthin auch wieder zurückgekehrt und stellenweise an 20 % der Alleebäume zu beobachten - also eine recht häufige Art. Dies ist auch einer der Gründe für die Wahl von Parmotrema perlatum zur Flechte des Jahres, denn viele andere Klimawandelzeiger-Flechten sind in weniger milden Regionen von Deutschland erheblich seltener oder fehlen (noch), wie z. B. die entlang der Rheinschiene seit 2003 kontinuierlich häufiger werdende Sternenhimmelflechte (Punctelia borreri) oder die sehr seltene Netz-Schüsselflechte (Parmotrema reticulatum).

 

Cryphaea heteromalla NJS Saarl 13mm klein
Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos; Fundort: Saarland.
[Norbert J. Stapper]   

Ebenso wie Flechten nehmen auch Moose Wasser über die gesamte Oberfläche auf. Bei Trockenheit fallen sie trocken und können so mehr oder weniger lange Zeit überleben. Im Vergleich zu Flechten liegen weniger Daten über klimawandelbedingte Arealverschiebungen vor. Doch für einige Arten scheint das der Fall zu sein, beispielseise für Cryphaea heteromalla, unser Moos des Jahres 2019.

 

Quellen zum Thema Klimawandelwirkungen auf Moose und Flechten:

Gignac, D. (2001): Bryophytes as Indicators of Climate Change. – The Bryologist 104: 410-420.
He, X., He, K.S. Hyvönen, J. (2016): Will bryophytes survive in an warming world? – Perspectives in Plant Ecology, Evolution and Systematics 19: 49-60.
VDI (2017): Biologische Messverfahren zur Ermittlung und Beurteilung der Wirkung von Umweltveränderungen (Biomonitoring) – Kartierung von Flechten zur Ermittlung der Wirkung von lokalen Klimaveränderungen. VDI 3957 Blatt 20 – Verein Deutscher Ingenieure, Düsseldorf.
van Herk, C.M., Aptroot, A. & van Dobben, H.F. (2002): Long-term monitoring in the Netherlands suggests that lichens respond to global warming. Lichenologist 34: 141-154.

Informationen zur Entwicklung der mittleren Temperatur in einzelnen Bundesländern etc. finden Sie auf der Homepage des Deutschen Wetterdienstes (externer Link).

[Norbert J. Stapper]

Die "Landkartenflechte", Rhizocarpon geographicum,
ist die Flechte des Jahres 2014

Die Landkartenflechte ist eine der bekanntesten Flechtenarten, was sich schon daran zeigt, dass sie einen gebräuchlichen deutschen Namen hat. Bei einiger Phantasie erinnern ihre gefelderten, grün-schwarz gemusterten Lager auf Silikatfelsen tatsächlich an Landkarten.

Aussehen

Die Art ist unverkennbar und nur mit einigen nahe verwandten Arten zu verwechseln. Ihre gefelderten, leuchtend gelben bis olivgrünen Lager sind fest mit dem besiedelten Gestein verwachsen. Zwischen den schwarz gesäumten, gelben Thallusfeldern (Areolen) liegen die kantigen, schwarzen Fruchtkörper (Apothecien). Oft ist das gelbe Lager von einem schwarzen Vorlager umgeben. Im mikroskopischen Schnitt zeigen sich große, dunkelbraune, mauerförmig geteilte Sporen.

In der Gattung Rhizocarpon findet sich eine Reihe weiterer Arten mit gelblichem Lager, die aber selten und/oder auf die Hochlagen beschränkt sind. Zu ihrer Unterscheidung müssen die Sporen und teilweise auch die für eine Art typischen Inhaltsstoffe im Thallus chemisch untersucht werden. Rhizocarpon geographicum selbst wird in mehrere Unterarten unterteilt und stellt wahrscheinlich eine komplexe Sammelart dar.

Ökologie

Die Landkartenflechte ist eine Art saurer Silikatfelsen, die in den felsreichen Gebirgslagen oft aspektbildend auftritt. Neben ihren natürlichen Standorten kommt sie auch auf Mauern, an Grabsteinen und auf Ziegeln vor. Hier zeigt sich auch ihre Vorliebe für sauere Gesteine: frische Ziegel werden nicht angenommen, erst wenn die basischen Anteile durch den Regen ausgewaschen sind, erfolgt eine Besiedlung. Die Art bevorzugt offene, beregnete Standorte und meidet sickerfeuchte oder schattige ebenso wie eutrophierte Felsbereiche.

Verbreitung und Gefährdung

Die Art ist aus ganz Mitteleuropa bekannt. Während sie in den Alpen und den Mittelgebirgen ziemlich häufig bis sehr häufig vorkommt und nicht gefährdet ist, klingt sie im Norddeutschen Flachland aus und gilt etwa in Schleswig-Holstein als vom Aussterben bedroht. Insgesamt ist sie weltweit in kühlen bis kalten Regionen verbreitet, wobei sie sich in den Wärmegebieten in die höheren Gebirge zurückzieht.

Wie bei Hedwigia ciliata, dem Moos des Jahres 2014, ist der Rückgang außerhalb der Gebirge zu einem großen Teil auf das Verschwinden von Findlingsblöcken und Steinriegeln aus der Landschaft zurückzuführen. Sie sind entweder der Flurbereinigung zum Opfer gefallen oder durch Nutzungsauflassung von Extensivweiden so dicht mit Gehölzen bewachsen, dass sie für die lichtliebenden Arten zu dunkel geworden sind.

Biologie

Unter den Krustenflechten gibt es relativ schnell und sehr langsam wachsende – die Landkartenflechte gehört eindeutig zu den letzteren. Die Wachstumsraten sind einerseits abhängig von der geografischen Breite bzw. der Meereshöhe und andererseits vom Alter bzw. der Größe der Flechtenlager. So wurden in der Arktis Wachstumsraten von etwa nur 0,15 mm/Jahr in der Jugend (die ersten 250 Jahre!), dann nur noch 0,03 mm/Jahr gemessen, während sie bei Messungen in Wales, Schottland, Island und der Schweiz zwischen 0,3 und 1 mm/Jahr lagen. Sind die Wachstumsraten an einem bestimmten Ort bekannt, können sie zum Datieren des Rückzugs von Gletschern bzw. allgemein zum Bestimmen des Alters von freiliegenden Gesteinen (prähistorische Steinfiguren) genutzt werden; diese Methode der Altersbestimmung nennt sich Lichenometrie.

Rhizocarpon geographicum ist ein sehr langlebiger Organismus, bei einzelnen Individuen wurde ein Alter von weit über 1000 Jahren ermittelt. Zudem ist sie ausgesprochen resistent gegen Kälte, so ist sie auch bei Minusgraden photosynthetisch aktiv.

Die Landkartenflechte war eine der Arten, die im Rahmen der Lithopanspermia-Experimente für 10 Tage den Bedingungen des Weltraums ausgesetzt wurden, was sie ohne größere Schäden überstand. Den Wiedereintritt in die Erdatmosphäre an der Außenwand der Raumkapsel überlebte sie jedoch nicht (das hielt nicht einmal der Granitbrocken aus, auf dem sie wuchs).

Flechtenbewohnende Pilze

Rhizocarpon geographicum ist Wirtsflechte einer ganzen Reihe flechtenbewohnender Pilze (13 Arten) und parasitischer Flechten (7 Arten). Der Typus der erst jüngst beschriebene Art Pronectria rhizocarpicola wurde 2006 auf einer Exkursion der BLAM in der Schweiz gefunden.

Rhizocarpon geographicum im Internet (kleine unvollständige Linkauswahl - nennen Sie uns bitte weitere Links)

Fotos von Rhizocarpon geographicum

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Felsen mit Rhizocarpon geographicum; Foto: WvBrackel
Flechtenfelsen - Lebensraum von Rhizocarpon geographicum
[Wolfgang von Brackel]   
Hochgebirge, Lebensraum von Rhizocarpon geographicum; Foto: HHofmann
Hochgebirge, Lebensraum von Rhizocarpon geographicum; Foto: HHofmann   
Rhizocarpon geographicum; Foto: MSchultz
Rhizocarpon geographicum [Matthias Schultz]   
Rhizocarpon geographicum; Foto: WObermayer
Rhizocarpon geographicum [Walter Obermayer]   
Rhizocarpon geographicum; Foto: WObermayer
Rhizocarpon geographicum [Walter Obermayer]   
Rhizocarpon geographicum; Foto: RTuerk
Rhizocarpon geographicum [Roman Türk]   
Rhizocarpon geographicum Niedersachsenhaus VIII 2009 070 RTuerk small
Rhizocarpon geographicum [Roman Türk]   
Hochgebirge, Lebensraum von Rhizocarpon geographicum; Foto: HHofmann
Von Krustenflechten überzogener Fels in den Schweizer Alpen,  typischer Standort für Rhizocarpon geographicum. Weiteres Foto eines derartigen Standortes von der gleichen Autorin. [Heike Hofmann]   
Rhizocarpon geographicum, Oetztal, Rotmoos; Foto: MJeschke
Rhizocarpon geographicum an Quarz, Oetztal bei Rotmoos. [Michael Jeschke]   
Rhizocarpon geographicum, Bahnbrache Neuaubing; Foto: MJeschke
Rhizocarpon geographicum an Gleisschotter, früheres Gleisausbesserungswerk im Münchner Westen (Neuaubing)   
Rhizoc geograph Thur NJS0119 small
Rhizocarpon geographicum an einem Aussichtsfelsen im Thüringer Wald, BLAM-Hauptexkursion Herbst 2013; das Lager ist stark erodiert (Abrieb durch Betreten etc.), die kleinen schwarzen "Würmchen" auf der gelben Lageroberfläche (im Vollbild erkennbar) sind Sporen der Flechte! [Norbert J. Stapper]   
Pronectria rhizocarpicola on Rhizocarpon geographicum; Foto: WvBrackel
Pronectria rhizocarpicola auf Rhizocarpon geographicum [Wolfgang von Brackel]   
Rhizocarpon on tiles; Baden-Wuerttemberg, D; Foto: NJStapper
Flechtenkundler bei der Arbeit: Rhizocarpon lecanorinum (rechte Seite oben) und R. geographicum auf Dachziegeln; man erkennt hier besonders deutlich das dunkle Vorlager. Baden-Württemberg, D [Norbert J. Stapper]   

Die Breitlappige Schüsselflechte, Parmotrema perlatum, ist die Flechte des Jahres 2019

Die Breitlappige Schüsselflechte ist durch eine glatte, zum Zentrum hin gerunzelte, hellgraue Oberfläche und lange schwarze randständige Zilien gekennzeichnet. Sie besiedelt die Rinde von Laubbäumen in lichten Laubwäldern und im Offenland in milden, vorwiegend ozeanisch getönten Lagen.

Aussehen

Das in trockenem Zustand grauweiße, feucht grünliche Lager ist in breite, gerundete Lappen gegliedert, deren Ränder wellig gebuchtet, zurückgebogen und vor allem an den Lappenenden mit mehr oder weniger kopfigen Randsoralen besetzt sind. Die mit einfachen Rhizinen (wurzelähnlichen Gebilden) besetzte Unterseite ist schwarz bis auf eine hellere rhizinenlose Randzone. Besonderes Kennzeichen sind die feinen, langen, schwarzen Zilien, die sich an den Lappenrändern entwickeln und gelegentlich fehlen, wenn sie z. B. abgefressen wurden. Die für die Familie der Parmeliaceen typisch schüsselförmigen Apothecien (Fruchtkörper) kommen bei uns nur sehr selten vor.

Von den anderen, bei uns viel selteneren Arten der Gattung sowie von ähnlichen Gattungen der Parmeliaceae (Cetrelia, Hypotrachyna, Platismatia) ist sie durch die Kombination der Merkmale Vorhandensein schwarzer Zilien und kopfiger Randsorale, Fehlen von Pseudocyphellen oder ähnlichen Strukturen auf der Thallusoberseite, Fehlen von Isidien und die Gelbfärbung von Rinde und Mark bei Zugabe von Kalilauge unterschieden.

Ökologie

Die Breitlappige Schüsselflechte siedelt vorwiegend auf der Rinde von Laubbäumen und -sträuchern in lichten Laubwäldern und im Offenland in relativ niederschlagsreichen, gerne ozeanischen Lagen. Vor allem an der Küste (etwa auf den Britischen Inseln, in Skandinavien oder in Italien) kommt sie auch an Silikatfelsen oder gar auf Torf vor. Sie gilt als empfindlich gegenüber SO2-Immissionen. Dies wird dadurch unterstrichen, dass die Art in vielen Ländern wieder zunimmt, in Polen dagegen (wo weiterhin in großem Stil Braunkohle verfeuert wird) aber offenbar kurz vor dem Aussterben steht oder bereits ausgestorben ist.

Verbreitung und Gefährdung

Parmotrema perlatum ist eine über beide Hemisphären verbreitete temperat-subatlatische Art. Sie ist aus allen Kontinenten außer der Antarktis bekannt3). In Europa kommt sie von Sizilien bis Norwegen und von Portugal bis zur Ukraine vor. Gegen Ende des letzten Jahrhunderts war die Art aus vielen Regionen Mitteleuropas nahezu verschwunden. Erst mit der Besserung der lufthygienischen Situation (bezüglich der Schwefeloxide) konnte sie wieder einwandern und ist heute insbesondere in wärmegetönten Gebieten häufig geworden.

In der Roten Liste der Flechten Deutschlands wird die Art nur noch auf der Vorwarnliste geführt, während sie in der Vorgängerliste von 1996 noch als "stark gefährdet" (2) galt. In der Schweiz gilt sie als "verletzlich" (VU), in Österreich als "gefährdet" (3).

Biologie

Die Breitlappige Schüsselflechte verbreitet sich fast ausschließlich über Soredien. Diese vegetativen Verbreitungseinheiten werden unter Aufbrechen der Rinde aus dem Mark gebildet und bestehen aus kleinsten, wattigen Kügelchen, die sowohl Hyphen des Flechtenpartners wie auch Algen enthalten. Sie werden dank ihres geringen Gewichts leicht vom Wind verbreitet und können, wo die auf geeignete Bedingungen treffen, wieder zu vollständigen Flechten auswachsen. Gelegentlich, wohl nur unter optimalen Wuchsbedingungen, verbreitet sie sich auch generativ durch Ascosporen.

Die Art enthält zahlreiche sekundäre Metaboliten (Inhaltsstoffe), darunter vor allem Atranorin und Stictinsäure, die antimikrobielle Wirkungen haben und zum Schutz gegen Angriffe von Bakterien dienen.

Parasiten und Medizin

Parmotrema perlatum ist als Wirt einer ganzen Reihe flechtenbewohnender Pilze bekannt: Abrothallus parmotrematis, Briancoppinsia cytospora, Cornutispora lichenicola, Lichenoconium erodens, Phyllosticta lichenicola, Polycoccum montis-wilhelmii, Sphaerellothecium parmotremae und Zwackhiomyces kantvilasii.

Die Art wird in Indien als Gewürz ("Black Stone Flower", "Dagar Phool") für verschiedene Fleischgerichte sowie in der traditionellen Medizin asiatischer Länder genutzt2). Eventuell ist dies auf die antimikrobielle Wirkung ihrer Inhaltsstoffe zurückzuführen. Diese machen sie für medizinische Zwecke interessant, zumal für Stictinsäure auch eine tumorhemmende Wirkung nachgewiesen wurde.

[Wolfgang von Brackel]

Parmotrema perlatum im Internet
(externe Angebote)

1) lichens.lastdragon.org/Parmotrema_perlatum.html

2) en.wikipedia.org/wiki/Parmotrema_perlatum

3) gbif.org/species/2606308

Literatur

Jabłońska, A., Oset, M. & Kukwa, M. 2009. The lichen family Parmeliaceae in Poland. I. The genus Parmotrema. – Acta Mycologica 44: 211–222.

Louwhoff, S. H. J. J. 2009. Parmotrema. – In: Smith, C. W., Aptroot, A., Coppins, B. J., Fletcher, A., Gilbert, O. L., James, P. W. & Wolseley, P. A. (Eds). The Lichens of Great Britain and Ireland. – British Lichen Society, London: 661–663.

Ranković, B. 2015. Lichen secondary metabolites. – Springer, Heidelberg, New York, Dordrecht, London.

Revathy, M., Sathya shree, S., Manimekala, N., Annadurai, G. & Ahila, M. 2015. Preliminary phytochemical investigation and antibacterial effects of lichen Parmotrema perlatum aganist human pathogens. – European Journal of Biomedical and Pharmaceutical Sciences 2: 336–347.

Wirth, V., Hauck, M. & Schultz, M. 2013. Die Flechten Deutschlands. – E. Ulmer, Stuttgart.

Fotos von Parmotrema perlatum

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Parmotrema perlatum WvB FdJ2019  
Breitlappige Schüsselflechte (Parmotrema perlatum) an einem Bergahorn im Elmautal in den bayerischen Alpen. [Wolfgang von Brackel]   
Parmotrema perlatum 2004 WvB FdJ2019
Breitlappige Schüsselflechte (Parmotrema perlatum) an den Zweigen einer Schlehe bei Sulzheim in Unterfranken (Bayern). Dieser Fund von 2004 war einer der ersten Wiederfunde in Bayern außerhalb der Alpen nach der Mitte des letzten Jahrhunderts  [Wolfgang von Brackel]   
 
Parmotrema perlatum 2004 NJS FdJ2019 klein
Breitlappige Schüsselflechte (Parmotrema perlatum) 2004 im Münsterland, Nordrhein-Westfalen,
[Norbert J. Stapper]   

Parmotrema perlatum NJS FdJ2019 klein
Breitlappige Schüsselflechte (Parmotrema perlatum) 2018 an einem Bergahorn im Tal der Wupper, Nordrhein-Westfalen
[Norbert J. Stapper]   

Das „Wimpern-Hedwigsmoos“, Hedwigia ciliata,
ist das Moos des Jahres 2014

Hedwigia ciliata ist eine weit verbreitete Art auf kalkarmem Gestein, häufiger ist sie aber nur in den silikatischen Gebirgen zu finden.

