Moos und Flechte des Jahres 2020

 

Jedes Jahr bestimmen die Mitglieder der BLAM auf ihrer Jahreshauptversammlung Moos und Flechte des Jahres.

Für 2020 wurden ausgewählt:

die Finger-Scharlachflechte (Cladonia digitata) und
das Schöne Federchenmoos (Ptilidium pulcherrimum).

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Texte von Wolfgang von Brackel und Fotos von W. von Brackel, Heike Hofmann, Walter Obermayer und Norbert J. Stapper.

Die Bildautoren sind in [Klammern] angegeben.
Stand: November 2019

Copyright-Hinweis: Eine Verlinkung zu unserer Homepage bzw. direkt zu dieser Seite sowie ein Abdruck der hier gezeigten Bilder in Naturschutz-relevanten Druckwerken ist bei Nennung des jeweiligen Bildautors und der BLAM e. V. ausdrücklich erwünscht!

Die Rechte an den Bildern verbleiben bei den jeweiligen Autoren.
Über Belegexemplare freuen wir uns. Rückfragen zu Moos und Flechte des Jahres richten Sie bitte an Wolfgang von Brackel.

Für 2020 wurden mit der Finger-Scharlachflechte (Cladonia digitata) und dem Schönen Federchenmoos (Ptilidium pulcherrimum) zwei Arten gewählt, die auf der saueren Borke vor allem von Nadelbäumen wie Fichte, Kiefer und Tanne aber auch an Laubbäumen mit saurer Rinde wie Birke und Erle vorkommen. Nun sind diese Standorte in Mitteleuropa sicher nicht im Mangel, nachdem die Forstwirtschaft seit vielen Jahrzehnten auf den Anbau der schnellwachsenden Fichten und Kiefern gesetzt hat. Demzufolge sind beide Arten auch nicht gefährdet und haben ihre Bestände seit der Mitte des letzten Jahrhunderts sicher vergrößern können.

Cladonia digitata Rechtenbach im Spessart 01 WvBCladonia digitata, Lager aus Grundschuppen mit Podetien und Apothecien an den Becherrändern; Rechtenbach im Spessart, Bayern; Foto: Wolfgang von Brackel. Dieses Bild herunterladen

Mit den Schäden vor allem an Kiefer und Fichte im Dürresommer 2018 zeigt sich nun deutlich, dass Nadelholzmonokulturen bei uns keine Zukunft haben werden. Mit ihrem Verschwinden werden die beiden Arten im Flach- und Hügelland einen Großteil ihres Lebensraums verlieren. Dazu kommt, dass beide zumindest eine Präferenz für kühl-temperierte Gebiete haben. Es ist also zu erwarten, dass sie mit der Klimaerwärmung ihre südliche Arealgrenze nach Norden verschieben bzw. aus weiten Gebieten mit jetzt schon relativ warm-trockenem Klima verschwinden werden.

Ptilidium pulcherrimum Finhaut NJS 3845 laKPtilidium pulcherrimum, 2007 am Stammfuß einer Lärche in Finhaut (Wallis/CH);
lange Bildkante 3,8 mm; Foto: Norbert J. Stapper.  Dieses Bild herunterladen

Texte und Fotos von Wolfgang von Brackel  und Norbert J. Stapper, sofern nichts anders angegeben ist.

Die Bildautoren sind in [Klammern] angegeben.
Stand: Januar 2019

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Abgesehen von diesem begrenzten Verwertungsrecht verbleiben alle Rechte an den Bildern bei den jeweiligen Autoren. Über Belegexemplare freuen wir uns.

Rückfragen zu Moos und Flechte des Jahres richten Sie bitte an W. von Brackel.

Die Finger-Scharlachflechte, Cladonia digitata, ist die Flechte des Jahres 2020

Die Finger-Scharlachflechte ist eine durch die roten Fruchtkörper (Apothecien) und die großen, randlich hochgebogenen und unterseits bis zum Rand mehligen Grundschuppen leicht kenntliche Art. Sie findet sich überwiegend auf morschem Holz und am Stammfuß von Bäumen, vor allem von Kiefern, Fichten und Birken.

Aussehen

Wie die meisten Becher-, Säulen- und Scharlachflechten ist die Art in ein grundständiges, schuppiges Lager und ein aufrechtes Stämmchen (Podetium) gegliedert. Die dichtstehenden, oft überlappenden Grundschuppen sind bis zu 4–10 mm groß, breit abgerundet, oben glatt und grau bis grünlichgrau, unten bis zu den aufgewölbten Rändern dicht mehlig-sorediös und weißlich. Die sehr unterschiedlich ausgebildeten, im unteren Teil berindeten und im oberen Teil mehlig-sorediösen Podetien können kurz und stiftförmig oder deutlich ausgebildet mit breiten, flachen und geschlossenen Bechern sein; die Becher tragen an den Rändern oder an fingerförmigen Fortsätzen (Name!) rote Fruchtkörper (Apothecien und/oder Pyknidien).