Aussehen

Hedwigia ciliata ist ein in lockeren Rasen oder kleinen Polstern wachsendes Laubmoos, das durch seine im trockenen Zustand graugrüne Färbung, die weißlichen Glasspitzen der Blättchen und die an den Spitzen einseitswendigen Triebe auffällt. Die Art fruchtet häufig, dann finden sich an den Triebspitzen die in die obersten Blättchen eingesenkten, länglich-eiförmigen, rotbraunen Kapseln mit einem hinfälligen, kleinen Häubchen. Von dem ebenfalls graugrünen, mit weißlichen Glasspitzen ausgestatteten Racomitrium canescens (und anderen Racomitrium-Arten sowie Schistidium) lässt sie sich durch das Fehlen von Peristomzähnen, das Fehlen einer Blattrippe und die einseitswendige Ausrichtung der Blättchen an den Triebspitzen unterscheiden.

Vorkommen, Verbreitung und Gefährdung

Hedwigia ciliata besiedelt kalkarme aber gerne basenreiche Silikatfelsen in sonniger bis seltener halbschattiger Lage. Sie kommt an Felsen in der offenen Landschaft und in lichten Wäldern vor, findet sich aber auch an Mauern und felsigen Straßenanrissen.

Sie ist eine weltweit verbreitete (kosmopolitische) Art. In Mitteleuropa ist sie in den (Mittel-)Gebirgen ziemlich häufig anzutreffen, im Flachland ist sie dagegen selten geworden beziehungsweise regional ausgestorben. Dies liegt zum einen an dem Verschwinden von Findlingsblöcken oder Lesesteinriegeln aus der Landschaft, zum anderen an den dichter werdenden Wäldern (u. a. Fichtenforsten), in denen die Art nicht mehr genügend Licht erhält. Sie ist auf der Roten Liste Deutschlands als "gefährdet" eingestuft, wobei sich bei den Listen der Bundesländer ein deutliches Süd-Nord-Gefälle bemerkbar macht: In der Schweiz und in Österreich, in Bayern, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Hessen und dem Saarland gilt sie als ungefährdet, während sie in den nördlichen deutschen Bundesländern als "gefährdet" bis "ausgestorben" eingestuft wird.

Von der häufigeren Varietät ciliata lässt sich die weitaus seltenere Varietät leucophaea unterscheiden. Sie hat längere, weißliche Glasspitzen, die sich deutlicher vom grünen Blatt-Teil absetzen, und wächst gerne auf vulkanischen Gesteinen. Eine ähnliche Art ist Hedwigia stellata mit trocken nach außen gekrümmten oder zurückgeschlagenen Blattspitzen; sie scheint stärker besonnte, trockenere Standorte als H. ciliata zu bevorzugen.

Biologie

Als Anpassung an ihre stark sonnenbestrahlten Standorte bilden alle Arten der Gattung Glasspitzen aus. Dies sind die weißlich erscheinenden oberen Teile des Blattes, die in den luftgefüllten, abgestorbenen Zellen kein Chlorophyll mehr enthalten. Sie dienen (wie bei vielen anderen Arten mit einer ähnlichen Anpassung) zum Zurückwerfen des Sonnenlichts insbesondere in trockenem Zustand. Im nassen Zustand werden die Glasspitzen transparenter und lassen das Licht auf die nun photosynthetisch aktiven, darunterliegenden grünen Zellen fallen.

Parasiten & Medizin

Auf Hedwigia ciliata wurde der moosparasitische Pilz Bryochiton monascus s. l. gefunden, der vor allem Arten der Familie Grimmiaceae besiedelt. Ein spezifisch auf dem Wimpern-Hedwigsmoos parasitierender Pilz ist bislang nicht bekannt geworden.

Eine medizinische Anwendung der Art ist uns nicht bekannt.

Marchantia polymorpha im Internet
(kleine unvollständige Linkauswahl - nennen Sie uns bitte weitere Links)

Fotos von Hedwigia ciliata

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Hedwigia ciliata, Habitus; Foto: WvBrackel
Hedwigie ciliata Habitusfoto [Wolfgang von Brackel]   
Hedwigia ciliata, Habitus feucht; Foto: HHofmann
Hedwigie ciliata, Habitusfoto, feucht [Heike Hofmann]   
Hedwigia ciliata, Lebensraum; Foto: HHofmann
Hedwigie ciliata, Lebensraum [Heike Hofmann]   
Hedwigia ciliata; Foto: MKoperski
Hedwigie ciliata, Habitusfoto [Monika Koperski]   
Hedwigia ciliata; Foto: MKoperski
Hedwigie ciliata, Habitusfoto [Monika Koperski]   
Hedwigia ciliata; Foto: MKoperski
Hedwigie ciliata, Habitusfoto [Monika Koperski]   
Hedwigia ciliata, Habitus; Foto: MKoperski
Hedwigie ciliata, Habitusfoto [Monika Koperski]   

Das Einseitswendige Verstecktfruchtmoos, Cryphaea heteromalla, ist das Moos des Jahres 2019

Das Einseitswendige Verstecktfruchtmoos wächst in kleinen Polstern an der Rinde von Laubgehölzen, gerne an Holunder, an Orten mit ausreichender Luftfeuchtigkeit.

Aussehen

Cryphaea heteromalla bildet lockere Polster aus einem kriechenden, dem Untergrund anliegenden Primärspross und schräg vom Substrat aufgerichteten, kaum verzweigten Ästen. An kurzen Seitentrieben entwickeln sich die die von lang ausgezogenen Hüllblättern überragten, länglich eiförmigen Kapseln mit einer zugespitzten Haube. Die kapselragenden Seitenzwiege stehen oft in kleinen Grüppchen in enger Nachbarschaft an einer Seite des Zweiges. Die in trockenem Zustand anliegenden, feucht abstehenden Blätter sind breit eiförmig, gleichmäßig zugespitzt und ganzrandig. Die kräftige Blattrippe erlischt vor der Blattspitze. Fruchtende Exemplare sind unverkennbar, sterile müssen sorgfältig von Leskea polycarpa unterschieden werden.

Verbreitung und Gefährdung

Die (sub)mediterran-(sub)atlantische Art kommt rund um den Atlantik auf der Nordhalbkugel vor, in Europa vor allem im westlichen und südlichen Teil. In Mitteleuropa erreicht sie die Ostgrenze ihrer Verbreitung. Als Atlantiker ist sie in den Niederlanden eine weit verbreitete und gewöhnliche Art. In Deutschland ist sie bereits sehr selten in den östlichen Bundesländern. In Polen wurde sie 2017 erstmals gefunden, Nachweise aus Österreich und Tschechien fehlen dagegen (noch?). Höhere Gebirge meidet sie offensichtlich, auch wenn sie neuerdings aus Mittelgebirgen wie demdem  Harz oder Erzgebirge gemeldet wurde.

In den letzten Jahren häufen sich Fundmeldungen der Art, sie scheint sich in Ausbreitung nach Osten zu befinden. So galt sie in der Schweiz Ende des letzten Jahrhunderts noch als Rarität, seitdem sind viele Neufunde bekannt geworden. Es wird diskutiert ob die Ausbreitung der Art mit dem Klimawandel oder der Änderung der Luftqualität (Abnahme der SO2-Emissionen, Zunahme der NOx-Emissionen) zu tun hat. Sie gilt als ausgesprochen empfindlich gegenüber der Luftverschmutzung; so hat sie sich im Laufe des 20. Jahrhunderts in den Niederlanden aus dem Landesinneren in die küstennahen Gebiete zurückgezogen, wo die Luft durch den Seewind sauberer ist. Im Landesinneren, wie auch im Westen Deutschlands zu dieser Zeit, wurde sie selten und wenn dann vor allem auf basischen Gesteinen und Beton gefunden; diese Unterlagen vermögen die Wirkungen der aus den Schwefeloxiden gebildeten Säuren zumindest abzupuffern. Wahrscheinlich ist ein Zusammenwirken der Faktoren Klimaerwärmung, Abnahme der giftigen SO2-Emissionen und Zunahme der düngenden NOx-Emissionen.

Das Holundermoos, wie es etwas weniger sperrig auch genannt wird, wächst an der Rinde von Laubgehölzen, vorwiegend an Holunder, auch an Weide oder Pappel; in der Schweiz wird ein breites Spektrum an Laubbäumen und –sträuchern besiedelt, selten dagegen der Holunder. Im 19. Jahrhundert war sie noch an einer Vielzahl von Baum- und Straucharten beobachtet worden. Sie braucht lichtreich bis mäßig beschattete Lagen mit ausreichender Luftfeuchtigkeit. Vereinzelt kommt sie auch an Felsen, Mauern oder Beton vor. Sie meidet sowohl geschlossene Waldgebiete wie auch offene, windexponierte Einzelbäume.

Die Art wird in der Roten Liste Deutschlands von 1996 noch unter "stark gefährdet " (2) geführt, in der noch nicht erschienen neuen Roten Liste wird sie aber bereits als "nicht gefährdet" erscheinen. In den Listen der einzelnen Bundesländer reicht die Einstufung von "ungefährdet" bis "ausgestorben". In der Schweiz gilt sie als "verletzlich" (VU).

Wegen ihres Vorkommens an Laubgehölzen wie Holunder, Weiden und Pappeln in halbschattiger Lage ist sie sicher nicht durch mangelnde Standorte gefährdet, ein Handlungsbedarf zu ihrer Erhaltung besteht nicht.

Biologie

Die einhäusige Art fruchtet häufig und verbreitet sich durch Sporen. Über eine vegetative Vermehrung oder Verbreitung ist bei der Art nichts bekannt.

[Wolfgang von Brackel]

Cryphaea heteromalla im Internet (externe Angebote)

Fotos von Cryphaea heteromalla

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Cryphaea heteromalla 3 CBerg klein 
Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos, Cryphaea heteromalla [Christian Berg].
  
Cryphaea heteromalla NJS Saarl 13mm klein 
Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos, Cryphaea heteromalla; große Bildkante des verlinkten Bildes: 13 mm. [Norbert J. Stapper]
  
Cryphaea heteromalla, Kapseln. Foto: NJ Stapper
Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos (Cryphaea heteromalla):  In Hüllblätter eingesenkte Kapseln ankurzen Seitentrieben; große Bildkante des verlinkten Bildes: 5,4 mm. [Norbert J. Stapper]    
 
Cryphaea heteromalla 4 CBerg klein 
Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos, Cryphaea heteromalla; Habitus. [Christian Berg]
  
Cryphaea heteromalla 7 CBerg klein
Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos (Cryphaea heteromalla): Kapseln an kurzen Seitentrieben. [Christian Berg]    
 
Cryphaea heteromalla Bildtafel NJS klein 
Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos, Cryphaea heteromalla; Bildtafel: Obere Reihe: Habitus; mittlere Reihe: Blatt, Blattspitze und Blattbasis; untere Reihe: Basis eines Perichaetialblattes, Peristomzähne und Sporen. [Norbert J. Stapper]
  

Texte und Fotos von Wolfgang von Brackel, sofern nicht anders angegeben.
Stand: Januar 2013

» Flyer   zu den Arten des Jahres 2013

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Texte und Fotos von Wolfgang von Brackel, sofern nicht anders angegeben.

Die Bildautoren sind in [Klammern] angegeben.
Stand: November 2017

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Die „Zwergschildflechte“, Peltigera didactyla,
ist die Flechte des Jahres 2013

Peltigera didactyla ist eine Art aus der Gattung der "Hunds-" oder "Schildflechten", für die, wie für die Mehrzahl der Flechten, kein gebräuchlicher deutscher Name existiert. Erst kürzlich wurde der Name "Zwergschildflechte" vorgeschlagen (*), der angesichts der Größe der Flechte wirklich gut passt. Denn innerhalb der Gattung, aus der einzelne Arten beachtliche Größen von mehreren Dezimetern Durchmesser erreichen können, gehört die Zwergschildflechte tatsächlich zu den kleinen Vertretern.

Aussehen

In einem ersten Stadium besteht sie aus kleinen, graubraunen, muschelförmigen Läppchen, auf deren Oberseite in Aufbrüchen (Soralen) vegetative Verbreitungseinheiten (Soredien) gebildet werden. Diese bestehen aus losen Päckchen von Pilzhyphen und Algen, die, vom Wind oder Regenwasser verfrachtet, zu neuen Flechten auswachsen können. Ältere Exemplare zeigen dagegen ein rosettiges Wachstum und bilden an Fortsätzen am Thallusrand Fruchtköper (Apothecien) aus, in denen generativ Sporen erzeugt werden. Solange sie Sorale trägt, ist sie nur mit der wohl nahe verwandten, etwas größeren und vor allem chemisch unterschiedenen P. extenuata zu verwechseln. Im generativen Stadium ähnelt sie anderen Arten der Gattung (etwa P. rufescens) und bereitet die bei Peltigera üblichen Bestimmungsschwierigkeiten.

Ökologie

Im Gegensatz zu den meisten anderen Arten der Gattung, die naturnahe und ungestörte Habitate bevorzugen, ist Peltigera didactyla eine ausgesprochene Pionierart und scheut auch vor ruderalen Standorten nicht zurück. So findet sie sich auf humusarmen, sandigen, grusigen oder steinigen Rohböden an Wegrändern und auf Brachflächen, in lückigen, mageren Rasengesellschaften oder auch an alten Feuerstellen. Sie kommt aber auch, häufig zusammen mit anderen Peltigera-Arten, in Kalk-Halbtrockenrasen, Sandmagerrasen oder alpinen Magerrasen (was ist denn das?) vor.

Verbreitung

Die Art ist aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz bekannt. Sie ist weltweit verbreitet und kann von der Arktis bis in die Antarktis gefunden werden. Sie wird nicht auf den Roten Listen von Deutschland, Österreich und der Schweiz geführt. In Deutschland ist sie sogar die einzige Art der Gattung, die nicht gefährdet ist.

Biologie

Eine interessante Besonderheit von Peltigera didactyla, die unter den heimischen Peltigera-Arten nur noch P. extenuata zeigt, ist der oben beschriebene Wechsel von vegetativer zu generativer Vermehrung im Lebenszyklus. Dieser führte dazu, dass die Art in ihren verschiedenen Wachstumsstadien mehrfach beschrieben wurde: als P. erumpens mit Soralen, als P. hazslinszkyi mit Soralen und Apothecien sowie als P. spuria nur mit Apothecien. Schließlich erkannte man, dass dies nur Lebensstadien einer einzigen Art sind. Möglicherweise ist diese Besonderheit eine Anpassung an die oft vergänglichen Standorte, an denen die Art vorkommt. Die schnelle Produktion von Soredien gewährleistet eine Vermehrung auch bei einer Vernichtung des Wuchsortes. Dagegen werden generative Sporen erst nach längerer Zeit produziert, wenn sich der Wuchsort doch als dauerhaft besiedelbar gezeigt hat. Bei dem Lebermoos Marchantia polymorpha (Moos des Jahres 2013), das ja auch vegetative wie generative Diasporen produziert, geschieht dagegen beides während des gesamten Lebenszyklus.

Flechtenbewohnende Pilze

Peltigera didactyla ist, wie andere Peltigera-Arten auch, Wirtsflechte für eine ganze Reihe flechtenbewohnender Pilze. Bisher sind 31 Arten bekannt, die auf Peltigera didactyla leben, dazu kommen sieben Flechtenarten, die parasitisch oder saprophytisch auf Peltigera didactyla gefunden wurden. Sie dürfte demnach eine der Flechtenarten mit den meisten parasitischen Pilzen und Flechten sein. Einer der häufigeren und auffälligsten Parasiten auf Peltigera didactyla ist der rotorangefarbige flechtenbewohnende Pilz Pronectria robergei sowie dessen anamorphes Stadium Illosporium carneum.

(*) Cezanne R., M. Eichler, M.-L. Hohmann & V. Wirth 2008: Die Flechten des Odenwaldes. – Andrias 17: 1-520.

Peltigera didactyla im Internet (kleine unvollständige Linkauswahl)

Fotos von Peltigera didactyla

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Peltigera didactyla Hagendorf
Ein älteres, bereits Apothecien ausbildendes Exemplar von Peltigera didactyla. Stellenweise sind noch Reste der Sorale zu erkennen. Foto: Wolfgang von Brackel   
Peltigera didactyla UKi
Peltigera didactyla; Foto: U. Kirschbaum Ein jüngeres Exemplar der Zwergschildflechte mit muschelförmigen Lagerlappen und teils schon zusammenfließenden, hellen Flecksoralen. Die in den Soralen gebildeten kleinen Körnchen, die Soredien, dienen der ungeschlechtlichen Verbreitung der Art. Website des Autors Ulrich Kirschbaum mit zahlreichen Flechtenfotos  
Peltigera didactyla JCMermilliod
Peltigera didactyla; Foto: Jean-Claude Mermilliod
Ein junges, feuchtes Exemplar der Zwergschildflechte mit muschelförmigen Lagerlappen und weißen Flecksoralen.   
Pronectria robergei auf Illosporium carneum
Peltigera didacytyla, parasitiert vom flechtenbewohnenden Pilz Pronectria robergei. Die dunkelroten Punkte zeigen das meiospore Stadium, die hellorangen Punkte das mitospore oder anamorphe Stadium ein und derselben Art. Für das Anamorph ist auch (noch) der Name Illosporium carneum gebräuchlich. Foto: NJStapper   
Illosporium carneum auf Peltigera didayctyla. [Norbert J. Stapper]
Illosporium carneum auf Peltigera didayctyla. [Norbert J. Stapper]   
Foto: Umbilicaria cylindrica Laufbacher Eck
Fransen-Nabelflechte (Umbilicaria cylindrica
[Wolfgang von Brackel]   

Im letzten Jahr haben wir an dieser Stelle 2 Arten der Kalkfelsen vorgestellt, dieses Jahr sind es eine Flechte und ein Moos der Silikatfelsen. Während Kalkfelsen einen ziemlich einheitlichen Chemismus aufweisen – sie bestehen hauptsächlich aus sedimentiertem oder in Riffen abgelagertem Calciumkarbonat, bei Dolomit auch mit Magnesiumkarbonat – stellen die Silikatfelsen eine breiter gefächerte Gruppe dar. Zum einen ist ihre Entstehung heterogener (Sediment-, Erguss- und Tiefengesteine), zum anderen sind sie komplexer zusammengesetzt. Siliziumdioxid ist immer beteiligt, daneben können aber auch Feldspate, Glimmer und eine Vielzahl anderer Mineralien oder kalkhaltige Bindemittel auftreten.

Dementsprechend vielgestaltig ist auch die Moos- und Flechtenflora der Silikatfelsen. Mineralreiche Silikatfelsen der Hochlagen tragen in Mitteleuropa wohl die artenreichsten Kryptogamengesellschaften und bieten dem Betrachter ein buntes, vielfältiges Bild. Erst fallen einem die leuchtend grüngelben Landkartenflechten (Rhizocarpon) ins Auge, dann Laubflechten der Sammelgattung Parmelia, Strauchflechten der Gattungen Stereocaulon, Sphaerophorus, Cetraria und Cladonia sowie eine Vielzahl von unterschiedlich gefärbten Krustenflechten etwa aus den Gattungen Aspicilia, Lecidea, Lecanora oder Acarospora. An den Steilflächen siedeln Nabelflechten der Gattung Umbilicaria, zu der unsere Flechte des Jahres 2018 gehört, Umbilicaria cylindrica.

Unter den Polstermoosen tritt eine Vielzahl von Arten der Gattung Grimmia neben Andreaea-, Schistidium- und Tortula-Arten auf. Häufig sind auch mattenbildende Arten der Gattung Racomitrium sowie Hedwigia ciliata oder Paraleucobryum longifolium. Geschützt in Spalten finden sich Besonderheit wie Arten der Gattungen Anastrophyllum oder Kiaeria. Zur bei uns nur mit 4 Arten vertretenen Gattung Bartramia gehört unser Moos des Jahres 2018, Bartramia pomiformis.

Wie auch bei den Kalkfelsen müssen die Besiedler von Silikatfelsen – insbesondere der steilen und besonnten Partien – mit extremen Bedingungen zurechtkommen. Die Gluthitze an sonnigen Sommertagen wechselt mit extremer Kälte in wolkenlosen Nächten und Durchnässung bei Regen mit völliger Austrocknung in Trockenperioden.

Ein Polster vom Echten Apfelmoos (Bartramia pomiformis) aus dem Bayerischen Wald an der Steilfläche eines Pfahlschieferfelsens. Foto: W. von Brackel 
Ein Polster vom Echten Apfelmoos (Bartramia pomiformis) aus dem Bayerischen Wald an der Steilfläche eines Pfahlschieferfelsens.   

In den Mittelgebirgen stellt sich die Situation der Silikatfelsen und Blockschutthalden noch relativ stabil dar, auch wenn ihnen hier Tourismus und Forstwirtschaft zusetzen und Klimawandel sowie der Eintrag von Stickstoffverbindungen durch die Luft sicher zu schleichenden Veränderungen ihrer Zusammensetzung führen. Dramatischer sind allerdings die Verluste und Veränderungen im Hügel-und Flachland, wo Straßen- und Siedlungsbau sowie die Landwirtschaft schon zum Verlust einer Vielzahl von Standorten geführt haben.

Wegen der starken Bedrohung der Lebensgemeinschaft der Silikatfelsen sind diese, wie auch die Silikat-Blockschutthalden, im Anhang I der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU aufgeführt (LRT 8220, Silikatfelsen mit Felsspaltenvegetation, 8230 Silikatfelsen mit Pioniervegetation, 8110 und 8150 Silikatschutthalden der montanen bis nivalen bzw. der kollinen bis montanen Stufe). Diese Lebensraumtypen sind "Natürliche Lebensräume von gemeinschaftlichem Interesse, für deren Erhaltung besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen".

 

Das „Brunnenlebermoos“, Marchantia polymorpha,
ist das Moos des Jahres 2013

Das Brunnenlebermoos ist eine unserer auffälligsten Lebermoosarten. Mit seinem bandförmigen, nicht in Stamm und Blättchen gegliederten Lager (= Thallus) kann es große Flächen an feuchten Standorten, etwa am Grund von Mauern oder an Bachrändern, überziehen.

Aussehen

Kennzeichen der Art sind der breit bandförmige, gabelig geteilte, sattgrüne Thallus mit einem mehr oder weniger deutlich ausgebildetem schwarzem Mittelstreifen auf der Oberseite und die rundlichen Brutbecher mit linsenförmigen Brutkörpern. Von dem ähnlichen Kegelkopfmoos (Conocephalum conicum) unterscheidet sich die Art durch den Mittelstreifen und die Brutbecher. Das kleinere Mondbechermoos (Lunularia cruciata) hat halbmondförmige Brutbecher. Die Thallusoberseite ist netzartig gefeldert, innerhalb der Felder kann man schon mit bloßem Auge die kleinen Atemöffnungen als helle Pünktchen erkennen. Auf der Thallusunterseite liegen zwischen den Rhizoiden, mit denen sich die Pflanze an den Boden heftet, in Reihen angeordnete, farblose bis purpurrote Bauchschuppen. Die der sexuellen Vermehrung dienenden Gametangienstände erheben sich wie kleine Schirmchen über den Thallus; die weiblichen sind tief strahlig eingeschnitten, die männlichen scheibenförmig und schwach gelappt. Die Art ist diözisch: weibliche und männliche Gametangienstände kommen auf verschiedenen Pflanzen vor.

Verbreitung

Das Brunnenlebermoos ist eine nahezu weltweit verbreitete Art, die sich allerdings in den warmen Gebieten in die Gebirge zurückzieht. In Mitteleuropa ist die Gesamtart häufig und nicht gefährdet.

Die Art wird in drei Varietäten (bisweilen als Unterarten oder eigene Arten betrachtet) gegliedert, die sich sowohl morphologisch wie auch standörtlich unterscheiden: Die var. polymorpha mit einem ausgeprägten schwarzen Mittelstreifen kommt hauptsächlich an naturnahen, nassen Standorten von der Hügel- bis in die Bergregion vor (Niedermoore, Bachläufe), die var. ruderalis mit einem nur angedeuteten schwarzen Mittelstreifen vor allem an anthropogenen Standorten wie Pflasterritzen, am Grund von Mauern, in Gärtnereien und Baumschulen oder auch an Brandstellen; sie ist die häufigste Varietät. Die dritte Varietät, var. montivagans (gelegentlich auch als eigene Art, Marchantia alpestris betrachtet) hat keinen gefärbten Mittelstreifen, einen dickeren Thallus und kommt in Quellmooren und auf nasser Erde in höheren Gebirgslagen vor; sie ist in Deutschland rezent nur aus dem Bayerischen Wald und den Alpen bekannt, während sie in Österreich und der Schweiz sicher häufiger ist.

Biologie

Interessant ist die Fähigkeit der Art, sich neben der geschlechtlichen Fortpflanzung auch vegetativ zu vermehren. Dies geschieht durch die Bildung von Brutkörpern in auf der Thallusoberfläche liegenden Brutbechern. Die kleinen linsenförmigen Brutkörper werden von Regentropfen aus den Brutbechern geschleudert, wodurch sie einerseits in einer gewissen Entfernung von der Mutterpflanze auf den Boden gelangen, andererseits auch nur bei günstigen (feuchten) Witterungsbedingungen von ihr getrennt werden, was ein Vertrocknen verhindert. Einen ähnlichen Mechanismus finden wir bei einer Gruppe völlig anderer Organismen, den Teuerlingen im Reich der Pilze. Die den Brutkörpern des Brunnenlebermooses so ähnlichen Peridolen sind hier allerdings generativen Ursprungs.

Parasiten & Medizin

Das Brunnenlebermoos ist Lebensraum für eine Reihe von parasitischen bzw. parasymbiontischen Pilzarten wie Bryoscyphus atromarginatus, B. marchantiae, Didymosphaeria marchantiae, Octospora ithacaensis oder auch dem Brunnenlebermoos-Nabeling (Gerronema marchantiae). Diese haben es geschafft, die Barriere der verschiedenen fungiziden Substanzen zu überwinden, die von Marchantia polymorpha produziert werden (Plagiochin E, Marchantine u.a.). Diese Fungizide könnten medizinisch von Interesse werden, da sie etwa gegen Candida albicans wirken, der Hautkrankheiten verursachen kann. Als nicht mehr dem Stand der Wissenschaft entsprechend erscheint uns dagegen heute der Einsatz von Marchantia gegen Leberkrankheiten, wie er gemäß der Signaturenlehre üblich war.

Marchantia polymorpha im Internet (kleine unvollständige Auswahl):

Fotos von Marchantia polymorpha

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Marchantia polymorpha Skaftafell
Marchantia polymorpha var. montivagans am Rand eines Tümpels im Gletschervorfeld (Skaftafell, Island). Foto: Wolfgang von Brackel   
Marchantia polymorpha var. ruderalis mit Funaria hygrometrica; Foto: Wolfgang von Brackel
Marchantia polymorpha var. ruderalis mit weiblichen Gametangien, zusammen mit Funaria hygrometrica an einer Brandstelle (Rottenbach-Moor, Oberfranken, Bayern). Foto: Wolfgang von Brackel   
Marchantia polymorpha Pleystein; Foto: Wolfgang von Brackel
Marchantia polymorpha var. polymorpha an einem Bachufer (Pleystein, Oberpfalz, Bayern). Foto: Wolfgang von Brackel   
Marchantia polymorpha var. polymorpha mit Brutbechern; Foto: WvBrackel
Marchantia polymorpha var. polymorpha mit Brutbechern (Pleystein, Oberpfalz, Bayern). Foto: Wolfgang von Brackel   
Marchantia polymorpha, Brutbecher quer; REM, © Honegger
Marchantia polymorpha mit Brutbechern und darin befindlichen Brutkörpern. Rasterelektronenmikroskopische Aufnahme. Fotos: Rosmarie Honegger. Durch Klicken auf die Abbildung öffnet sich ein pdf-Dokument mit weiteren derartigen Aufnahmen von M. polymorpha.   
Marchantia polymorpha, Brutbecher; Foto: Monika Koperski
Marchantia polymorpha mit Brutbechern. Foto: Monika Koperski. Ein weiteres Foto von derselben Autorin zeigt einen M. polymorpha-Rasen mit weiblichen Gametangienständen.  
Gerronema marchantiae an Marchantia polymorpha; Wallis, CH; Foto: EZimmermann
Marchantia polymorpha mit Gerronema marchantiae, Lötschental im Wallis, Schweiz; Foto: Erich Zimmermann
Ein weiteres Foto von Erich Zimmermann zeigt
Gerronema marchantiae und Marchantia polymorpha in groß.  
Marchantia polymorpha var. montivagans; Encumeada, Madeira; Foto: NJStapper
Marchantia polymorpha var. montivagans mit den typischen, schirmgestellartigen weiblichen Gametangienständern (Encumeada-Pass, Madeira); Foto: Norbert J. Stapper   
Marchantia polymorpha, Antheridien/Antheridienständer; Foto: Heike Hofmann
Marchantia polymorpha, männliche Gametangienständer in Aufsicht. Foto: Heike Hofmann   
Marchantia polymorpha, männliche und weibliche Pflanzen; Foto: Heike Hofmann
Marchantia polymorpha, männliche (links und vorne rechts) sowie weibliche Pflanzen mit ihren jeweiligen Gametangienständern. Ein weiteres Foto zeigt einen Rasen aus männlichen Pflanzen. Foto: Heike  Hofmann  
Marchantia polymorpha, Gametangiophor, Sporen, Elateren; Foto: NJStapper
Marchantia polymorpha: weibliche Gametangienständer mit darunter befindlichen Sporogonen; wenn die Kapseln aufplatzen, entlassen sie zahlreiche Sporen und Elateren. Letztere sind bei Luftfeuchteänderung sich bewegende Fäden, die der Sporenausbreitung dienen. Fotos: Norbert J. Stapper  

Die Fransen-Nabel­flechte, Umbilicaria cylindrica, ist die Flechte des Jahres 2018

Die Fransen-Nabelflechte ist ein leicht kenntlicher Bewohner an Silikatfelsen vor allem höherer Lagen. Ihr annähernd rundlicher Thallus ist nur an einer Stelle am Untergrund befestigt und am Rand meist mit schwarzen Wimpern gesäumt. Auffällig sind die gerillten Apothecien..

Aussehen

Das graue bis weißlich-graue Lager besteht in der Jugend aus einem annähernd rundlichen, gewellt verbogenen Lappen, der zentral am Felsen angehaftet ist. Später gliedert sich der Thallus in rosettenförmig angeordnete Läppchen auf und kann bis zu 5, in Ausnahmefällen auch 10 cm Durchmesser erreichen. Randlich ist er meist mit starren, verzweigten, schwarzen Borsten besetzt, die hellbraune bis blassrosafarbene Unterseite weist gelegentlich Rhizinen (wurzelähnliche Gebilde) auf. Auf der Thallusoberseite finden sich häufig mit einer verengten Basis aufsitzende, schwarze Apothecien (Fruchtkörper), deren Scheibe eine charakteristische Rillung aus konzentrischen Kreisen aufweist. Die Sporen sind einzellig und farblos. Der photosynthetisch aktive Partner in der Flechte ist eine einzellige Grünalge.

Von allen anderen Arten der Gattung Umbilicaria, die sämtlich an Silikatfelsen siedeln, ist die Fransen-Nabelflechte durch die randlichen schwarzen Borsten unterschieden. Diese können allerdings auch spärlich entwickelt sein oder fast ganz fehlen. Daher sollten bei der Bestimmung stets mehrere, unterschiedlich alte Exemplare untersucht werden. Morphologisch ähnlich aber ohne Borstenbesatz und mit eingesenkten Fruchtkörpern (Perithecien) ist die Gewöhnliche Lederflechte (Dermatocarpon miniatum), die an Kalkfelsen siedelt.

Die Varietäten "fimbriata" mit reichem Besatz von dunklen, allseitig ausgebreiteten Borsten und "denticulata" mit dem Thallus gleichfarbigen und in derselben Ebene liegenden Borsten sind von zweifelhaftem taxonomischen Wert5).

Ökologie

Die Fransen-Nabelflechte siedelt direkt auf nacktem, kalkfreiem Silikatfels, vorzugsweise an schrägen bis senkrechten Partien von Felsen, an gut belichteten Standorten. Sie kommt hauptsächlich in hochmontanen bis alpinen Lagen vor. Vorkommen an Sekundärstandorten wie Mauern oder Grabsteinen sind selten.

Verbreitung und Gefährdung

Umbilicaria cylindrica ist in Europa, Asien, beiden Amerika und Australien verbreitet. In Europa zeigt sie eine hochmontan-alpin-arktische Verbreitung mit einer Präferenz der Alpen und der nordischen Länder, kommt aber bis in die Gebirge Süditaliens vor. In den Schweizer und Österreichischen Alpen sowie den Vogesen und dem Schwarzwald ist sie verbreitet, in den übrigen Mittelgebirgen selten und in Norddeutschland klingt sie aus.

In Deutschland fehlt die Art in den nördlichen Bundesländern, insgesamt wird sie als "gefährdet" eingestuft. In Österreich gilt sie nicht als gefährdet und in der Schweiz ist sie sicher auch nicht gefährdet (wobei für die Schweiz gesteinsbewohnende Arten nicht in der Roten Liste behandelt sind).

Biologie

Wie andere Bewohner besonnter Felsen muss die Fransen-Nabelflechte mit extremen Bedingungen zurechtkommen. Da Flechten keinen Verdunstungsschutz besitzen, trocknen sie in der Sonne völlig aus und verfallen in einen inaktiven Ruhezustand, in dem sie nötigenfalls monatelang überleben können. Besondere Inhaltsstoffe schützen die Proteine vor Denaturierung und nach dem Wiederbefeuchten kommen rasch Reparaturmechanismen an der DNA in Gang. Vor zu starker UV-Einstrahlung schützt sie eine leichte Bereifung.

Die Art verbreitet sich durch Ascosporen, die bei der Fransen-Nabelflechte etwa 0,01 mm groß sind und dank ihrer Kleinheit über weite Distanzen transportiert werden können. Asexuelle Verbreitung ist bei der Art nicht bekannt

Parasiten und Medizin

Umbilicaria cylindrica ist die Wirtsflechte weniger flechtenbewohnender Pilze, die alle auf Wirte der Gattung Umbilicaria beschränkt sind: neben Arthonia rufidula, Clypeococcum grossum und Stigmidium gyrophorarum beherbergt sie noch je eine unbeschriebene Endococcus- und Polycoccum-Art.

Über eine medizinische Nutzung ist uns nichts bekannt, obwohl neuerdings nachgewiesen wurde, dass die Art antioxidative und antimikrobielle Inhaltsstoffe besitzt1). Bei geeigneter Zubereitung sollen Arten der Gattung essbar sein und wurden wohl in Notsituationen verspeist2)3). Eine verwandte Art, Umbilicaria esculenta aus Ostasien wird in der traditionellen chinesischen Medizin genutzt und in Japan, China und Korea gegessen4).

[Wolfgang von Brackel]

Umbilicaria cylindrica im Internet (externe Angebote)

Fotos von Umbilicaria cylindrica

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Foto: Umbilicaria cylindrica Laufbacher Eck
Fransen-Nabelflechte (Umbilicaria cylindrica) an einem Silikatfelsen am Laufbacher Eck in den bayerischen Alpen [Wolfgang von Brackel]   
Umbilicaria cylindrica - Foto von Hörður Kristinsson
Gesteinsbewohnende Moos- und Flechtengesellschaft in Island mit Fransen-Nabelflechte (Umbilicaria cylindrica)  [Hörður Kristinsson]   

Umbilicaria cylindrica - Foto von JC Mermilliod
Fransen-Nabelflechte (Umbilicaria cylindrica) inmitten einer bunten Flechtengesellschaft auf Silikatgestein, Valsorey, Wallis,
CH [Jean-Claude Mermilliod]   

Texte und Fotos von Wolfgang von Brackel, sofern nicht anders gekennzeichnet.
Stand: November 2011

» Flyer   zu den Arten des Jahres 2012

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Das Echte Apfelmoos, Bartramia pomiformis, ist das Moos des Jahres 2018

Das Echte Apfelmoos wächst in mittelgrossen, dichten Polstern an Silikatfelsen in schattiger, luftfeuchter Lage und ist leicht kenntlich an den großen, rundlichen, weit über das Polster hinausgehobenen Kapseln.