Von ähnlichen rotfrüchtigen Cladonia-Arten (Scharlachflechten) ist die Art durch die Kombination aus sehr großen, gerundeten, unterseits mehlig-sorediösen Grundschuppen und der Ausbildung von Bechern unterschieden. Im Gegensatz zu den meisten anderen Scharlachflechten reagiert das Lager bei Zugabe von Kalilauge gelb.

Ökologie

Die Finger-Scharlachflechte kommt auf sehr unterschiedlichen Substraten vor, denen allen jedoch die Armut an Basen und an Nährstoffen gemein ist. In Mitteleuropa ist ihr wichtigster Wuchsort der Stammfuß von Bäumen mit sauerer Borke, vor allem Kiefern, Fichten und Birken. Daneben werden morsche Baumstümpfe und morsches Totholz, aber auch Rohhumus, Torf und humose Mineralböden sowie Moose besiedelt. Sie bevorzugt einigermaßen hohe Luftfeuchtigkeit, ist aber wenig empfindlich gegenüber Trockenheit. Durch ihre hohe Toxitoleranz und das Vordringen der Nadelholz-Monokulturen konnte sie sich in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts in unseren Wäldern ausbreiten.

Verbreitung und Gefährdung

Cladonia digitata ist von der mediterranen bis zur arktischen Zone der nördlichen Halbkugel verbreitet und kommt in Nordamerika, Europa und Asien vor; sie zeigt eine deutliche Präferenz für kühl-temperierte Gebiete. Nur wenige Funde gibt es von der Südhalbkugel (Afrika, Neuseeland).1,2,5) In Europa kommt sie von den höheren Gebirgen Siziliens bis an die Nordspitze von Spitzbergen vor.2,3)

Wegen ihrer weiten Verbreitung, der relativ hohen Toxitoleranz und des Vorkommens auf reichlich vorhandenem Substrat gilt die Art zumindest in Mitteleuropa als nicht gefährdet. Wie sie mit der zunehmenden allgemeinen Eutrophierung und der Klimaerwärmung zurechtkommt, muss die Zukunft zeigen; ein Rückzug aus besonders mit Stickstoffverbindungen belasteten und aus trocken-warmen Gebieten ist zu erwarten.

Biologie

Die Finger-Scharlachflechte verbreitet sich überwiegend über Soredien. Diese vegetativen Verbreitungseinheiten werden auf der Unterseite der Grundschuppen und an den Podetien aus dem Mark gebildet und bestehen aus kleinsten, wattigen Kügelchen, die sowohl Hyphen des Flechten­partners wie auch Algen enthalten. Sie werden dank ihres geringen Gewichts leicht vom Wind verbreitet und können, wo die auf geeignete Bedingungen treffen, wieder zu vollständigen Flechten auswachsen. Unter guten Bedingungen bildet sie auch Apothecien aus und verbreitet sich generativ durch Ascosporen.

Die Art enthält unter anderen sekundären Metaboliten (Inhaltsstoffen) als bekanntesten Thamnolsäure. Zusammen mit den in der Flechte enthaltenen Alkaloiden, Tanninen, Saponinen, Glykosiden, Flavonoiden, Anthraquinonen und Terpenen bildet sie einen antibakteriellen und als Antioxidans wirkenden Cocktail.5) Möglicherweise schützt der Gehalt an Thamnolsäure die Flechte auch vor hoher Belastung durch Säure, was ihre Toxitoleranz erklären würde.6)

Parasiten, Nutzung und Medizin

Cladonia digitata ist als Wirt einer Vielzahl flechtenbewohnender Pilze bekannt: Arthonia coronata, Arthrorhaphis aeruginosa, Chaenothecopsis nana, C. parasitaster, Chalara lichenicola, Cornutispora lichenicola, Didymocyrtis cladoniicola, Lichenoconium erodens, L. pyxidatae, Lichenosticta alcicorniaria, Lichenostigma maureri, Niesslia keissleri, Phaeopyxis punctum (siehe entspr. Makrofoto in der Sektion Bilder), Polycoccum cladoniae, P. microcarpum, Sphaerellothecium cladoniae und Talpapellis beschiana. Am häufigsten wird sie jedoch von Arthonia digitatae und Milospium lacoizquetae befallen, die gerne zusammen vor allem auf den Grundschuppen auftreten und dort eine typische Braunfärbung verursachen.