Aussehen

Bartramia pomiformis bildet dichte, blaugrüne (bis gelbgrüne), bis zu 8 (10) cm hohe Polster, aus denen sich auf langen Seten kugelige Kapseln erheben. Die schmal-lanzettlichen, kaum bescheideten, oberwärts mit Doppelzähnen versehenen Blätter sind feucht aufrecht abstehend und trocken verbogen bis gekräuselt. Die unterseits gezähnte Rippe tritt in der Blattspitze aus. Die rotbraunen, grobwarzigen Sporen sind 16-24 µm groß. Die Art ist an der meist blaugrünen Färbung, den allmählich pfriemlich auslaufenden Blättern und den großen, runden Kapseln gut zu erkennen.

Eine Varietät "elongata" mit stärker gekräuselten Blättern und kurzen Seten kann mit Hallers Apfelmoos (Bartramia halleriana) verwechselt werden. Bei dieser Art stehen die Sporogone jedoch öfters zu mehreren. Vom in den Alpen häufigen Straffblättrigen Apfelmoos (Bartramia ithyphylla) unterscheidet sich unsere Art des Jahres durch die trocken verbogenen Blätter und das Fehlen einer weißlichen Blattscheide. Daneben kann Bartramia pomiformis noch mit Oeders Krummfussmoos (Plagiopus oederianus) verwechselt werden. Dieses kommt aber an Kalkfelsen vor und die Pflanzen sind olivgrün gefärbt.

Verbreitung und Gefährdung

Die Art ist in der temperaten bis borealen Zone der Nordhalbkugel verbreitet, wurde aber vereinzelt auch auf der Südhalbkugel nachgewiesen (Südamerika, Neuseeland). Sie kommt in fast ganz Europa vor (außer z.B. in Island). In den Silikatgebieten der Schweiz, Österreichs und Deutschlands ist sie verbreitet bis zerstreut, zeigt aber große Verbreitungslücken in den Tieflagen und in den Kalkgebieten.

Das Echte Apfelmoos ist eine kalkmeidende Art und wächst in Spalten und auf Absätzen von Felsen, an Wegböschungen und steinigen Abhängen. Neben naturnahen Standorten besiedelt es auch Sekundärstandorte in Steinbrüchen oder an Einschnitten. Es bevorzugt schattige bis halbschattige, luftfeuchte Stellen, erträgt aber auch Besonnung. Die Art gilt als Charakterart des Bartramietum pomiformis, dem sie auch den Namen gibt.

Das Echte Apfelmoos wird in der Roten Liste Deutschlands auf der Vorwarnliste geführt (V), in den einzelnen Bundesländern reicht die Einstufung entsprechend ihrem Anteil an den silikatischen Mittelgebirgen bzw. Moränengebieten von ungefährdet bis "vom Aussterben bedroht" (1). In der Schweiz und in Österreich gilt die Art als nicht gefährdet.

Während für die Vorkommen in den Mittelgebirgen kein Handlungsbedarf besteht, sollte auf den Schutz der wenigen Vorkommen im Flachland Wert gelegt werden

Biologie

Die einhäusige Art fruchtet häufig und verbreitet sich durch Sporen. Über eine vegetative Vermehrung oder Verbreitung ist bei der Art nichts bekannt. Das Einkräuseln der Blätter bei Trockenheit stellt einen Mechanismus zum Hinauszögern der vollständigen Austrocknung dar, der es der Pflanze erlaubt, länger photosynthetisch aktiv zu bleiben.

[Wolfgang von Brackel]

Bartramia pomiformis im Internet (externe Angebote)

Fotos von Bartramia pomiformis

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Ein Polster vom Echten Apfelmoos (Bartramia pomiformis) aus dem Bayerischen Wald an der Steilfläche eines Pfahlschieferfelsens. Foto: W. von Brackel 
Ein Polster vom Echten Apfelmoos (Bartramia pomiformis) aus dem Bayerischen Wald an der Steilfläche eines Pfahlschieferfelsens.   

Die „Echte Lungenflechte“, Lobaria pulmonaria,
ist die Flechte des Jahres 2012

Die Echte Lungenflechte ist eine unser auffälligsten, zugleich aber auch eine unserer seltensten Flechtenarten. In Mitteleuropa hat sie sich seit der Industriealisierung fast vollständig in die Gebirge zurückgezogen, wo sie in den Bergwäldern an den Stämmen alter Laubbäume hin und wieder anzutreffen ist. Sie fällt sofort durch die bis zu mehrere Dezimeter Durchmesser erreichenden, blattartigen und zerschlitzten Lager auf, die trocken unscheinbar graugrün erscheinen, im nassen Zustand aber lebhaft grün werden.

Lobaria pulmonaria Oberallgäu
Junge Lager von Lobaria pulmonaria Oberallgäu; Foto: WvBrackel

Ihre Oberfläche ist grubig verunebnet und weist neben Soralen (die der vegetativen Verbreitung dienen) seltener tellerförmige Fruchtkörper (Apothecien) auf, in denen die sexuell gebildeten Sporen heranreifen. Die hell- bis dunkelbraune, ebenfalls unebene Unterseite ist großenteils fein filzig behaart. Die Art ist weltweit verbreitet mit einem Schwerpunkt in den Gebirgen der Nordhemisphäre (vor allem in Europa und Nordamerika).

Lobaria pulmonaria ist die namengebende Charakterart des Verbandes Lobarion pulmonariae (Lungenflechten-Gesellschaften) der durch hohe Niederschlagssummen geprägten Bergwälder, in denen sie zusammen mit anderen Flechten und Moosen die Stämme von alten Buchen, Bergahornen und anderen Laubbäumen bedeckt. Dabei ist sie, wenn nur die Luftreinheit und die Niederschlagsmengen stimmen, nicht wählerisch bezüglich der Temperatur: In Europa kommt sie von den Gebirgen Siziliens bis in den hohen Norden Skandinaviens vor. Die Lungenflechte ist ausgesprochen anfällig gegenüber Luftverunreinigungen, wobei offenbar schon Einzelereignisse ganze Bestände vernichten oder zumindest stark schädigen können. In den Roten Listen gefährdeter Flechten wird sie in Deutschland als "vom Aussterben bedroht", in Österreich als "gefährdet" und in der Schweiz (wo sie das Titelblatt der Roten Liste ziert) als "verletzlich (vulnerable)" geführt. In der Bundesartenschutzverordnung (Deutschland) wird sie als einzige Flechtenart mit dem Status "streng geschützt" geführt. In der Schweiz ist sie durch die Natur- und Heimatschutzverordnung geschützt und darf nicht gesammelt werden. Trotz der hohen Verantwortung Europas für den Erhalt der Art ist sie in keinem der Anhänge der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union verzeichnet.

Zur Gefährdung der Art trugen oder tragen neben der (nun glücklicherweise zurückgehenden) Luftverschmutzung die Umwandlung alter Laubmischwälder in Fichtenmonokulturen, Eingriffe in den Wasserhaushalt der Bergtäler sowie nicht zuletzt das früher verbreitete Absammeln der leicht zu findenden Flechtenlager bei. Genutzt wurde die Lungenflechte in früheren Zeiten gemäß der Signaturenlehre als Mittel bei Lungenkrankheiten (die grubige Oberflächenstruktur mag an das Aussehen der menschlichen Lunge erinnern). Wie etliche andere Flechten auch (etwa die bekanntere, auch jetzt noch in der Pharmazie eingesetzte Island-Flechte) enthält die Lungenflechte zahlreiche Inhaltsstoffe, die möglicherweise antibakteriell oder schleimlösend wirken. Wohl auch wegen der geringen Verfügbarkeit wird sie heute nur noch in der Homöopathie eingesetzt.

Links

Fotos von der Echten Lungenflechte (Bildvergrößerung durch Mausklick)

Aufnahmeort: Kronwinkelmoos, Allgäu (BY, D).
Sehr großes Lager der Echten Lungenflechte

Lobaria pulmonaria Kronwinkelmoos
Altes Exemplar mit zahlreichen, braunen Apothecien, Aufnahmeort: unterhalb des Belchengipfels, Schwarzwald (BW, D).Foto: NJ Stapper.   

Altes Exemplar der echen Lungenflechte mit zahlreichen, braunen Apothecien, Aufnahmeort: unterhalb des Belchengipfels, Schwarzwald (BW, D). Foto: NJ Stapper.

Altes Exemplar mit zahlreichen, braunen Apothecien, Aufnahmeort: unterhalb des Belchengipfels, Schwarzwald (BW, D).Foto: NJ Stapper
Altes Exemplar mit zahlreichen, braunen Apothecien, Aufnahmeort: unterhalb des Belchengipfels, Schwarzwald (BW, D). Foto: NJ Stapper. Echte Lungenflechte mit Apothecien   

Lagerausschnitt mit Fruchtkörpern; Aufnahmeort: Julische Alpen (I). Foto: NJ Stapper. Lobaria pulmonaria c. apo.

Lobaria pulmonaria Julian Alps NJS
Lagerausschnitt mit Fruchtkörpern; Aufnahmeort: Julische Alpen (I). Foto: NJ Stapper.   

Lobaria pulmonaria zusammen mit dem Eichhornschwanzmoos Leucodon sciuroides an einem Baum in etwa 1200 m üNN in den Lefka Ori auf Kreta, Griechenland. Foto: NJ Stapper. Lobaria pulmonatia at Lefka Ori, Crete, Greece (NJStapper)

Lobaria pulmonaria Lefka Ori NJS
Lobaria pulmonaria zusammen mit dem Eichhornschwanzmoos Leucodon sciuroides an einem Baum in etwa 1200 m üNN in den Lefka Ori auf Kreta, Griechenland. Foto: NJ Stapper.   

Texte und Fotos von Wolfgang von Brackel, sofern nicht anders angegeben.

Die Bildautoren sind in [Klammern] angegeben.
Stand: November 2016

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Das „Grüne Koboldmoos“, Buxbaumia viridis,
ist das Moos des Jahres 2012

Die Koboldmoose sind durch ihre eigentümliche Gestalt fast unverwechselbar: Im Gegensatz zu allen anderen heimischen Moosen tragen sie als ausgewachsene Pflanzen keine sichtbaren Blätter, sondern bestehen nur aus dem Stämmchen und der Sporenkapsel. Beim Grünen Koboldmoos (Buxbaumia viridis) ist diese mehr oder weniger zylindrisch, aufrecht und bleibend grün, bei der Schwesterart, dem Blattlosen Koboldmoos (Buxbaumia aphylla) ist die Sporenkapsel dagegen abgeflacht, geneigt und bald bräunlich.

Buxbaumia viridis Lautertal
Buxbaumia viridis Lautertal; Foto WvBrackel   

Die beiden Arten (die einzigen europäischen der weltweit etwa 10 Arten umfassenden Gattung) unterscheiden sich auch in ihrem Lebensraum: Während das Blattlose Koboldmoos überwiegend auf sandig-lehmigen Böden in trockenen und lichten Wäldern lebt, wächst das Grüne Koboldmoos vor allem auf Totholz von Nadelbäumen (Fichte, Tanne) in luftfeuchten, schattigen Wäldern. Es bevorzugt dabei niederschlagsreiche Gebiete und Schluchten oder Nordhänge und kommt besonders gerne in Bachnähe vor. Nur ausnahmsweise ist es auf Erde oder an Felsen zu finden.

Das Grüne Koboldmoos ist über die nördliche Hemisphäre verbreitet und hat seinen Schwerpunkt in Mitteleuropa und im südlichen Skandinavien. Entsprechend des bevorzugten Lebensraums zeigt sich ein ausgesprochenes Nord-Süd-Gefälle: Im norddeutschen Flachland scheint die Art ausgestorben zu sein, während sie in den süddeutschen Mittelgebirgen und dann in den Alpen hin und wieder gefunden werden kann. In den Roten Listen der Moose wird Buxbaumia viridis in Deutschland und Österreich als "stark gefährdet", in der Schweiz als "potenziell gefährdet" geführt. In der Schweiz gehört Buxbaumia viridis zu den "kantonal zu schützenden Arten". Die Gründe für den Rückgang der Art sind nach wie vor unklar, da der Anteil der Nadelholzforsten stark zugenommen hat und das Grüne Koboldmoos nicht nur auf liegendem Totholz, sondern gerne auch an den verrottenden Stubben siedelt. Diese sind auch in den Nadelholzmonokulturen in ausreichender Zahl vorhanden. Möglicherweise ist eine Kombination aus Eingriffen in den Wasserhaushalt und dem Einfluss der sauren Niederschläge auf das kaum abpuffernde Substrat für den Rückgang der Art verantwortlich zu machen.

Das Grüne Koboldmoos ist eine der wenigen Moosarten, die in der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der Europäischen Union berücksichtigt worden sind. Sie wird als prioritäre Art im Anhang II geführt, in dem Arten von gemeinschaftlichem Interesse aufgelistet sind, "für deren Erhalt besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen." Zur Förderung der Art sollte neben der Sicherung des Wasserhaushalts in luftfeuchten, schattigen Bachtälern für einen ausreichenden Anteil an liegendem Totholz (von Fichte oder Tanne) gesorgt werden. Dies geht außerhalb des natürlichen Verbreitungsgebiets der Fichte nicht ohne Konflikte ab, da Fichtenbestände in Bachtälern des Hügel- und Berglandes sonst wenig erwünscht sind. Eine Förderung der Tanne, wo dies standörtlich möglich ist, und der Erhalt von Fichteninseln auf Sonderstandorten in kühl-schattigen Tälern sollte akzeptabel sein.

Links

Fotos vom Grünen Koboldmoos (Bildvergrößerung durch Mausklick)

Aufnahmeort: Lautertal. Buxbaumia viridis, Lautertal, WvBrackel

Buxbaumia viridis Lautertal WvBrackel
Buxbaumia viridis   

Aufnahmeort: Lautertal.

Buxbaumia viridis Lautertal
Buxbaumia viridis Lautertal; Foto: WvBrackel   

Aufnahmeort: Hornisgrinde, Schwarzwald; Foto: NJ Stapper.

Buxbaumia viridis
Buxbaumia viridis, Hornisgrinde, Schwarzwald; NJStapper
Ctenidium molluscum
Weiches Kammmoos - Ctenidium molluscum
Foto: Heike Hofmann   

Die Besiedlung von Kalkfelsen – insbesondere der steilen und besonnten Partien – stellt für die meisten Pflanzen und andere photosynthetisch aktive Organismen eine kaum zu meisternde Herausforderung dar. Fehlender Wurzelraum, Nährstoffarmut, Trockenheit und starke Sonneneinstrahlung ermöglichen es nur einigen Spezialisten, hier Fuß zu fassen.

Während Ritzen und Spalten auch noch von einigen Blütenpflanzen erobert werden können, finden sich an den mehr oder weniger glatten Wänden nur noch Moose, Flechten, Cynobakterien und einige wenige Algen.

Unter den Moosen sind dies vor allem polsterförmig wachsende Arten der Gattungen Kissenmoose (Grimmia) und Spalthütchen (Schistidium), während mattenbildende Arten zumindest kleine Ansatzpunkte in Form von Spalten, Ritzen oder Verebnungen und eine gewisse Beschattung benötigen. Zu letzteren gehört das Weiche Kamm-Moos (Ctenidium molluscum), unser  Moos des Jahres 2017.

Die Extremstandorte der steilen, stark besonnten Wände sind der Lebensraum einer Vielzahl von Flechten, die dank spezieller Anpassungen gegen Austrocknung und Hitze gefeit sind. Neben vielen sehr unauffälligen, teilweise im Gestein lebenden Arten der Gattungen Warzenflechten (Verrucaria, Bagliettoa) oder Zeichenflechten (Opegrapha) sind dies vor allem die leuchtend gelben oder orange-gelben Arten der Gattung Schönfleck (Caloplaca im weiteren Sinne). Einer ihrer Vertreter ist Hepps Schönfleck (Variospora flavescens), unsere Flechte des Jahres 2017.

Caloplaca flavenscens Hohenfels
Hepps Schönfleck (Variospora flavescens) an einem Dolomitfelsen der Fränkischen Alb (WvBrackel)   

Die Lebensgemeinschaften von Kalkfelsen sind in ganz Mitteleuropa außerhalb der Alpen bedroht und bedürfen eines besonderen Schutzes. Neben der direkten Zerstörung durch Straßenbau, Bebauung oder Abbau setzt ihnen die Umwandlung von Laubwäldern in Nadelholzforsten (mit stärkerer Beschattung vor allem in den Wintermonaten) zu. Die allgemeine Eutrophierung durch Stickstoffverbindungen aus Landwirtschaft, Verkehr und Industrie ermöglicht es Sträuchern und Bäumen in den ehemals gehölzfeindlichen Spalten und Ritzen Fuß zu fassen, was zu einer Beschattung und Verdrängung der lichtliebenden Arten führt. Durch die Aufgabe der Wanderschäferei verbuschen Halbtrockenrasen und die hier oft vorkommenden Felsausragungen.

Wegen der starken Bedrohung der Lebensgemeinschaft der Kalkfelsen sind diese im Anhang I der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU aufgeführt (LRT 8210, Kalkfelsen mit Felsspaltenvegetation). Diese Lebenraumtypen sind "Natürliche Lebensräume von gemeinschaftlichem Interesse, für deren Erhaltung besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen".

Texte und Fotos von Wolfgang von Brackel, sofern nicht anders gekennzeichnet.

Stand: November 2010

Copyright-Hinweis: Eine Verlinkung dieses Dokumentes oder ein Abdruck der hier gezeigten Bilder in Naturschutz-relevanten Druckwerken ist bei Nennung des jeweiligen Bildautors und der BLAM e. V. ausdrücklich erwünscht!

Die Rechte an den Bildern verbleiben bei den jeweiligen Autoren. Über Belegexemplare freuen wir uns. Rückfragen zu Moos und Flechte des Jahres richten Sie bitte an Wolfgang von Brackel.

Hepps Schönfleck, Variospora flavescens,
ist die Flechte des Jahres 2017

Hepps Schönfleck ist eine auffällige Flechte nackter Kalkfelsen. Der orange-gelbe rosettenförmige Thallus erreicht mehrere Zentimeter Durchmesser und ist im Inneren meistens mit Fruchtkörpern besetzt. Er gehört zur großen Sammelgattung Caloplaca, die kürzlich in etliche kleinere Gattungen aufgeteilt worden ist.

Aussehen

Das gelbe oder orange-gelbe Lager bildet dem Gestein eng anliegende Rosetten von 2 bis über 10 cm Durchmesser. Die leicht gewölbten, matten und manchmal etwas bereiften Lappen der Rosette schließen eng aneinander und fächern nur am Rand leicht auf. Im Inneren ist der Thallus aeroliert (gefeldert) oder unregelmäßig zerrissen, oft auch weißlich erodiert. Hier sitzen in der Regel reichlich Fruchtkörper, die sich meist farblich vom Thallus abheben: ihr Rand ist noch etwa dem Thallus gleichfarben, die Scheibe ist jedoch in der Regel dunkler orange. Die zweizelligen Sporen sind zitronenförmig und weisen ein breites Septum auf. Der photosynthetisch aktive Partner in der Flechte ist eine trebouxioide Alge. Das für die orange-gelbe Farbe verantwortliche Parietin verfärbt sich bei Zugabe von Kalilauge sofort tief violett.

Ähnliche Arten an Kalkfelsen sind der kleinere, meist deutlich weiß bereifte Orangerote Schönfleck (Variospora saxicola = Caloplaca s.) mit kaum zerteilten (gegabelten) Randlappen, der meist größere Mauer-Schönfleck (Caloplaca aurantia) mit auffällig verflachten Lappenenden sowie die Zierliche Gelbflechte (Rusavskia elegans = Xanthoria e.), deren Thallus bis ins Zentrum in schmale, stark gewölbte und mit dem Gestein nicht eng verwachsene Lappen zerteilt ist.

Ökologie

Hepps Schönfleck siedelt direkt auf dem nackten Kalk- oder Dolomitfels, gerne an etwas nährstoffreicheren Standorten (Staubanflug) und verlangt leichte bis volle Besonnung. Die Art besiedelt auch sekundäre Lebensräume wie gemörtelten Backstein, Mauern und Grabsteine.

Verbreitung und Gefährdung

Variospora flavescens ist in Europa, den angrenzenden Teilen Asiens und Afrikas sowie auf den Makaronesischen Inseln verbreitet und findet sich von den Küsten bis in die höheren Gebirge. In Mitteleuropa hat sie ihre Schwerpunkte in den Kalkgebirgen (Kalkalpen, Schwäbische und Fränkische Alb, Muschelkalkgebiete), dringt aber auch ins Flachland vor, wo sie auf kalkhaltige anthropogene Substrate ausweicht.

In Deutschland kommt die Art in nahezu allen Bundesländern vor und gilt insgesamt als nicht gefährdet. Allerdings wird sie in einigen nördlichen Bundesländern mit unterschiedlichen Gefährdungsgraden (von gefährdet – 3 bis extrem selten – R) auf den Roten Listen geführt. In Österreich und in der Schweiz ist die Art nicht auf den Roten Listen verzeichnet (wobei für die Schweiz gesteinsbewohnende Arten nicht in der Roten Liste behandelt sind).

Biologie

Wie etliche andere Schönfleck-Arten ist Hepps Schönfleck hart im Nehmen, was Sonneneinstrahlung und Trockenheit angeht. Vor Schädigungen durch das UV-Licht schützt sie der Farbstoff Parietin. Da Flechten keinen Verdunstungsschutz besitzen, trocknen sie in der Sonne völlig aus und verfallen in einen inaktiven Ruhezustand, in dem sie nötigenfalls monatelang überleben können. Besondere Inhaltsstoffe (wie der Zucker Trehalose) schützen die Proteine vor Denaturierung und nach dem Wiederbefeuchten kommen rasch Reparaturmechanismen an der DNA in Gang.

Die Art verbreitet sich durch Ascosporen, die bei Hepps Schönfleck etwa 0,015 mm groß sind und Dank ihrer Kleinheit über weite Distanzen transportiert werden können. Die mit ihr gerne vergesellschafteten Arten Trügerischer Schönfleck (Calogaya decipiens = Caloplaca d.) und Zweifarbiger Schönfleck (Leproplaca cirrochroa = Caloplaca c.) verbreiten sich dagegen asexuell durch Soredien, der Körnchen-Schönfleck (Flavoplaca granulosa = Caloplaca g.) durch Isidien.

Parasiten und Medizin

Variospora flavescens ist die Wirtsflechte einer ganzen Reihe flechtenbewohnender Pilze, unter denen Cercidospora caudata, Weddellomyces epicallopisma und Zwackhiomyces coepulonus weitgehend auf Wirte der Sammelgattung Caloplaca beschränkt sind. Ein offenbar auf die Art beschränkter Parasit ist die Flechte Verruculopsis flavescentaria.
Über eine medizinische Nutzung ist uns nichts bekannt.

[Wolfgang von Brackel]

Hepps Schönfleck im Internet (externe Angebote)

Fotos von Hepps Schönfleck

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Variospora flavescens, Jura, CH. Foto: JC Mermilliod
Hepps Schönfleck (Variospora flavescens) im Schweizer Jura, Creux-du-Van/Neuchâtel, 1120 m hoch [Jean-Claude Mermilliod]   
Hepps Schönfleck (Variospora flavescens) an einem Dolomitfelsen der Fränkischen Alb (Wv Brackel)
Hepps Schönfleck (Variospora flavescens) an einem Dolomitfelsen der Fränkischen Alb [Wolfgang von Brackel]   
Hepps Schönfleck (Variospora flavescens) in der Nördlichen Frankenalb  (Wolfgang von Brackel)
Hepps Schönfleck (Variospora flavescens) in der Nördlichen Frankenalb  [Wolfgang von Brackel]   

Die „Gewöhnliche Feuerflechte“, Fulgensia fulgens,
ist die Flechte des Jahres 2011

Die Gewöhnliche Feuerflechte wächst in lückigen Trockenrasen auf extrem nährstoffarmen und flachgründigen Böden über Kalk- und Gipsgestein. An diesem Standort ist die Art leicht erkennbar durch ihr rosettiges, leuchtend gelbes Lager und die tellerförmigen, orangebraunen Fruchtkörper mit hellerem Rand.

Fulgensia fulgens; Foto: WvBrackel
Fulgensia fulgens; Foto: WvBrackel   

Zu verwechseln ist sie allenfalls mit der wesentlich selteneren Fulgensia bracteata, die sich durch ein mehr schuppiges Lager unterscheidet. Die farblich ähnlichen Schönfleck- und Gelb-Flechten (Gattungen Caloplaca und Xanthoria) wachsen stets direkt an Gestein oder an Rinde, nicht auf dem Boden. Im englischen Sprachraum wird die Flechte bezeichnenderweise „Scrambled-egg lichen“, also Rührei-Flechte, genannt. Verbreitet ist die Art über die gesamte Nordhemisphäre, vor allem in den wärmegetönten Kalkgebieten und in den Steppen Eurasiens und Nordamerikas. Im Mittelmeerraum treten weitere, teilweise schwer zu unterscheidende Arten der Gattung hinzu.

Fulgensia fulgens ist eine der Charakterarten der „Bunten Erdflechtengesellschaft“, die die trockenen Kalk-, Löss- und Gipsböden vor allem in den Wärmegebieten Süddeutschlands, Österreichs und der Schweiz (Oberrheintal, Main- und Taubertal, Thüringer Becken, Burgenland) ziert. Neben ihr treten hier die graugrüne Toninia sedifolia, das braune Placidium squamulosum, die weiße Squamarina lentigera, die hellgrüne Cladonia convoluta und die orangefarbene Psora decipiens auf.

Die Gewöhnliche Feuerflechte ist in Deutschland so stark zurückgegangen, dass sie auf der Roten Liste als „vom Aussterben bedroht“ geführt wird, wie auch ihre Begleiter Squamarina lentigera und Cladonia convoluta, „stark gefährdet“ sind Toninia sedifolia und Psora decipiens. In der Schweiz gilt Fulgensia fulgens als „verletzlich“ (vulnerable), in Österreich als „stark gefährdet“.

Wie Kultivierungsversuche gezeigt haben, ist Fulgensia fulgens keineswegs vermehrungsunfreudig. Ihr Problem, und das betrifft auch ihre Begleiter, ist vielmehr der Verlust des Lebensraumes, das allmähliche Verschwinden der Offenbodenstellen in den Trockenrasen. Durch anhaltend hohe Nährstoffeinträge aus der Luft ("Lufteutrophierung", die eines der drängendsten, gegenwärtigen Umweltprobleme darstellt), gewinnen raschwüchsige Moose und Blütenpflanzen an Konkurrenzkraft und überwachsen die Flechtenrasen. Zudem begünstigt die weitgehende Aufgabe der Wanderschäferei das Aufkommen von Gehölzen, ebenso entfällt die Schaffung stets neuer Offenbodenstellen durch den Tritt der Schafe. Darüber hinaus wurden (und werden) kleinflächige Trockenrasen durch Flurbereinigung, Wegebau und Aufforstungen aus der Landschaft verdrängt.

Fotos von der Gewöhnlichen Feuerflechte

Aufnahmeort: Wüstphül, Mittelfranken.

ulgensia fulgens Wuestphue
Fulgensia fulgens; Foto WvBrackel   

Noch etwas näher herangegangen, Aufnahmeort ebenfalls Wüstphül in Mittelfranken.

Fulgensia fulgens
Fulgensia fulgens, closeup; Foto WvBrackel   

F. fulgens zusammen mit Toninia sedifolia, Wüstphül in Mittelfranken

Fulgensia fulgens and Toninia sedifolia; Foto WvBrackel
Fulgensia fulgens and Toninia sedifolia; Foto WvBrackel   

F. fulgens aufgenommen von Matthia Vust (CH)

Fulgensia fulgens; Foto: Matthia Vust
Fulgensia fulgens; Foto: Matthia Vust   

Das Weiche Kamm-Moos, Ctenidium molluscum,
ist das Moos des Jahres 2017

Das Weiche Kamm-Moos überzieht großflächig Kalkfelsen vorwiegend in Wäldern und gehört mit seinem grün-goldenem Glanz und der feinen Fiederung zu unseren schönsten Moosen.

Aussehen

Ctenidium molluscum bildet große Matten, die gelbgrün bis gelbbraun gefärbt sind, einen seidigen Glanz aufweisen und eine Ausdehnung von über einem Meter erreichen können. Die Einzelpflanzen erinnern durch dichtstehende, regelmässig angeordnete Seitenästchen an kleine Farnwedel. Die Astblättchen sind gleichmäßig in eine scharfe Spitze ausgezogen, am Rand deutlich gesägt und sichelförmig einseitswendig gekrümmt. Die Rippe ist, wie auch bei den etwas größeren und breiteren Stämmchenblättern, kurz und doppelt oder fehlend.

Unter den dicht beasteten Arten mit sichelförmigen Blättchen kann es allenfalls mit dem Federmoos (Ptilium crista-castrensis) verwechselt werden, das aber deutlich faltige Blättchen besitzt und in der Regel auf sauren Substraten (Rohhumus) vorkommt. Bei dem größeren Üppigen Kamm-Moos (Ctenidium procerrimum = Hypnum p.) sind die Blattränder nicht gesägt.

Vorkommen, Verbreitung und Gefährdung

Die Art ist auf der gesamten Nordhalbkugel verbreitet und kommt von den Kanarischen Inseln bis über den Polarkreis vor. In Mitteleuropa ist sie von der alpinen Stufe bis an die Küste bekannt, mit einer deutlichen Bevorzugung der Kalkgebirge.

Ihren Schwerpunkt hat sie an Kalkfelsen, hier vor allem an leicht geneigten Flächen, tritt aber auch an anderen basenführenden Gesteinen oder sekundär an Betonmauern auf. Sowohl hinsichtlich des Lichtgenusses wie auch des Wasserhaushalts bevorzugt sie mittlere Standorte, meidet also einerseits voll besonnte und andererseits tiefschattige Stellen, jeweils von mäßig trocken bis feucht. Sie gilt als Kennart des Verbandes Ctenidion molluci, dem sie auch den Namen gibt.

Neben Kalkfelsen vermag die Art auch kalkreiche Niedermoore zu besiedeln und war dort ehemals weit verbreitet. Sie ist jedoch heute von vielen dieser Standorten verschwunden oder mit ihnen zurückgegangen.

Das Weiche Kamm-Moos wird in der Roten Liste Deutschlands auf der Vorwarnliste geführt (V). In den einzelnen Bundesländern reicht die Einstufung entsprechend dem Süd-Nord-Gefälle von ungefährdet bis ausgestorben (0). In der Schweiz und in Österreich gilt die Art als nicht gefährdet.

Während für die Vorkommen an Felsen der Gebirge kein Handlungsbedarf besteht, sollte in Deutschland auf den Schutz der wenigen natürlichen Vorkommen im Flachland und in den Flachmooren Wert gelegt werden.

Biologie

Die Pflanzen sind zweihäusig, und Sporogone sind in Mitteleuropa selten zu sehen. Während die vegetativen Stadien der Pflanze, wie bei vielen anderen Moosen auch, eine gewisse Schadstoffkonzentration tolerieren, wird die geschlechtliche Vermehrung schon bei geringeren Immissionsbelastungen gestört oder gar unterbunden. So können in Reinluftgebieten, z. B. an der italienischen Westküste, durchaus noch Bestände mit reichlicher Bildung von Sporenkapseln beobachtet werden. Spezielle vegetative Verbreitungseinrichtungen sind nicht bekannt.So ist die Art insgesamt weitgehend darauf angewiesen, sich durch Bruchstücke von Pflanzen vegetativ zu verbreiten.

Parasiten & Medizin

Auf Ctenidium molluscum sind die beiden parasitischen Pilze Nectria voratella und Protoventuria echinospora beschrieben worden. Über eine medizinische Verwendung des Weichen Kamm-Mooses ist uns nichts bekannt. Dagegen ist es ein beliebtes Material für Floristen. Die ausgedehnten Matten des Weichen Kamm-Mooses lassen sich leicht als Ganzes von den Felsen entfernen und werden dafür verwendet, Dekorationsgegenstände mit natürlichem Grün zu überziehen.

[Wolfgang von Brackel]

Das Weiche Kamm-Moos im Internet (externe Angebote)

Fotos vom Weichen Kamm-Moos

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Weiches Kamm-Moos (Ctenidium molluscum) [Michael Lüth]
Weiches Kamm-Moos (Ctenidium molluscum) an einer Felswand
[Michael Lüth]   
Weiches Kamm-Moos (Ctenidium molluscum); [Michael Lüth]
Weiches Kamm-Moos (Ctenidium molluscum) [Michael Lüth]  
Weiches Kamm-Moos (Ctenidium molluscum) [Michael Lüth]
Weiches Kamm-Moos (Ctenidium molluscum)  [Michael Lüth]  
Kamm-Moos (Ctenidium molluscum); [Heike Hofmann]
Weiches Kamm-Moos (Ctenidium molluscum) [Heike Hofmann]  
Weiches Kamm-Moos (Ctenidium molluscum) [Heike Hofmann]
Weiches Kamm-Moos (Ctenidium molluscum). Die Sporenkapseln gehören zu einem anderen Moos (Rhynchostegium murale) [Heike Hofmann]   
Weiches Kamm-Moos (Ctenidium molluscum) [Michael Lüth]
Weiches Kamm-Moos (Ctenidium molluscum) mit reifen Sporenkapseln [Michael Lüth]  
Ctenidium molluscum
Weiches Kamm-Moos (Ctenidium molluscum) [Walter Obermayer]  
Weiches Kamm-Moos (Ctenidium molluscum)  [Wolfgang von Brackel]
Weiches Kamm-Moos (Ctenidium molluscum) aus der Fränkischen Alb in einem dichten Rasen über Malmkalkfelsen, von denen es auf den Waldboden übergreift [Wolfgang von Brackel]  
Weiches Kamm-Moos (Ctenidium molluscum) [Wolfgang von Brackel]
Einzelne Pflänzchen des Weichen Kamm-Mooses mit regelmäßigen, dichtstehenden Ästchen und sichelförmig eingekrümmten Blättchen, vor allem an den Enden der Ästchen [Wolfgang von Brackel]  
Ctenidium molluscum
Einzelner Spross des Weichen Kamm-Mooses  [Walter Obermayer]   

Das „Tännchenmoos“, Thuidium abietinum,
ist das Moos des Jahres 2011

Das Tännchenmoos oder Tannenmoos ist eine charakteristische Art wärmegetönter kalk- oder basenreicher Trocken- und Halbtrockenrasen. Als solche tritt es gelegentlich zusammen mit der Flechte des Jahres auf, hat jedoch eine wesentlich weitere ökologische Amplitude. Es kann sich auch in mehr oder weniger geschlossenen Halbtrockenrasen halten, wo es zusammen mit Rhytidium rugosum, Entodon concinnus, Homalothecium lutescens, Hypnum lacunosum und anderen Moosen ausgedehnte Bestände unter der Kraut- und Grasschicht bildet. Die Art ist auf der nördlichen Halbkugel weit verbreitet und findet sich auch noch, trotz ihrer Vorliebe für Wärmegebiete, hoch im Norden Europas auf Spitzbergen.