Wegen der antimikrobiellen Wirkung ihrer Inhaltsstoffe wird die Flechte (wohl zusammen mit anderen Arten) in der traditionellen afrikanischen Medizin (Zimbabwe) zur Wundbehandlung eingesetzt.5)

[Wolfgang von Brackel]

Cladonia digitata im Internet (externe Angebote)

1) https://www.gbif.org/species/2607722 [weltweite Verbreitungskarte]

2) https://lichenportal.org/cnalh/taxa/index.php?taxauthid=1&taxon=53403&clid=1212 [Beschreibung, Verbreitungskarte]

3) http://dryades.units.it/italic/index.php?procedure=taxonpage&num=617 [Beschreibung, reiche Bildergalerie]

4) http://www.lichens.lastdragon.org/Cladonia_digitata.html [Bibliographie, schöne Bildergalerie]

Literatur

5) Dzomba, P., Togarepi, E. & Musekiwa, C. 2012. Phytochemicals, antioxydant and antibacterial properties of a lichen species Cladonia digitata. – African Journal of Biotechnology 11: 7995–7999.

6) Hauck, M., Jürgens, S.-R., Huneck, S. & Leuschner, C. 2009. High acidity tolerance in lichens with fumarprotocetraric, perlatolic or thamnolic acids is correlated with low pKa1 values of these lichen substances. – Environmental Pollution 157: 2776–2780.

James, P.W. 2009. Cladonia P. Browne. – In: Smith, C. W., Aptroot, A., Coppins, B. J., Fletcher, A., Gilbert, O. L., James, P. W. & Wolseley, P. A. (Eds). The Lichens of Great Britain and Ireland. – British Lichen Society, London: 309–339.

Wirth, V., Hauck, M. & Schultz, M. 2013. Die Flechten Deutschlands. – E. Ulmer, Stuttgart.

 

Bilder von Cladonia digitata

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Cladonia digitata 02 Neumühlschlag WvB
Cladonia digitata, Becher mit fingerförmigen Fortsätzen und Apothecien; Neumühlschlag, Nürnberger Reichswald, Bayern; Foto: Wolfgang von Brackel.

 

Cladonia digitata Markwald 2019 11 16 3WvBCladonia digitata, Lager aus Grundschuppen mit Podetien, Markwald bei Erlangen, Bayern; Foto: Wolfgang von Brackel. Dieses Bild runterladen

 Cladonia digitata Markwald 2019 11 16 18b WvBCladonia digitata, Lager aus Grundschuppen mit Podetien und Pyknidien an fingerförmigen Fortsätzen, Markwald bei Erlangen, Bayern;
Foto: Wolfgang von Brackel. Dieses Bild runterladen

 Cladonia digitata NJS 9855 Cladonia digitata an einem verrottenden Baumstamm, BLAM-Exkursion 2019, Mauterndorf/A;
Foto: Norbert J. Stapper Dieses Bild runterladen

 cladonia digitata winterlhtte nov 2017 9 bearbeitet ohne Rahmen smallCladonia digitata, Größenvergleich Grundschuppe : Daumenspitze; Foto: Walter Obermayer.

cladonia digitataphaeopyxis punctum koenigreich 01Cladonia digitata mit lichenicolem Pilz Phaeopyxis punctum; Foto: Walter Obermayer. Dieses Bild runterladen

 

 

 

Parmotrema perlatum WvB FdJ2019 klein
Breitlappige Schüsselflechte (Parmotrema perlatum
[Wolfgang von Brackel]   

In den vergangenen Jahren haben wir jeweils eine Flechte und ein Moos vorgestellt, die charakteristisch für einen bestimmten Standort wie Kalkfelsen oder Moore sind oder die als eine Folge bestimmter Umweltwirkungen aus ihrem Lebensraum verdrängt oder, seltenerer Fall, häufiger werden. In diesem Jahr können auch wir uns einer hochaktuellen Fragestellung nicht entziehen, den Auswirkungen des Klimawandels auf die Organismen in unserer Umwelt. Die beiden gewählten Arten, die Flechte Parmotrema perlatum und das Moos Cryphaea heteromalla, mögen dafür als Beispiel dienen.

Die Grenzen des Lebensraumes von Pflanzen und Tieren werden ganz wesentlich vom Klima bestimmt. Folglich gehören Arealverschiebungen hin zu höheren Breitengraden oder größeren Höhen über dem Meer zu den vielfach beobachtbaren Veränderungen im Zuge des globalen Klimawandels. Auch wenn andere den freiwerdenden Raum besetzen, ist insgesamt ein erheblicher Rückgang der Biodiversität zu verzeichnen.

Wirkungen des Klimawandels auf Flechten wurden zuerst aus den Niederlanden berichtet, wo sich die Flechten mit sinkenden Schwefeldioxidimmissionen zwar rasch erholten, aber bald auffiel, dass an warme Standorte angepasste ozeanische Arten häufiger und boreale Arten seltener wurden. Die gleiche Entwicklung ist auch in Deutschland zu beobachten, am deutlichsten im durchschnittlich wärmsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Das auffallendste Kennzeichen des Klimawandels ist der in den letzten 30 Jahren sogar beschleunigte Anstieg der mittleren Temperatur, in Deutschland um rund 1 Kelvin seit 1881. Doch weniger die gestiegene Temperatur selbst, sondern vielmehr damit einhergehende Veränderungen von beispielsweise der Verteilung von Niederschlägen oder der Zeiten, die übers Jahr verteilt zur Nettophotosynthese genutzt werden können, scheinen für die Flechten relevant zu sein. Man denke z. B. an milder gewordene Winter.

 

KWZ DUS Sued 03 18 NJStapper
Veränderung der Häufigkeit von Klimawandelzeigerarten (Flechten) gemäß VDI 3957 Blatt 20 zwischen 2003 und 2018 an einer Messstartion in Düsseldorf-Garath. Der Wert von 2018 (bzw. 2017) ist signifikant größer als der von 2016 (bzw. 2015), p<0,01 (Wilcoxontest, gepaarte Daten). [Originaldaten, Link (PDF, extern); Grafik: NJ Stapper].   

 

 

 

Moos- und Flechtenkundige aus der BLAM wirken seit vielen Jahren ehrenamtlich an der Erstellung von VDI-Richtlinien zur Erfassung von Umweltwirkungen auf Moose oder Flechten mit. So in der Arbeitsgruppe "Wirkungsfeststellung an Niederen Pflanzen" in der Kommission Reinhaltung der Luft KRdL. Deren jüngstes Produkt, die Richtline VDI 3957 Blatt 20, verwendet ausgewählte Indikatorarten zur standardisierten Kartierung lokaler Klimaveränderungen, und wie zu erwarten, sind diese "Klimawandelzeiger" im Westen von Nordrhein-Westfalen besonders häufig geworden. Unsere Flechte des Jahres 2019, Parmotrema perlatum, ist eine dieser Zeigerarten, die allerdings schon vor der Industrialisierung u.a. im NRW-Rheinland vorkam. Seit etwa 2000 ist sie dorthin auch wieder zurückgekehrt und stellenweise an 20 % der Alleebäume zu beobachten - also eine recht häufige Art. Dies ist auch einer der Gründe für die Wahl von Parmotrema perlatum zur Flechte des Jahres, denn viele andere Klimawandelzeiger-Flechten sind in weniger milden Regionen von Deutschland erheblich seltener oder fehlen (noch), wie z. B. die entlang der Rheinschiene seit 2003 kontinuierlich häufiger werdende Sternenhimmelflechte (Punctelia borreri) oder die sehr seltene Netz-Schüsselflechte (Parmotrema reticulatum).

 

Cryphaea heteromalla NJS Saarl 13mm klein
Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos; Fundort: Saarland.
[Norbert J. Stapper]   

Ebenso wie Flechten nehmen auch Moose Wasser über die gesamte Oberfläche auf. Bei Trockenheit fallen sie trocken und können so mehr oder weniger lange Zeit überleben. Im Vergleich zu Flechten liegen weniger Daten über klimawandelbedingte Arealverschiebungen vor. Doch für einige Arten scheint das der Fall zu sein, beispielseise für Cryphaea heteromalla, unser Moos des Jahres 2019.

 

Quellen zum Thema Klimawandelwirkungen auf Moose und Flechten:

Gignac, D. (2001): Bryophytes as Indicators of Climate Change. – The Bryologist 104: 410-420.
He, X., He, K.S. Hyvönen, J. (2016): Will bryophytes survive in an warming world? – Perspectives in Plant Ecology, Evolution and Systematics 19: 49-60.
VDI (2017): Biologische Messverfahren zur Ermittlung und Beurteilung der Wirkung von Umweltveränderungen (Biomonitoring) – Kartierung von Flechten zur Ermittlung der Wirkung von lokalen Klimaveränderungen. VDI 3957 Blatt 20 – Verein Deutscher Ingenieure, Düsseldorf.
van Herk, C.M., Aptroot, A. & van Dobben, H.F. (2002): Long-term monitoring in the Netherlands suggests that lichens respond to global warming. Lichenologist 34: 141-154.