Thuidium abietinum; Foto: WvBrackel
Thuidium abietinum; Foto: WvBrackel   

Den Namen Tännchenmoos verdankt die Art ihrem gefiederten Aufbau, der entfernt an den Zweig einer Tanne erinnert. Durch die einfache Fiederung unterscheidet sie sich von anderen Arten der Gattung, die teils in ähnlichen Lebensräumen, teils in Wäldern vorkommen. In der mikroskopischen Betrachtung sind die sehr unterschiedlich geformten Ast- und Stängelblätter, die mit Papillen besetzt sind, auffällig. Thuidium abietinum (synonym: Abietinalla abietina) und ihre Begleiter kommen in den Kalkgebieten Deutschlands, Österreichs und der Schweiz noch regelmäßig und in größeren Populationen vor. Wie andere Arten der Trocken- und Halbtrockenrasen ist es jedoch durch Lebensraumverluste seit der Mitte des vorigen Jahrhunderts deutlich zurückgegangen. In der Roten Liste Deutschlands wird die Art auf der Vorwarnliste geführt, in den Roten Listen vor allem der nördlichen Bundesländer auch als „gefährdet“ oder „stark gefährdet“; in der Schweiz und in Österreich gilt sie nicht als gefährdet.

Faktoren, die zum Rückgang der Art beitragen, sind einerseits das Brachfallen und die Verbuschung von Halbtrockenrasen, andererseits ihre Umwandlung in ertragreichere Mähwiesen durch Düngung. Dass diese Tendenzen in der Landwirtschaft unvermindert anhalten (Aufgabe von unrentablen Wiesen, starke Intensivierung auf günstig gelegenen Flächen), lässt für das Tännchenmoos nichts Gutes erwarten. Immerhin sind die Kalk-(Halb-)Trockenrasen als Lebensraumtyp 6210 in den Anhang der Fauna-Flora-Habitatrichtlinie der Europäischen Union aufgenommen worden, was für die Mitgliedsstaaten eine Verpflichtung zu ihrem Erhalt bedeutet.

Auf Renaturierungsmaßnahmen reagiert die Art ausgesprochen positiv: nach Entbuschungen und darauffolgender Mahd oder Beweidung stabilisieren sich die Bestände schnell und dauerhaft. Auch bei der Wiederherstellung von Kalkmagerrasen (etwa auf abgeschobenen ehemaligen Ackerflächen) lässt sie sich gut durch Mähgutübertragung von intakten Magerrasen ansiedeln, wenn die Böden nur nährstoffarm genug sind.

Fotos vom Tännchenmoos

Pflanzen im feuchten Zustand; Aufnahmeort: Hochmutting.
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Abietinella abietina Hochmutting
Thuidium abietinum; Foto: WvBrackel   

Pflanzen im trockenen Zustand; Aufnahmeort: Hochmutting.

Abietinella abietina dry
Thuidium abietinum; Foto: WvBrackel   

Thuidium abietinum, Habitus (Foto: Michael Lüth)

Abietinella abietina HD Lueth
Thuidium abietinum; Foto: Michael Lüth   

Thuidium abietinum, Vergleich Stengel- und Astblatt
(Mikrofotos: NJ Stapper)

Thuidium abietinum Blattvergleich
Thuidium abietinum, stem and branch leafs; micrographs: NJ Stapper   

Thuidium abietinum, Stengel in Aufsicht, mit Paraphyllien (Makroofoto: NJ Stapper)

Thuidium abietinum makro
Thuidium abietinum, habitus; macro foto: NJ Stapper   

Thuidium abietinum, Papillen, Stengelblattquerschnitt und Blattspitze des Astblattes (Mikrofotos: NJ Stapper)

Thuidium abietinum papillae
Thuidium abietinum, papillae; micrographs: NJ Stapper   

Texte und Fotos von Wolfgang von Brackel, sofern nicht anders angegeben.

Die Bildautoren sind in [Klammern] angegeben. Stand: Januar 2016

Copyright-Hinweis: Eine Verlinkung zu unserer Website bzw. direkt zu dieser Seite sowie ein Abdruck der hier gezeigten Bilder in Naturschutz-relevanten Druckwerken ist bei Nennung des jeweiligen Bildautors und der BLAM e.V. ausdrücklich erwünscht!

Die Rechte an den Bildern verbleiben bei den jeweiligen Autoren.
Über Belegexemplare freuen wir uns. Rückfragen zu Moos und Flechte des Jahres richten Sie bitte an Wolfgang von Brackel.

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Icmadophila ericetorum
Icmadophila ericetorum Foto: WvBrackel   

Hochmoore stellen ganz besondere Lebensräume dar, die durch ihren eigenen, aus Regenwasser gespeistem Wasserhaushalt und speziell durch die hier herrschenden sehr niedrigen pH-Werte (in der Regel unter 3,5) und das fast vollständige Fehlen von freien Nährsalzen nur von wenigen Organismen besiedelt werden können. Wichtigster Bestandteil der Flora sind dabei die Torfmoose (Sphagnum). Diese sterben nach unten hin ab und bilden eine immer mächtiger werdende Torfschicht, die letztlich das Grundwasser vom Moorkörper trennt. Die lebenden und ein Teil der abgestorbenen Torfmoose wirken dann wie ein Schwamm, der das Regenwasser festhält. Ein wichtiger und teilweise der Hauptbestandteil der Hochmoor-Torfmoose ist das Mittlere Torfmoos (Sphagnum magellanicum), unser Moos des Jahres 2016.

Flechten finden sich in intakten Hochmooren nur in geringer Zahl, ihnen sagt die hier herrschende Nässe nicht zu; eine Ausnahme macht die parasitische Torfmoos-Wachsflechte (Absconditella sphagnorum). Sobald sich aus dem Hochmoor hebende Bulte austrocknen oder das ganze Moor durch Entwässerung zur Hochmoorheide wird, wandern Flechten ein. Auffällig sind hierunter verschiedene Arten der Rentierflechten (Cladonia spp.) oder das Isländische "Moos" (Cetraria islandica).

Auf mehr oder weniger trockenem Torf kommen auch Krustenflechten vor. Eine davon ist die Heideflechte (Icmadophila ericetorum), unsere Flechte des Jahres 2016.

Intakte Hochmoore, deren Entstehung in Mitteleuropa nach dem Ende der Eiszeiten, vor etwa 12.000 Jahren, begann, gehören zu den letzten noch weitgehend naturnahen Ökosystemen Mitteleuropas. In Deutschland haben sie durch Entwässerung und/oder Abbau bis zu 99 % ihrer ursprünglichen Fläche eingebüßt. Der abgebaute Torf wurde als Brennstoff, Dämmmaterial, Boden"verbesserer" im Gartenbau oder zu Moorbädern verarbeitet. Die abgetorften Flächen wurden anschließend land- und forstwirtschaftlich genutzt.

Spagnum magellanicum; Foto: HHofmann
Sphagnum magellanicum Foto: HHofmann   

Glücklicherweise wurden in jüngerer Zeit die meisten der verbliebenen Restflächen unter Naturschutz gestellt, nicht zuletzt durch EU-Recht. Versuche zur Renaturierung bereits beeinträchtigter Moore zeigen unterschiedliche Erfolge. Schwierigkeiten bereiten hier vor allem der Wasserrückhalt und der Eintrag von Nährstoffen aus der Luft. Wichtig ist der Erhalt der Restmoore und die Wiederherstellung degenerierter Moorflächen nicht nur für den Naturschutz, sondern auch für den Klimaschutz: intakte Hochmoore sind effektive CO2-Senken, während degenerierte Moore große Mengen an klimaschädlichem CO2 und Methan emittieren.

Das "Gemeine Widertonmoos" oder "Goldene Frauenhaar", Polytrichum commune, ist Moos des Jahres 2010

Dieses Moos ist vielen als das Lehrbuchmoos noch aus der Schulzeit, zu mindestens als Abbildung, in Erinnerung. Die im Volksmund als Widertonmoos bekannte Pflanze wächst vor allem an feuchten bis nassen Standorten, wird bis zu einem halben Meter hoch und hat im feuchten Zustand Ähnlichkeit mit der Miniaturausgabe einer Fichte. Die lange rote Seta trägt eine scharfkantige Kapsel mit einer glockenförmigen gelben Haube. An geeigneten Stellen kommt dieses Moos in großen Flächen vor und ist deshalb sehr auffällig.

In früheren Zeiten war Polytrichum commune den Menschen viel bekannter als heute. So schreibt zum Beispiel Carl von Linné in seiner „Lappländischen Reise“ in dem Abschnitt „Lapponia Lykselensis“, dass man damals in Lappland eine mit Polytrichum commune dicht bewachsene Fläche von der Größe eines Bettes ausstach, es an der Unterseite abschnitt, dann von der Erde abhob und als Schlafunterlage oder auch als Zudecke benutzte. Ähnliches ist auch aus verschiedenen Gebieten Deutschlands, besonders im nördlichen Teil, bekannt. In neuerer Zeit geht der Bestand an Polytrichum commune durch Entwässerung von Brüchen, Feuchtwiesen und die Kultivierung von Mooren zurück. In feuchten Waldgebieten ist dieses Moos auch heute noch oft anzutreffen, wird in trockeneren Bereichen aber von dem sehr ähnlichen Polytrichum formosum ersetzt. Als Charaktermoos verschiedener feuchter Biotope steht das Widertonmoos stellvertretend für viele zunehmend gefährdete Pflanzen.

Text: Johann Siebelds

Fotos vom Gemeinen Widertonmoos

polytrichum commune vbrackel small
Großer Bestand von P. commune im morgendlichen Gegenlicht, aufgenommen in den Alpen (Wolfgang von Brackel) Polytrichum commune (Wolfgang von Brackel)   
Großer Bestand - 'Sporogon-Wald', aufgenommen in Ernstthal, Thüringen (Michael Schön)
Großer Bestand - 'Sporogon-Wald', aufgenommen in Ernstthal, Thüringen (Michael Schön)   

Die "Heideflechte", Icmadophila ericetorum,
ist die Flechte des Jahres 2016

Die Heideflechte ist mit ihrem weißlichen Thallus, der mehrere Quadratdezimeter groß werden kann, und den rosa Fruchtkörpern eine auffällige Art. Dennoch wird sie vielen Wanderern noch nicht begegnet sein, da sie sich wegen ihrer Empfindlichkeit gegenüber Nährstoffen weitgehend in die Gebirge zurückgezogen hat.

Aussehen

Das hellgraue, weißliche oder vor allem im feuchten Zustand leicht grünliche Lager bildet körnige, zusammenhängende Überzüge auf dem Untergrund. Daraus erheben sich, ohne oder mit sehr kurzem Stiel aber mit verengter Basis die nur anfangs berandeten, runden bis welligen, hellrosa bis orangerosa Fruchtkörper (Apothecien). Der photosynthetisch aktive Partner in der Flechte ist eine Coccomyxa-Alge. Die Heideflechte ist eine unverkennbare Art, sie kann allenfalls mit der in ähnlichen Lebensräumen vorkommenden Rosa Köpfchenflechte (Dibaeis baeomyces), übrigens unsere Flechte des Jahres 2010), verwechselt werden. Diese besitzt aber deutlich gestielte, hutpilzartige Apothecien. Im Zweifelsfall hilft ein Blick auf die Sporen, die bei der Heideflechte querseptiert überwiegend zwei- bis vierzellig, bei der Köpfchenflechte aber einzellig sind.

Ökologie

Die Heideflechte besiedelt unterschiedliche saure und nährstoffarme Substrate wie zerfallene Baumstümpfe, Rohhumus und Torf sowie Sandstein. Sie hat hohe Ansprüche an die Feuchtigkeit, daher ist sie vor allem an schattigen Orten hoher und vor allem gleichmäßiger Luftfeuchtigkeit zu finden. Dies sind mehr oder weniger geschlossene Wälder, Blockhalden oder offene Stellen (z. B. Torfwände) in Hochmooren und Moorheiden. Wegen ihrer Ansprüche an die Feuchtigkeit und ihrer geringen Toleranz gegenüber Nährstoffen ist sie vor allem montan bis alpin verbreitet.

Verbreitung und Gefährdung

Die in der nördlichen Hemisphäre verbreitete Art kommt in der borealen Zone bis ins Flachland, in der gemäßigten Zone vor allem in den Gebirgslagen vor. In Mitteleuropa hat sie ihren Schwerpunkt in den Alpen, wo sie auch die Kalkgebiete nicht meidet: Sie wächst hier auf den sauren Rohhumus- oder Torfauflagen über dem basischen Kalkgestein. In Deutschland war sie aus fast allen Bundesländern bekannt, ist aber in Norddeutschland regional ausgestorben oder vom Aussterben bedroht. In den südlichen Bundesländern ist sie als stark gefährdet eingestuft, bundesweit inzwischen als vom Aussterben bedroht. In Österreich wird sie wegen der noch größeren Vorkommen in den Alpen nur als "regional gefährdet" eingestuft.

Biologie

Als Rohbodenbesiedler kann die Heideflechte als Pionierart gelten. Wo sie sich einmal angesiedelt hat, besitzt sie wegen des großflächigen, geschlossenen Lagers eine gewisse Konkurrenzkraft, die die Ansiedlung anderer Arten verhindert. Ein Überwachsen von außen, etwa durch Zwergsträucher, kann dadurch aber nicht verhindert werden. Die Art verbreitet sich durch Ascosporen, was ihr auch die Überwindung größerer Distanzen ermöglicht. Ascosporen sind die sexuell gebildeten Verbreitungseinheiten der (meisten) Flechten, bei der Heideflechte sind sie etwa 0,02 mm groß.

Parasiten und Medizin

Icmadophila ericetorum ist Wirtsflechte einiger flechtenbewohnender Pilze, von denen Acarosporium lichenicola und Sphaerellothecium icmadophilae spezifisch nur auf ihr vorkommen. Ersterer ist aus Mitteleuropa bisher noch nicht bekannt geworden (nur Norwegen), letzterer nur aus Österreich (und einigen nordischen Ländern). Über eine medizinische Nutzung ist uns nichts bekannt.

[Wolfgang von Brackel]

Die Heideflechte im Internet

Fotos von der Heideflechte

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Heideflechte (Icmadophila ericetorum) vom Schachen in den Bayerischen Alpen an einem Waldweganriss; Foto: WvBrackel
Heideflechte (Icmadophila ericetorum) vom Schachen in den Bayerischen Alpen an einem Waldweganriss [Wolfgang von Brackel]   
Heideflechte (Icmadophila ericetorum) aus Tugtutoq in Grönland in einer arktischen Heide; Foto: WvBrackel
Heideflechte (Icmadophila ericetorum) aus Tugtutoq in Grönland in einer arktischen Heide [Wolfgang von Brackel].   
Heideflechte (Icmadophila ericetorum); Foto: WObermayer
Heideflechte (Icmadophila ericetorum), Winterleiten (A); Lager feucht, daher grün [Walter Obermayer]   
Heideflechte (Icmadophila ericetorum); Foto: WObermayer
Heideflechte (Icmadophila ericetorum), Winterleiten (A); Lager feucht, daher grün [Walter Obermayer]    Weitere Fotos dieses Autors: Bild WL2; Bild PR2015
Icmadophila ericetorum, Asci mit Sporen, HNO3/KOH/J-Behandlung; Foto: WObermayer
Heideflechte (Icmadophila ericetorum), Sporenschläuche (Asci) mit Sporen nach Behandlung mit Salpetersäure, Kalilauge und Jod [Walter Obermayer]   
Icmadophila ericetorum; Foto: JCMermilliod
Heideflechte (Icmadophila ericetorum), auf einem verrotteten Baumstumpf in einer Weide, Jura/CH [Jean-Claude Mermilliod]   
Icmadophila ericetorum; Foto: JCMermilliod
Heideflechte (Icmadophila ericetorum), aufgenommen am Weg entlang der Bisse zwischen Arpette und Champex, Wallis/CH [Jean-Claude Mermilliod]   
Heideflechte (Icmadophila ericetorum), BLAM Exkursion 2015, am Wildsee, Fieberbrunn, Kitzbüheler Alpen; Foto: NJStapper
Heideflechte (Icmadophila ericetorum), [Wildsee, Fieberbrunn (1860 m üNN), Kitzbüheler Alpen, BLAM Exkursion 2015 [Norbert Stapper]   
Heideflechte (Icmadophila ericetorum), hier als crossover Stereopaar; Foto: NJStapper
Heideflechte (Icmadophila ericetorum), gleiches Foto wie oben, jedoch hier als crossover Stereopaar und 90 Grad gedreht; das verlinkte Bild bei z.B. 30 cm Breite auf dem Monitor aus 1 m Entfernung betrachten, sowie man es dreidimensional sieht, kann man sich dem Monitor langsam!! weiter nähern [Norbert Stapper]   

Die "Rosa Köpfchenflechte", Dibaeis baeomyces,
ist die Flechte des Jahres 2010

Mit der Rosa Köpfchenflechte rücken wir abermals eine Art ins Rampenlicht, die, wie viele andere Bodenflechten, auf dem Rückzug ist. Ihr krustiges, grau-weißliches Lager bedeckt saure, sandige bis sandig-lehmige, humusarme Böden in Heiden, Magerrasen und Zwergstrauchheiden, zuweilen auch die dünne Erdauflage auf Felsen aus saurem Gestein. Ersatzstandorte sind die z. B. offene Waldwegböschungen in natürlich nährstoffarmen Gebieten. Die Art ist konkurrenzschwach und meist auf höher gelegene, niederschlagsreichere Regionen in den Mittelgebirgen beschränkt. Erst in den Silikatgebieten der Alpen wird sie häufiger. Gefährdet ist sie an ihren ursprünglichen Standorten in Heiden und Magerrasen durch die zunehmende Konkurrenz von schnellwachsenden Großmoosen und Gefäßpflanzen aufgrund des Eintrags von Stickstoffverbindungen aus der Luft, an ihren Ersatzstandorten durch Befestigungs- und Begrünungsmaßnahmen beim Wegebau.

Oft findet man nur das sterile, graue Lager, doch zuweilen hat man das Glück, die hübschen Fruchtkörper zu sehen, die an sehr kleine Pilze mit rosa gefärbten Köpfen auf bleichen Stielen erinnern. Wie ihre häufigere Verwandte, die Braune Köpfchenflechte (Baeomyces rufus), wirkt sie vor allem in den Mittelgebirgen und Alpen stabilisierend auf Weganrisse und andere Stellen mit Bodenverletzungen. Ihr Lager bildet, zusammen mit anderen Flechten, Kleinmoosen, Algen und filamentösen Cyanobakterien einen erosionshemmenden Belag auf den offenen Böden („soil crust“). Sie leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Verhinderung von Bodenabschwemmungen, bis die Böden von den Wurzeln höherer Pflanzen gefestigt werden.

Text: NJS/WvB

Fotos von der Rosa Köpfchenflechte

Waidhaus im Oberpfälzer Wald (Wolfgang von Brackel):

dibaeis baeomyces vbrackel waidhaus
Dibaeis baeomyces (W von Brackel)  

Waidhaus im Oberpfälzer Wald (Wolfgang von Brackel):

dibaeis baeomyces vbrackel
Dibaeis baeomyces (W von Brackel)  

Schwarzwald, an einem Wegrand oberhalb von Todtnau (NJ Stapper):

dibaeis baeomyces stapper
Dibaeis baeomyces Schwarzwald (NJ Stapper)   

D. baeomyces im Manteler Forst bei Weiden (Michael Schön):

dibaeis baeomyces vbrackel waidhaus
Dibaeis baeomyces in Callunaheide, Weiden, BY/D (Michael Schoen)   

D. baeomyces in einer Calluna-Heide bei Tettau (Michael Schön):

Dibaeis baeomyces Schoen1
Dibaeis baeomyces, Tettau, BY/D (Michael Schön)  

Das „Mittlere Torfmoos“ oder "Magellans Torfmoos", Sphagnum magellanicum, ist das Moos des Jahres 2016

Das Mittlere oder Magellans Torfmoos ist mit seinen großen, tief purpurroten Bulten sicher eines unserer schönsten Torfmoose. Es ist in Mitteleuropa weit verbreitet, jedoch auf Hochmoore, Hochmoorheiden und -wälder beschränkt.

Aussehen

Das Mittlere Torfmoos bildet große Bulten von bis zu einem Meter Durchmesser und darüber, die in der Sonne rötlich, weinrot oder tief purpurn gefärbt sind, im Schatten dagegen meist mehr oder weniger grün bleiben. Die Einzelpflanzen zeigen den typischen Aufbau eines Torfmooses: an einem Stämmchen wachsen etwa im Zentimeterabstand Büschel von 4(-5) Ästen, von denen 2(-3) abstehen, die anderen dem Stämmchen dicht anliegen. Am Stämmchenende treten die jungen, noch kurzen Äste zu Köpfchen zusammen. Die Äste wie das Stämmchen sind mit kleinen Blättchen besetzt, wobei die Stämmchenblätter breit rechteckig, die Astblätter breit oval sind. Als Angehörige der Sektion Sphagnum hat die Art große, hohle und breite Blättchen, die die Äste als wurmförmig geschwollen erscheinen lassen. Keine andere Art der Torfmoose zeigt diese Kombination aus kräftigen Pflanzen mit wurmförmigen Ästen und der purpurroten Färbung. Lediglich grüne Schattenformen können Anlass zu Verwechslungen geben, insbesondere mit den anderen Arten der Sektion Sphagnum. Im Zweifelsfall hilft nur ein Querschnitt der Astblätter: S. magellanicum ist durch die zentrale Lage der kleinen, grünen Zellen (Chlorozyten) gekennzeichnet, die ganz von den großen hyalinen Zellen (Hyalozyten) eingeschlossenen werden.

Vorkommen, Verbreitung und Gefährdung

Die Art ist circumpolar in beiden Hemisphären verbreitet und kommt von der borealen Region bis in die Subtropen vor. In Mitteleuropa ist sie weit verbreitet und kommt von der Ebene bis ins Hochgebirge vor. Wegen ihrer engen Bindung an die Hochmoore kommt sie im Norden in den Resten der ehemals großen Hochmoorgebiete der Norddeutschen Tiefebene vor, im Süden vor allem in den Gebirgslagen und im regen- und moorreichen Alpenvorland.

Sphagnum magellanicum ist eine Charakterart der nach ihr benannten Sphagnetalia magellanici, der rein vom Regenwasser gespeisten Hochmoore. Daneben findet sie sich gelegentlich Kesselmooren oder in Hochmoorheiden, in stark sauren Niedermooren oder in Moorwäldern. Über sehr sauren Sandsteinböden (Buntsandstein) kann sie etwa in Kiefernwäldern oder –forsten am Aufbau kleinflächiger "Hochmooranflüge" beteiligt sein. Allgemein sind die Standorte durch ein konstant hohes Wasserangebot, sehr niedrigen pH-Wert sowie geringen Mineralgehalt gekennzeichnet.

Das Mittlere Torfmoos wir in der Roten Liste Deutschlands als "gefährdet" eingestuft, wobei in den einzelnen Bundesländern große Unterschiede bestehen; so gilt es etwa im alpinen Teil Bayerns als ungefährdet. In der Bundesartenschutzverordnung ist es wie alle Torfmoose unter den "besonders geschützten Arten" aufgeführt. In der Schweiz gilt es als "potenziell gefährdet" und ist gemäß der Natur- und Heimatschutzverordnung in der ganzen Schweiz geschützt. In Österreich wird es wegen der noch größeren Vorkommen in den Alpen nur als "regional gefährdet" eingestuft. EU-weit ist es im Anhang V der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (Natura 2000) verzeichnet ("Tier- und Pflanzenarten von gemeinschaftlichem Interesse, deren Entnahme aus der Natur und Nutzung Gegenstand von Verwaltungsmaßnahmen sein können").

Das Überleben der Art steht und fällt mit dem Schutz von Hochmooren. Hoffnung macht, dass Hochmoore inzwischen durch Ländergesetze weitgehend geschützt sind und auch in der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie als "Natürliche Lebensräume von gemeinschaftlichem Interesse, für deren Erhaltung besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen" aufgeführt sind. Der bei weitem überwiegende Teil der Hochmoore zumindest Süddeutschlands ist inzwischen in das Natura 2000-Schutzgebietssystem aufgenommen worden.

Biologie

Sphagnum magellanicum ist wie alle Torfmoose dazu befähigt, große Mengen von Wasser aufzunehmen und innerhalb der Bulten für längere Zeit zurückzuhalten. Dazu dienen ihres Zellinhaltes entleerte Zellen mit speziellen Poren, die sich sowohl in den Blättchen (Hyalozyten) als auch in der Rinde von Stämmchen und Ästen (Hyalodermis) finden. Das Anschmiegen eines Teils der Äste an den Stamm erzeugt eine Kapillarwirkung auch außerhalb der Zellen.

Durch die Fähigkeit zur Aufnahme und Speicherung von (Regen-)wasser können sich Hochmoore über den Grundwasserspiegel erheben und ihr eigenes Wasserregime entwickeln. Torfmoose schaffen sich darüber hinaus auch die ihnen zusagende saure Umgebung, indem sie Metallionen einfangen und dafür Wasserstoffionen abgeben.

Das Mittlere Torfmoos hat wie etliche seiner Verwandten zum großen Teil die Fähigkeit verloren, sich geschlechtlich fortzupflanzen. Sporenkapseln finden sich nur noch sehr selten, sollen aber in der Vergangenheit häufiger gewesen sein. So ist es weitgehend darauf angewiesen, sich durch Bruchstücke von Pflanzen vegetativ zu verbreiten; spezielle vegetative Verbreitungseinrichtungen, wie zum Beispiel Brutkörper oder Brutfäden sind jedoch nicht bekannt.

Parasiten & Medizin

Auf Torfmoosen sind eine Reihe von Pilzen gefunden worden, von denen speziell auf dem Mittleren Torfmoos Lichenopeltella palustris, Lycophyllum palustre und Pseudoplectania sphagnicola angegeben wurden. Die parasitische Pilzflora auf Torfmoosen ist jedoch bei weitem noch nicht erforscht. Interessanterweise kommt auf Torfmoosen – auch auf dem Mittleren Torfmoos – mit Absconditella sphagnorum eine der (außerhalb von Gesteinshabitaten) wenigen parasitischen Flechten vor. In der Medizin wurden Torfmoose früher als Wundverband eingesetzt. Dank ihrer hohen Wasserspeicherkapazität und dem tiefen pH-Wert, der eine antiseptische Wirkung hat, waren sie dafür besonders geeignet. Diese Wundverbände haben namentlich im Ersten Weltkrieg eine wichtige Rolle gespielt. Heute werden Torfmoose noch in Form von Hochmoortorf, der zum größten Teil aus unvollständig zersetzten Torfmoosen besteht, eingesetzt. Dieser wird zur Linderung verschiedenster Leiden seit langer Zeit in den Heilbädern als Moorbad oder Moorpackung eingesetzt. Etliche dieser Bäder konzentrieren sich im nordostbayerisch-böhmischen Raum (Marienbad, Karlsbad, Alexandersbad), wo große Moorflächen für diese Anwendungen abgebaut wurden.

[Wolfgang von Brackel]

Magellans Torfmoos im Internet

Fotos von Magellans Torfmoos

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Mittleres Torfmoos (Sphagnum magellanicum) aus dem Rottenbachmoor in Oberfranken, durchmischt mit dem schmalblättrigerem S. nemoreum; Foto: WvBrackel
Mittleres Torfmoos (Sphagnum magellanicum) aus dem Rottenbachmoor in Oberfranken, durchmischt mit dem schmalblättrigerem S. nemoreum [Wolfgang von Brackel]   
Mittleres Torfmoos (Sphagnum magellanicum), Detailansicht des Köpfchens; Foto: Heike Hofmann
Mittleres Torfmoos (Sphagnum magellanicum), Detailansicht des Köpfchens [Heike Hofmann]   
2 Fruchtkörper der parasitischen Flechte Absconditella sphagnorum auf Torfmoosblättchen; Foto: WvBrackel
2 Fruchtkörper der parasitischen Flechte Absconditella sphagnorum auf Torfmoosblättchen [Wolfgang von Brackel]   
Ein Teppich vom Mittleren Torfmoos im Schwarzen Moor in Unterfranken in der typischen Vergesellschaftung mit Moosbeere, Rosmarinheide und Sonnentau; Foto: WvBrackel
Ein Teppich vom Mittleren Torfmoos im Schwarzen Moor in Unterfranken in der typischen Vergesellschaftung mit Moosbeere, Rosmarinheide und Sonnentau [Wolfgang von Brackel]   
Sphagnum magellanicum [Christian Schröck]
Sphagnum magellanicum [Christian Schröck]   
Sphagnum magellanicum [Christian Schröck]
Sphagnum magellanicum [Christian Schröck]   
Sphagnum magellanicum aus dem Haspelmoor, LKr. Fürstenfeldbruck; Foto: MJeschke
Sphagnum magellanicum aus dem Haspelmoor, LKr. Fürstenfeldbruck [Michael Jeschke]   
Sphagnum magellanicum und Sphagnum angustifolium; Foto: MJeschke
Sphagnum magellanicum mit Sphagnum angustifolium aus dem Haspelmoor, LKr. Fürstenfeldbruck [Michael Jeschke]   
Sphagnum magellanicum, Blattzellnetz; Foto: WObermayer
Sphagnum magellanicum, Zellnetz. Mikrophotos, 3 Fokusebenen. Eine tote Wasserspeicherzelle (Hyalozyte; mit rötlicher Linie gekennzeichnet), die durch ringförmige Wandverdickungen versteift ist, wird jeweils von mehreren lebenden Chlorophyllzellen (Chlorozyten; siehe mittlere Fokusebene) umgeben [Walter Obermayer]   
Sphagnum magellanicum, Hyalozyte mit Pore; Foto: WObermayer
Sphagnum magellanicum, in der Bildmitte eine Pore in einer Hyalozyte [Walter Obermayer]   
Sphagnum magellanicum mit Mooreidechse; Foto: HHofmann
Sphagnum magellanicum mit Mooreidechse (syn. Waldeidechse) [Heike Hofmann]   
Sphagnum magellanicum, leicht ausgetrocknet; Foto: HHofmann
Sphagnum magellanicum, leicht ausgetrocknet [Heike Hofmann]   

Texte und Fotos von Wolfgang von Brackel, sofern nicht anders angegeben.

Die Bildautoren sind in [Klammern] angegeben.
Stand: November 2016

Copyright-Hinweis: Eine Verlinkung zu unserer Website bzw. direkt zu dieser Seite sowie ein Abdruck der hier gezeigten Bilder in Naturschutz-relevanten Druckwerken ist bei Nennung des jeweiligen Bildautors und der BLAM e. V. ausdrücklich erwünscht!

Die Rechte an den Bildern verbleiben bei den jeweiligen Autoren.
Über Belegexemplare freuen wir uns. Rückfragen zu Moos und Flechte des Jahres richten Sie bitte an Wolfgang von Brackel.

Texte und Fotos von Wolfgang von Brackel, sofern nicht anders angegeben.

Die Bildautoren sind in [Klammern] angegeben. Stand: November 2014

Copyright-Hinweis: Eine Verlinkung zu unserer Website bzw. direkt zu dieser Seite sowie ein Abdruck der hier gezeigten Bilder in Naturschutz-relevanten Druckwerken ist bei Nennung des jeweiligen Bildautors und der BLAM e.V. ausdrücklich erwünscht!

Die Rechte an den Bildern verbleiben bei den jeweiligen Autoren.
Über Belegexemplare freuen wir uns. Rückfragen zu Moos und Flechte des Jahres richten Sie bitte an Wolfgang von Brackel.

Das "Hübsche Goldhaarmoos", Orthotrichum pulchellum,
ist Moos des Jahres 2008

Die 35 europäischen Arten der Goldhaarmoose besiedeln Felsen und vor allem die Rinde von lebenden Bäumen. Viele von Ihnen standen jahrzehntelang auf den Roten Listen der bedrohten Moose, da sie sehr empfindlich auf eine Verschmutzung der Luft mit Schwefel- und Stickstoffoxyden reagieren. Sie gelten gemeinhin als schwer bestimmbar, da wichtige Merkmale nur an den Kapseln zu finden sind. Und auch dann handelt es sich zumeist um mikroskopische Merkmale, die eine sorgfältige Prüfung verlangen.

Auch das "Hübsche Goldhaarmoos" ist zunächst eher unauffällig, doch wenn seine emporgehobenen Kapseln ihre Haube ("Calyptra") verlieren und sich öffnen, um die Sporen in die Freiheit zu entlassen, dann kann es seine Identität nicht länger verbergen: die orangeroten Kapselzähne sind sehr charakteristisch, eine Verwechslung kaum möglich (siehe Foto - anklicken öffnet eine größere Version mit Habitus und Kapsel in Seitenansicht). Aber offen gestanden muss man schon sehr genau hinschauen, denn das nur wenige Millimeter große Moos ist recht selten - noch selten, sollte man sagen.

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"Hübsches Goldhaarmoos" Orthotrichum pulchellum, peristome; Foto: NJStapper Blick auf das Peristom und in die Kapsel hinein. Die grünen Kugeln sind die nur einen 50stel Millimeter großen Moossporen, die vom Wind fortgeblasen werden.   

Orthotrichum pulchellum ist eine nordisch-ozeanische Art, die bis vor kurzer Zeit in Mitteleuropa auf die Küstenregionen von Nord- und Ostsee beschränkt war und sich derzeit nach Süden ausbreitet. Immer häufiger wird sie fernab der Küsten an Feld- und Waldbäumen nachgewiesen. Als ein Grund dafür werden Klimaveränderungen diskutiert. Aber insgesamt kommen auch andere Goldhaarmoose recht dynamisch daher: Viele Verwandte des Hübschen Goldmooses erobern derzeit als Folge verbesserter Umweltbedingungen ihre ehemals stark belasteten Standorte in den industriellen Ballungsräumen zurück. Aber keines davon hat so schöne, orangerote Kapselzähne, wie das Moos des Jahres 2008!

Mit den Überhängen, Nischen und Höhlungen von Silikatfelsen und saueren Erdanrissen teilen sich das Moos und die Flechte des Jahres 2015 einen unspektakulären, aber dennoch besonderen Lebensraum. Auf Photosynthese angewiesene Organismen gelangen hier schnell an ihre Grenzen, da meistens sowohl Licht als auch Wasser einen Mangelfaktor darstellen: Die Standorte sind in der Regel beschattet oder liegen gar im Inneren von Wäldern und das Fels- oder Erddach hält den Regen ab.

Nur wenige andere Moos- und Flechtenarten treten als Begleiter auf, unter den Gefäßpflanzen schafft dies nur der eigenartige Prächtige Dünnfarn (Trichomanes speciosum), der bei uns fast nur in der vegetativen Form seines Protonemas (Vorkeims) auftritt.

Der Standort beider Arten unterliegt innerhalb von Wäldern keiner großen Gefährdung (es sei denn durch extreme Beschattung in Nadelholzmonokulturen), in der freien Landschaft werden geeignete Standorte aber immer noch Opfer von Bereinigungsmaßnahmen. Vielleicht kann der Blick auf die Arten und ihre Begleiter dazu helfen, bei Wegebaumaßnahmen (nicht nur) in Gebieten mit anstehendem saueren Fels „unordentliche“ Böschungen mit Nischen, kleinen Überhängen und Höhlungen stehen zu lassen.

Die "Wolfsflechte", Letharia vulpina,
ist Flechte des Jahres 2008

Die Wolfsflechte ist schon von weitem an ihrer auffälligen, leuchtend gelben Farbe erkennbar, die sie praktisch unverwechselbar macht. Ihr gabelig verzweigtes Lager, das aus kantigen, abgeflachten Strängen besteht, kann durchaus 15 cm lang werden. In Mitteleuropa findet man sie in den Alpen in naturnahen Bergwäldern an der Baumgrenze ab etwa 1700 m an Lärchen und Zirben, aber auch auf Holzzäunen, zuweilen an hölzernen Schindeln alter Kirchen. Oft wächst sie gemeinsam mit anderen Strauch- und Bartflechten.