Informationen zur Entwicklung der mittleren Temperatur in einzelnen Bundesländern etc. finden Sie auf der Homepage des Deutschen Wetterdienstes (externer Link).

[Norbert J. Stapper]

Das Schöne Federchenmoos, Ptilidium pulcherrimum, ist das Moos des Jahres 2020

Das Schöne Federchenmoos wächst in dichten niedrigen Polstern an der Rinde vor allem von Nadelgehölzen. Durch die lang bewimperten Blätter und den Standort ist es gut kenntlich, an Gestein ist es mit Vorsicht vom Großen Federchenmoos zu trennen.

Aussehen

Ptilidium pulcherrimum gehört zu den beblätterten Lebermoosen, die Pflanzen sind also in Stämmchen und Blätter gegliedert. Es wächst in dichten, niedrigen Polstern, die an schattigen Standorten eher grün, an lichtreicheren eher rotbraun bis rot erscheinen. Die einzelnen Stämmchen werden bis zu 2 cm lang und sind dicht ein- bis zweifach gefiedert. Die kurzen, kaum einen Millimeter breiten Ästchen sind dicht zweizeilig beblättert, dazu tritt eine Reihe kleinerer Unterblätter. Die quer am Stämmchen angewachsenen Flankenblätter sind auf 0,6 bis 0,8 ihrer Länge in zwei bis vier Blattlappen geteilt, deren Ränder dicht mit einzellreihigen langen Wimpern besetzt sind. Die Art ist diözisch, wobei die männlichen Pflanzen kleiner als die weiblichen sind. Die aus zylindrischen bis keulenförmigen Perianthien entspringenden Sporogone bestehen aus einer langen, hyalinen Seta und einer braunen, ellipsoiden Sporenkapsel.

Von dem ähnlichen Ptilidium ciliare unterscheidet sich die Art durch die tiefere Teilung der Flankenblätter (0,6–0,8 gegenüber 0,4–0,5), die geringere Zahl von Zellen am Grund des breitesten Blattlappens (6–12 gegenüber 15–25) und die längeren Wimpern (zumindest einige länger als die Breite des dorsalen Blattlappens).

Ölologie

Die säureliebende bzw. –tolerante Art findet sich am häufigsten als Epiphyt an Bäumen mit saurer Borke, also vor allem an Nadelhölzern (u.a. Fichte, Tanne, Kiefer) und weniger an Laubhölzern mit saurer Rinde (u.a. Birke, Erle, Buche). Oft wächst sie am Stammfuß oder an den Wurzelansätzen, zudem an sich zersetzendem Holz oder an Stubben. Sie kommt auch an silikatischen Gesteinen, etwa in Blockhalden, vor; hier überschneidet sich ihr Lebensraum mit dem von Ptilidium ciliare.

Ptilidium pulcherrimum bevorzugt luftfeuchte, schattige bis lichtreiche Standorte in Wäldern in montanen Lagen, kommt aber vom Flachland bis ins Hochgebirge vor

Verbreitung und Gefährdung

Die zirkumboreale Art kommt auf der Nordhalbkugel in Nordamerika, Europa und Asien vor, wobei sie wohl nicht über den 33 Breitengrad nach Süden vorstößt. In Europa ist sie von Norditalien und Bulgarien bis nach Island und ins nördliche Fennoskandien bekannt, wobei ihre Hauptverbreitung in den Bergwäldern zwischen 800 und 1500 m liegt.11) Auf der Verbreitungskarte für Deutschland7) zeigen sich demzufolge auch große Verbreitungslücken in den Wärmegebieten des Rheintals, des Maingebiets, des Thüringer und des Mittelfränkischen Beckens sowie im Elbtal.

In den Roten Listen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz wird die Art als "nicht gefährdet" geführt. In einzelnen Bundesländern Deutschlands weicht die Einstufung dagegen davon ab, so gilt die Art in Nordrhein-Westfalen als "gefährdet".

Wegen ihres Vorkommens an Nadel- und Laubgehölzen mit saurer Rinde ist sie sicher nicht durch mangelnde Standorte gefährdet, ein Handlungsbedarf zu ihrer Erhaltung besteht nicht. Auch bei ihr muss jedoch die Zukunft zeigen, wie sie mit der zunehmenden Eutrophierung der Landschaft und vor allem mit der Klimaerwärmung zurechtkommt; als überwiegend boreal-montan verbreitete Art wird sich ihre Arealgrenze möglichweise nach Norden verschieben.

Biologie

Die Art ist zweihäusig, weibliche und männliche Pflanzen befinden sich oft in direkter Nachbarschaft oder wachsen durcheinander. Eine generative Fortpflanzung sollte somit keine Schwierigkeit darstellen, wenn Perianthien und Antheridien ausgebildet werden. Dies scheint jedoch in jüngerer Zeit seltener geworden zu sein. Über eine vegetative Vermehrung oder Verbreitung ist bei der Art nichts bekannt, eine gewisse Verbreitung über Thallusbruchstücke ist jedoch wahrscheinlich.

Parasiten, Nutzung und Medizin

Ptilidium pulcherrimum ist der Wirt einer ausschließlich auf diese Art spezialisierten parasitischen Flechte, Puttea margaritella (= Lecidea m., Fellhanera m.).10,12) Die Flechte hat offensichtlich keine Schwierigkeiten, die Art sauber von Ptilidium ciliare zu trennen!

Daneben kommen einige nicht-lichenisierte Ascomyceten parasitisch auf unserer Art vor: spezifisch sind Epibryon intercapillare und Leptomeliola ptilidii, unspezifisch Bryochiton perpusillus und Microscypha cajaniensis.

Über eine Nutzung der Art ist uns nichts bekannt, was bei den geringen Mengen Materials der kleinen Art nicht erstaunt. Möglicherweise wurde sie jedoch zusammen mit anderen Lebermoosen und Laubmoosen in der traditionellen Medizin als Antibiotikum bei Hautkrankheiten und offenen Wunden eingesetzt.8,9) Dies verwundert nicht weiter, wurden doch in etlichen Laub- und Lebermoosen antimikrobielle und fungizide Substanzen nachgewiesen. Für Ptilidium pulcherrimum gelang dies Veljić et al. (2010).13)

[Wolfgang von Brackel]

 

Ptilidium pulcherrimum im Internet (externe Angebote)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ptilidium_pulcherrimum

7) http://www.moose-deutschland.de/organismen/ptilidium-pulcherrimum-weber-vain

https://swissbryophytes.ch/index.php/de/verbreitung?taxon_id=nism-389

 

Literatur

8) Alam, A., Shrama, V., Rawat, K. K. & Verma, P. K. 2015. Bryophytes – The ignored medicinal plants. – SMU Medical Journal 2/1: 299–315.

9) Flowers, S. 1957. Ethnobryology of the Gosiute Indians of Utah. – The Bryologist 60: 11–14.

10) Poelt, J. & Döbbeler, P. 1975. Lecidea margaritella, eine an ein Lebermoos gebundene Flechte und ihr Vorkommen in Mitteleuropa. – Herzogia 3: 327–333.

11) Schoepe, G. 2005. Ptilidiaceae. – in: Nebel, M. & Philippi, G. (Hrsg.). Die Moose Baden-Württembergs, Band 3: 378–381.

Singh, D. & Singh, D. K. 2011. Ptilidium pulcherrimum (G. Weber) Vainio (Hepaticae: Ptilidiaceae) – an addition to Indian bryoflora. – Nelumbo 53: 205–210. [ausführliche Beschreibung, viele Zeichnungen und Fotos; Zugang über ResearchGate]

12) Steenroos, S., Huhtinen, S., Lesonen, A., Palice, Z. & Printzen, C. 2009. Puttea, gen. nov., erected for the enigmatic lichen Lecidea margaritella. – The Bryologist 112: 544–557.

13) Veljić, M., Ćircić, A., Soković, M., Janaćković, P. & Marin, D. 2010. Antibacterial and antifungal activity of the liverwort (Ptilidium pulcherrimum) methanol extract. – Archives of Biological Science Belgrade 62: 381–395.

 

Bilder von Ptilidium pulcherrimum

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Ptilidium pulcherrimum 01 Ebrach WvBPtilidium pulcherrimum, Habitus; Ebrach im Steigerwald, Bayern; Foto: Wolfgang von Brackel. Dieses Bild runterladen

 Ptipul Hab1gr HHVerrottender Baumstumpf - Beispiel für einen typischen Lebensraum von Ptilidium pulcherrimum; das flache, bräunlich gefärbte Moos ist P. pulcherrimum; Foto: Heike Hofmann.

Ptilidium pulcherrimum mit SporophytenPtilidium pulcherrimum mit Sporophyten; dieses Exemplar wurde an dem Baumstumpf gefunden, der im oberen Bild zu sehen ist; Foto: Heike Hofmann.

Ptilidium pulcherrimum Wildenstein OPf 2017 WvBPtilidium pulcherrimum, großes Polster auf Gestein in einer Blockschutthalde; Wildenstein in der Oberpfalz, Bayern; Foto: Wolfgang von Brackel.

 Ptilidium pulcherrimum Wildschönau mikr WvBPtilidium pulcherrimum, einzelnes Blättchen in mikroskopischer Ansicht; Wildschönau, Tirol;
Foto: Wolfgang von Brackel.