Sie enthält einen giftigen Inhaltsstoff (Vulpinsäure), der auf das Nervensystem wirkt. Früher wurde die Wolfsflechte insbesondere in Skandinavien zur Zubereitung von Ködern für Füchse und Wölfe verwendet, um diese Nahrungskonkurrenten zu vergiften. Mit Rentierkäse oder auch frischem Blut wurden die Köder besonders schmackhaft gemacht. Wer davon fraß, starb binnen 24 Stunden. Aber auch die Zubereitung war nicht ungefährlich: Die Flechte musste nämlich zu Pulver zermahlen und dieses in zerlassenes Fett eingerührt werden, mit Fleischstückchen darin, versteht sich. Wer nicht darauf achtete, seine Nase vor dem aufgewirbelten Flechtenstaub zu schützen, riskierte zumindest Nasenbluten.

Letharia vulpina; Foto: NJStapper Foto: Wolfsflechte Letharia vulpina, Wallis, Schweiz. Foto von Norbert Stapper, Monheim/Rhein, D.
Wolfsflechte Letharia vulpina, Wallis, Schweiz. Foto von Norbert Stapper, Monheim/Rhein, D.

Die "Gelbfrüchtige Schwefelflechte", Psilolechia lucida,
ist die Flechte des Jahres 2015

Die Gelbfrüchtige Schwefelflechte ist bestimmt jedem schon einmal aufgefallen, auch ohne sie zu kennen: Als Besiedler regengeschützter Überhänge von Silikatfelsen kommt sie in den Mittelgebirgen ziemlich häufig vor und bildet auch an frisch angeschnittenen Felsen entlang von Straßen oder Bahntrassen großflächige schwefelgelbe Überzüge, die schon vom Auto oder der Bahn aus auffallen.

Aussehen

Das zitronen- bis schwefelgelbe Lager der Art ist völlig mehlig oder körnig aufgelöst und kann große Flecken von mehreren Dezimetern Durchmesser bilden. Unter optimalen Standortbedingungen bilden sich Fruchtkörper (Apothecien) aus, die ebenfalls gelb gefärbt sind und aus einer randlosen, gewölbten Scheibe von wachsigem Aussehen bestehen. Unter dem Mikroskop zeigen sich kleine, einzellige, ungefärbte, länglich-eiförmige Sporen. Der photosymbiontisch aktive Partner in der Flechte ist eine Trebouxia-ähnliche Alge; für die gelbe Farbe ist der Inhaltsstoff Rhizocarpsäure verantwortlich.

Im sterilen Zustand kann die Art mit der Fels-Schwefelflechte (Chrysothrix chlorina) verwechselt werden, die aber ein leuchtend gelbes Lager besitzt und von der keine Fruchtkörper bekannt sind. Im Zweifelsfall hilft nur eine Tüpfelprobe mit KOH, die bei der Gelbfrüchtigen Schwefelflechte keine Verfärbung ergibt, bei der Fels-Schwefelflechte aber eine leichte Orangefärbung.

Ökologie

Die Gelbfrüchtige Schwefelflechte ist eine Art saurer Gesteine (kalkfreie Silikatgesteine). Wie fast alle Arten, deren Lager mehlig-wattig aufgelöst ist, meidet sie direkt beregnete Standorte und findet sich daher an Überhängen von Felsen, in Nischen oder an geschützten Vertikalflächen. Selten geht sie auch auf Borke, auf gesteinsbewohnende Moose sowie auf Erde und Wurzeln in Wurzelhöhlungen über. Sie bevorzugt kühle und luftfeuchte Lagen. Bezüglich des Alters der Felsen ist sie nicht anspruchsvoll, besiedelt werden auch jüngere Partien an Straßen- und Bahneinschnitten, oder gelegentlich auch Grabsteine. Auch gegenüber leichter Luftverschmutzung ist die Flechte tolerant, so dass sie vor allem im Norden Europas auch in den Städten zu finden ist.

Verbreitung und Gefährdung

Die Art ist von allen Kontinenten bekannt, wobei in südlichen Breiten die Gebirgslagen bevorzugt werden. In Europa ist sie in den silikatischen Mittelgebirgen und den Alpen häufiger, im Flachland seltener. In Deutschland ist sie aus allen Bundesländern bekannt und wird außer in Hamburg und Schleswig-Holstein (beide „gefährdet“) als ungefährdet eingestuft; in der Roten Liste Österreichs ist die Art nicht aufgeführt.

Biologie

Psilolechia lucida kann unter den Krustenflechten durchaus als raschwüchsige Pionierart gelten, ist sie doch in der Lage, frisch freigelegte Felspartien innerhalb weniger Jahre mit großen Lagern zu überziehen. Über ihre Konkurrenzkraft ist wenig bekannt, wird ihr doch ihr Standort kaum von anderen Arten streitig gemacht. Die überhängenden Felspartien werden nicht vom Regen benässt und auch nicht überrieselt, so dass sie wegen des Wassermangels für die allermeisten pflanzlichen und pilzlichen Organismen nicht besiedelbar sind. Die leprösen Krustenflechten, zu denen die Gelbfrüchtige Schwefelflechte gehört, sind jedoch in der Lage, ihren Wasserbedarf durch Feuchtigkeitsaufnahme aus der Luft zu decken.

Die ähnliche Chrysothrix chlorina besitzt weniger ausgeprägte Pioniereigenschaften und findet sich vorwiegend an naturnahen Felsen in noch luftfeuchterer Lage.

Psilolechia lucida ist Wirtsflechte des seltenen Hyphomyceten (Fadenpilzes) Psammina stipitata, vor allem aber der Kelch- oder staubfrüchtigen Flechte Microcalicium arenarium. Deren stecknadelförmige Fruchtkörper lassen sich öfters auf leicht ausgebleichten Partien des Lagers der Wirtsflechte finden (s. nachfolgende Abbildung).

Weiterführende Links

Fotos von Psilolechia licida

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Psilocechia lucida Rauher Kulm
Blockhalde aus Silikatfelsen - ein Lebensraum von Psilolechia lucida[Rauher Kulm; Wolfgang von Brackel]   
Psilocechia lucida Rauher Kulm 01 kl
Blockstein aus Silikatgestein mit Psilolechia lucida[Rauher Kulm; Wolfgang von Brackel]   
Microcalicium arenarium on Psiluc NJS kl
Microcalicium arenariummit stecknadelförmigen Fruchtkörpern auf Psilolechia lucida [Vallée du Bayehon; Haute Fagne, B; Norbert Stapper]   
Microcalicium arenarium on Psilolechia lucida Rauher Kulm 03 kl
Microcalicium arenarium mit stecknadelförmigen Fruchtkörpern auf Psilolechia lucida [Rauher Kulm; Wolfgang von Brackel]   
Psilocechia lucida Rauher Kulm 05a kl
Psilolechia lucida mit Fruchtkörpern (Apothecien)[Rauher Kulm; Wolfgang von Brackel]   
Psilochelia lucida cApo NJS
Psilolechia lucida mit Apothecien [Vallée du Bayehon; Haute Fagne, B;Foto: Norbert J. Stapper]   

Mit dem Gemeinen Weißmoos und der Echten Rentierflechte werden 2009 ein Moos und eine Flechte ins Rampenlicht gerückt, die im Anhang V der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie (kurz: FFH-RL) aufgeführt sind.

Es handelt sich somit um "Tier- und Pflanzenarten von gemeinschaftlichem Interesse, deren Entnahme aus der Natur und deren Nutzung Gegenstand von Verwaltungsmaßnahmen sein können" und deren Erhaltenszustand im Rahmen eines Monitorings überwacht wird.

Weitere Anhang V-Arten sind Torfmoose, alle anderen Rentierflechten sowie weitere Arten aus anderen Organismengruppen.

Auf der Website des Bundesumweltamtes finden Sie » Generelle Informationen zur FFH-RL.

Das "Leuchtmoos", Schistostega pennata,
ist das Moos des Jahres 2015

Das Leuchtmoos ist sicher eine unserer interessantesten Moosarten, die durch das eigentümliche „Leuchten“ des Protonemas auch die Aufmerksamkeit von Nicht-Bryologen auf sich zieht.

Aussehen

Das Leuchtmoos wächst in lockeren, blass bläulich grünen Rasen von bis zu 15 mm Höhe. Aus einem ausdauernden, fädig-ästigen Protonema (Vorkeim) erheben sich einzeln die zarten Sprosse. Sie bestehen aus einem farnwedelartigen, unten unbeblätterten, nach oben hin zweizeilig in einer Ebene beblätterten Stämmchen. Somit erinnern die Sprosse einer Feder, was die Namensgebung erklärt (lat. penna = Feder). Die Blättchen sind eiförmig-lanzettlich, zugespitzt, ganz- und flachrandig, ohne Blattrippe und laufen am Stämmchen herab. Die fertilen Sprosse tragen oben eine kleine Rosette aus Blättchen. Die eiförmige bis kugelige kleine Kapsel überragt die Blättchen weit auf einem dünnen und zarten Stiel.

Die Art ist sehr typisch und kann allenfalls mit Spaltzahnmoosen (Fissidens) verwechselt werden, deren Blätter aber eine Rippe besitzen und kahnförmig zusammengefaltet sind, wobei die eine Blatthälfte deutlich kürzer als die andere ausgebildet ist.

Vorkommen, Verbreitung und Gefährdung

Das Leuchtmoos besiedelt Erde und Gestein an kalkarmen, sauren, schattigen, luftfeuchten und regengeschützten Stellen unter Felsvorsprüngen oder in Höhlen und Nischen der Felsen, auch unter Wurzeln an den Tellern umgestürzter Bäume. Seltener werden auch Sekundärstandorte mit entsprechenden Bedingungen wie Straßenanschnitte, alte Keller oder Ziegenställe besiedelt. Wichtige Standortfaktoren sind hohe Luftfeuchtigkeit, schwache Belichtung und Schutz vor direkter Beregnung.

Die Art ist in der Nordhemisphäre weit verbreitet (Europa, Ostasien, Nordamerika). In Europa ist sie vor allem im westlichen und mittleren Teil verbreitet, kommt aber bis Russland vor. Sie meidet wohl das Mittelmeergebiet. In Mitteleuropa findet sie sich vorwiegend in den silikatischen Mittelgebirgen und in den Zentralalpen. Insgesamt zeigt sie eine subozeanisch-montane Verbreitung.

In Deutschland kommt die Art nur im mittel- und süddeutschen Berg- und Hügelland vor, mit einer deutlichen Häufung in den hercynischen Randgebirgen, dem Schwarzwald und dem Pfälzer Wald. Insgesamt wird sie in Deutschland in die Vorwarnliste eingestuft; in den südlichen Bundesländern gilt sie als ungefährdet, während sie in Sachsen als extrem selten (R), in Sachsen-Anhalt als gefährdet (3) und in Mecklenburg-Vorpommern und im Niedersächsischen Flachland als ausgestorben (0) eingestuft wird. Auf der Roten Liste der Schweiz steht sie unter „verletzlich, selten“ (VU D2). In der Roten Liste Österreichs ist die Art nicht aufgeführt.

An ihren natürlichen Standorten (Felsen in Waldgebieten) ist die Art wenig gefährdet, in Einzelfällen durch Eingriffe an Höhleneingängen. Da sie recht ausbreitungsfreudig ist und auch Sekundärstandorte besiedelt, ist von einer Gefährdung nur in den dünn besiedelten Randbereichen ihrer Verbreitung auszugehen.

Biologie

Die interessanteste Eigenschaft der Art ist zweifellos das „Leuchten“ ihres Protonemas. Es handelt sich dabei nicht um eine aktive Lichtausstrahlung, sondern um ein optisches Phänomen: Das Protonema besteht aus Ketten bzw. Matten kleiner linsenförmiger oder kugeliger Zellen, in denen durch die Krümmung der Zelloberfläche das Licht auf die an der Hinterseite der Zellen konzentrierten Chloroplasten gebündelt wird. Nach dem Durchgang durch die Chloroplasten wird das nicht absorbierte Licht (Grünanteil) wie von einem Hohlspiegel reflektiert, was die intensive goldgrün leuchtende Farbe ergibt.

Die Pflanzen sind pseudodiözisch, das heißt getrennte weibliche und männliche Pflanzen entspringen aus demselben Protonema. Die Verbreitung erfolgt durch sexuell gebildete Sporen sowie durch aus dem Protonema entstehende Gemmen.

Parasiten & Medizin

Auf Schistostega pennata sind bisher keine (pilzlichen) Parasiten bekannt geworden. Auch von einer Anwendung der Art in der Medizin ist nichts bekannt.

Weiterführende Links

Fotos von Schistostega pennata

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Schistostega pennata, Habitat; Foto: Michael Lüth
Lebensraum von Schistostega pennata[Ravennaschlucht, Schwarzwald; Michael Lüth]   
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Lebensraum von Schistostega pennata, [Ravennaschlucht, Schwarzwald; Michael Lüth]   
Schistostega pennata, Foto: Michael Lüth
Schistostega pennata, [Ravennaschlucht, Schwarzwald; Michael Lüth]   
Reflektierendes Protonema von Schistostega pennata; Foto: Michael Lüth
Reflektierendes Protonema von Schistostega pennata, [Pfälzer Wald; Michael Lüth]   
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Schistostega pennata; Leuchtmoos: Habitus und reflektierendes Protonema [Rurtal bei Monschau Nationalpark Eifel; Foto: Norbert Stapper   
Leuchtmoos im Ziegenstall; Foto: Julie Steffen
Was leuchtet dort im Ziegenstall? Reflektierendes Protonema von Schistostega pennata![Tessin, Schweiz; Julie Steffen]   
Leuchtmoos im Ziegenstall; Foto: Julie Steffen
Leuchtmoos auf den erdigen Fugen der Mauer eines Ziegenstalls [Tessin, Schweiz, Foto: Julie Steffen]   

Das "Gemeine" oder "Graue Weissmoos", Leucobryum glaucum, ist Moos des Jahres 2009

Den hellgrünen, dicht kissenartigen Postern des Weißmooses begegnet man auf zweierlei Art: einmal auf mageren, gern vom Wind etwas ausgeblasenen oder geneigten Waldlandstandorten, zum anderen in Gestecken der Weihnachts- und Friedhofs-Gärtnerei. Es ist damit eines der wenigen Moose, die direkt vom Menschen genutzt werden, wenn auch nur als "Deko". Doch das Moos ist gesetzlich geschützt, sein Sammeln verboten.

Den Namen Leucobryum bzw. "Weißmoos" verdankt das Moos dem Umstand, beim Trocknen zu erbleichen. Seine großen, chlorophyllfreien, glasigen Zellen in der Blattrippe dienen als Wasserspeicher. Fallen sie trocken und füllen sich mit Luft, reflektieren sie das Licht und das Moos erblasst. Die Wasserspeicherfunktion wird noch durch die anliegenden und an der Spitze röhrig eingerollten Blätter und die dichte Polsterwuchsform verstärkt. Große Polster können mehrere Jahrzehnte alt sein!

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Gemeines Weißmoos,Leucobryum glaucum, Foto V.Wirth. Einmaliger Abdruck in naturschutzrelevanten Zeitschriften unter Angabe des Bildautors und der BLAM e.V. gestattet. Druckfähige Version laden.   

Leucobryum glaucum hat seinen Verbreitungsschwerpunkt in luftfeuchten, schwach bodensauren Landschaften, wo es neben Erde auch Torf, morsches Holz und sogar Silikatgestein besiedelt. Es ist also ausgesprochen "anspruchslos" und seinem Dasein steht also eigentlich nichts im Wege. Und doch ist es, verglichen mit den dokumentierten Massenbeständen von vor 100 Jahren, in Deutschland stark zurückgegangen. In erster Linie reagiert es empfindlich auf hohen Nährstoffeintrag, der konkurrierende höhere Pflanzen fördert, darunter Brennnessel, Brombeeren, Adlerfarn oder Gräser. Auch die Eingriffe in den Landschaftswasserhaushalt durch die Trockenlegung von Feuchtgebieten und die Störung des geschlossenen Waldklimas durch intensiven Wegebau und Holzeinschlag haben ihm zugesetzt.

Mit seiner ästhetischen Kissenform lehrt uns das Gemeine Weißmoos die Schönheit der Natur, mit seinem Namen, wie clever unsere Altvorderen die abertausenden Mitglieder der lebenden Natur zu benennen wussten. Und es lehrt uns, dass wir die Natur nur Nutzen können, wenn wir unsere Nutzobjekte auch als Schutzobjekte behandeln.

Leucobryum glaucum zur Dekoration einer Krippe, Weihnachten 2005, aufgenommen von K. Weddeling.
Leucobryum glaucum zur Dekoration einer Krippe, Weihnachten 2005, aufgenommen von K. Weddeling.   
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Leucobryum glaucum, Sumava; großes Polster über einem Felsblock; solche Poster sind schätzungsweise 50 bis 70 Jahre alt. Foto: W. von Brackel.   

Weitere Bilder des Gemeinen Weißmooses Leucobryum glaucum, Hilltal, Hohes Venn, Belgien. Habitus-, Makro- und Mikroaufnahmen. Fotos: NJ Stapper 2008.

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Leucobryum glaucum, Blattquerschnitt; Foto: NJ Stapper   
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Polster des Gemeinen Weißmooses auf Waldboden. Foto: NJ Stapper   
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Leucobryum glaucum, Habitus, feucht; Foto; NJ Stapper   
Leucobryum glaucum NJStapper
Polster des Gemeinen Weißmooses auf Waldboden, Hilltal, Belgien.
Foto: NJ Stapper   

Unterkategorien

Bartramia pomiformis und Umbilicaria cylindrica

Ctenidium molluscum und Variospora flavescens

Sphagnum magellanicum und Icmadophila ericetorum

Schistostega pennata und Psilolechia lucida

Hedwigia ciliata und Rhizocarpon geographicum

Marchantia polymorpha und Peltigera didactyla

Buxbaumia viridis und Lobaria pulmonaria

Thuidium abietinum und Fulgensia fulgens

Polytrichum commune und Dibaeis baeomyces

Orthotrichum pulchellum und Letharia vulpina

Leucobryum glaucum und Cladonia rangiferina