 Ptilidium pulcherrimum plate NJSPtilidium pulcherrimum, 2007 am Stammfuß einer Lärche in Finhaut (Wallis/CH); Habitus und Blatt mikroskopisch; Fotos: Norbert J. Stapper. Diese Bildtafel runterladen

 ptilidium pulcherrimum wundschuh 2009 bild 02Ptilidium pulcherrimum, Ölkörper und Chloroplasten in den Laminazellen; Mikrofoto: Walter Obermayer.

ptilidium pulcherrimum wundschuh 2009 bild 01Ptilidium pulcherrimum, Übersichtsfoto in Wasser, man kann hier die Blättchenstellung deutlich erkennen; Foto: Walter Obermayer.

Die Breitlappige Schüsselflechte, Parmotrema perlatum, ist die Flechte des Jahres 2019

Die Breitlappige Schüsselflechte ist durch eine glatte, zum Zentrum hin gerunzelte, hellgraue Oberfläche und lange schwarze randständige Zilien gekennzeichnet. Sie besiedelt die Rinde von Laubbäumen in lichten Laubwäldern und im Offenland in milden, vorwiegend ozeanisch getönten Lagen.

Aussehen

Das in trockenem Zustand grauweiße, feucht grünliche Lager ist in breite, gerundete Lappen gegliedert, deren Ränder wellig gebuchtet, zurückgebogen und vor allem an den Lappenenden mit mehr oder weniger kopfigen Randsoralen besetzt sind. Die mit einfachen Rhizinen (wurzelähnlichen Gebilden) besetzte Unterseite ist schwarz bis auf eine hellere rhizinenlose Randzone. Besonderes Kennzeichen sind die feinen, langen, schwarzen Zilien, die sich an den Lappenrändern entwickeln und gelegentlich fehlen, wenn sie z. B. abgefressen wurden. Die für die Familie der Parmeliaceen typisch schüsselförmigen Apothecien (Fruchtkörper) kommen bei uns nur sehr selten vor.

Von den anderen, bei uns viel selteneren Arten der Gattung sowie von ähnlichen Gattungen der Parmeliaceae (Cetrelia, Hypotrachyna, Platismatia) ist sie durch die Kombination der Merkmale Vorhandensein schwarzer Zilien und kopfiger Randsorale, Fehlen von Pseudocyphellen oder ähnlichen Strukturen auf der Thallusoberseite, Fehlen von Isidien und die Gelbfärbung von Rinde und Mark bei Zugabe von Kalilauge unterschieden.

Ökologie

Die Breitlappige Schüsselflechte siedelt vorwiegend auf der Rinde von Laubbäumen und -sträuchern in lichten Laubwäldern und im Offenland in relativ niederschlagsreichen, gerne ozeanischen Lagen. Vor allem an der Küste (etwa auf den Britischen Inseln, in Skandinavien oder in Italien) kommt sie auch an Silikatfelsen oder gar auf Torf vor. Sie gilt als empfindlich gegenüber SO2-Immissionen. Dies wird dadurch unterstrichen, dass die Art in vielen Ländern wieder zunimmt, in Polen dagegen (wo weiterhin in großem Stil Braunkohle verfeuert wird) aber offenbar kurz vor dem Aussterben steht oder bereits ausgestorben ist.

Verbreitung und Gefährdung

Parmotrema perlatum ist eine über beide Hemisphären verbreitete temperat-subatlatische Art. Sie ist aus allen Kontinenten außer der Antarktis bekannt3). In Europa kommt sie von Sizilien bis Norwegen und von Portugal bis zur Ukraine vor. Gegen Ende des letzten Jahrhunderts war die Art aus vielen Regionen Mitteleuropas nahezu verschwunden. Erst mit der Besserung der lufthygienischen Situation (bezüglich der Schwefeloxide) konnte sie wieder einwandern und ist heute insbesondere in wärmegetönten Gebieten häufig geworden.

In der Roten Liste der Flechten Deutschlands wird die Art nur noch auf der Vorwarnliste geführt, während sie in der Vorgängerliste von 1996 noch als "stark gefährdet" (2) galt. In der Schweiz gilt sie als "verletzlich" (VU), in Österreich als "gefährdet" (3).

Biologie

Die Breitlappige Schüsselflechte verbreitet sich fast ausschließlich über Soredien. Diese vegetativen Verbreitungseinheiten werden unter Aufbrechen der Rinde aus dem Mark gebildet und bestehen aus kleinsten, wattigen Kügelchen, die sowohl Hyphen des Flechtenpartners wie auch Algen enthalten. Sie werden dank ihres geringen Gewichts leicht vom Wind verbreitet und können, wo die auf geeignete Bedingungen treffen, wieder zu vollständigen Flechten auswachsen. Gelegentlich, wohl nur unter optimalen Wuchsbedingungen, verbreitet sie sich auch generativ durch Ascosporen.

Die Art enthält zahlreiche sekundäre Metaboliten (Inhaltsstoffe), darunter vor allem Atranorin und Stictinsäure, die antimikrobielle Wirkungen haben und zum Schutz gegen Angriffe von Bakterien dienen.

Parasiten und Medizin

Parmotrema perlatum ist als Wirt einer ganzen Reihe flechtenbewohnender Pilze bekannt: Abrothallus parmotrematis, Briancoppinsia cytospora, Cornutispora lichenicola, Lichenoconium erodens, Phyllosticta lichenicola, Polycoccum montis-wilhelmii, Sphaerellothecium parmotremae und Zwackhiomyces kantvilasii.

Die Art wird in Indien als Gewürz ("Black Stone Flower", "Dagar Phool") für verschiedene Fleischgerichte sowie in der traditionellen Medizin asiatischer Länder genutzt2). Eventuell ist dies auf die antimikrobielle Wirkung ihrer Inhaltsstoffe zurückzuführen. Diese machen sie für medizinische Zwecke interessant, zumal für Stictinsäure auch eine tumorhemmende Wirkung nachgewiesen wurde.

[Wolfgang von Brackel]

Parmotrema perlatum im Internet
(externe Angebote)

1) lichens.lastdragon.org/Parmotrema_perlatum.html

2) en.wikipedia.org/wiki/Parmotrema_perlatum

3) gbif.org/species/2606308

Literatur

Jabłońska, A., Oset, M. & Kukwa, M. 2009. The lichen family Parmeliaceae in Poland. I. The genus Parmotrema. – Acta Mycologica 44: 211–222.

Louwhoff, S. H. J. J. 2009. Parmotrema. – In: Smith, C. W., Aptroot, A., Coppins, B. J., Fletcher, A., Gilbert, O. L., James, P. W. & Wolseley, P. A. (Eds). The Lichens of Great Britain and Ireland. – British Lichen Society, London: 661–663.

Ranković, B. 2015. Lichen secondary metabolites. – Springer, Heidelberg, New York, Dordrecht, London.

Revathy, M., Sathya shree, S., Manimekala, N., Annadurai, G. & Ahila, M. 2015. Preliminary phytochemical investigation and antibacterial effects of lichen Parmotrema perlatum aganist human pathogens. – European Journal of Biomedical and Pharmaceutical Sciences 2: 336–347.

Wirth, V., Hauck, M. & Schultz, M. 2013. Die Flechten Deutschlands. – E. Ulmer, Stuttgart.

Fotos von Parmotrema perlatum

Durch Anklicken der Bilder öffnet sich jeweils eine größere bzw. vollständige Bild-Version.

Parmotrema perlatum WvB FdJ2019  
Breitlappige Schüsselflechte (Parmotrema perlatum) an einem Bergahorn im Elmautal in den bayerischen Alpen. [Wolfgang von Brackel]   
Parmotrema perlatum 2004 WvB FdJ2019
Breitlappige Schüsselflechte (Parmotrema perlatum) an den Zweigen einer Schlehe bei Sulzheim in Unterfranken (Bayern). Dieser Fund von 2004 war einer der ersten Wiederfunde in Bayern außerhalb der Alpen nach der Mitte des letzten Jahrhunderts  [Wolfgang von Brackel]   
 
Parmotrema perlatum 2004 NJS FdJ2019 klein
Breitlappige Schüsselflechte (Parmotrema perlatum) 2004 im Münsterland, Nordrhein-Westfalen,
[Norbert J. Stapper]   

Parmotrema perlatum NJS FdJ2019 klein
Breitlappige Schüsselflechte (Parmotrema perlatum) 2018 an einem Bergahorn im Tal der Wupper, Nordrhein-Westfalen
[Norbert J. Stapper]   

Unterkategorien

Bartramia pomiformis und Umbilicaria cylindrica

Ctenidium molluscum und Variospora flavescens

Sphagnum magellanicum und Icmadophila ericetorum

Schistostega pennata und Psilolechia lucida

Hedwigia ciliata und Rhizocarpon geographicum

Marchantia polymorpha und Peltigera didactyla

Buxbaumia viridis und Lobaria pulmonaria

Thuidium abietinum und Fulgensia fulgens

Polytrichum commune und Dibaeis baeomyces

Orthotrichum pulchellum und Letharia vulpina

Leucobryum glaucum und Cladonia rangiferina