Moos und Flechte des Jahres 2019

 

Jedes Jahr bestimmen die Mitglieder der BLAM auf ihrer Jahreshauptversammlung Moos und Flechte des Jahres.

Für 2019 wurden ausgewählt:
das Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos  (Cryphaea heteromalla) und die Breitlappige Schüsselflechte (Parmotrema perlatum).

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Texte und Fotos von Wolfgang von Brackel  und Norbert J. Stapper, sofern nichts anders angegeben ist.

Die Bildautoren sind in [Klammern] angegeben.
Stand: Januar 2019

Copyright-Hinweis: Eine Verlinkung zu unserer Homepage bzw. direkt zu dieser Seite sowie ein Abdruck der hier gezeigten Bilder in Naturschutz-relevanten Druckwerken ist bei Nennung des jeweiligen Bildautors und der BLAM e.V. ausdrücklich erwünscht!

Abgesehen von diesem begrenzten Verwertungsrecht verbleiben alle Rechte an den Bildern bei den jeweiligen Autoren. Über Belegexemplare freuen wir uns.

Rückfragen zu Moos und Flechte des Jahres richten Sie bitte an W. von Brackel.

Parmotrema perlatum WvB FdJ2019 klein
Breitlappige Schüsselflechte (Parmotrema perlatum
[Wolfgang von Brackel]   

In den vergangenen Jahren haben wir jeweils eine Flechte und ein Moos vorgestellt, die charakteristisch für einen bestimmten Standort wie Kalkfelsen oder Moore sind oder die als eine Folge bestimmter Umweltwirkungen aus ihrem Lebensraum verdrängt oder, seltenerer Fall, häufiger werden. In diesem Jahr können auch wir uns einer hochaktuellen Fragestellung nicht entziehen, den Auswirkungen des Klimawandels auf die Organismen in unserer Umwelt. Die beiden gewählten Arten, die Flechte Parmotrema perlatum und das Moos Cryphaea heteromalla, mögen dafür als Beispiel dienen.

Die Grenzen des Lebensraumes von Pflanzen und Tieren werden ganz wesentlich vom Klima bestimmt. Folglich gehören Arealverschiebungen hin zu höheren Breitengraden oder größeren Höhen über dem Meer zu den vielfach beobachtbaren Veränderungen im Zuge des globalen Klimawandels. Auch wenn andere den freiwerdenden Raum besetzen, ist insgesamt ein erheblicher Rückgang der Biodiversität zu verzeichnen.

Wirkungen des Klimawandels auf Flechten wurden zuerst aus den Niederlanden berichtet, wo sich die Flechten mit sinkenden Schwefeldioxidimmissionen zwar rasch erholten, aber bald auffiel, dass an warme Standorte angepasste ozeanische Arten häufiger und boreale Arten seltener wurden. Die gleiche Entwicklung ist auch in Deutschland zu beobachten, am deutlichsten im durchschnittlich wärmsten Bundesland Nordrhein-Westfalen. Das auffallendste Kennzeichen des Klimawandels ist der in den letzten 30 Jahren sogar beschleunigte Anstieg der mittleren Temperatur, in Deutschland um rund 1 Kelvin seit 1881. Doch weniger die gestiegene Temperatur selbst, sondern vielmehr damit einhergehende Veränderungen von beispielsweise der Verteilung von Niederschlägen oder der Zeiten, die übers Jahr verteilt zur Nettophotosynthese genutzt werden können, scheinen für die Flechten relevant zu sein. Man denke z. B. an milder gewordene Winter.

 

KWZ DUS Sued 03 18 NJStapper
Veränderung der Häufigkeit von Klimawandelzeigerarten (Flechten) gemäß VDI 3957 Blatt 20 zwischen 2003 und 2018 an einer Messstartion in Düsseldorf-Garath. Der Wert von 2018 (bzw. 2017) ist signifikant größer als der von 2016 (bzw. 2015), p<0,01 (Wilcoxontest, gepaarte Daten). [Originaldaten, Link (PDF, extern); Grafik: NJ Stapper].   

 

 

 

Moos- und Flechtenkundige aus der BLAM wirken seit vielen Jahren ehrenamtlich an der Erstellung von VDI-Richtlinien zur Erfassung von Umweltwirkungen auf Moose oder Flechten mit. So in der Arbeitsgruppe "Wirkungsfeststellung an Niederen Pflanzen" in der Kommission Reinhaltung der Luft KRdL. Deren jüngstes Produkt, die Richtline VDI 3957 Blatt 20, verwendet ausgewählte Indikatorarten zur standardisierten Kartierung lokaler Klimaveränderungen, und wie zu erwarten, sind diese "Klimawandelzeiger" im Westen von Nordrhein-Westfalen besonders häufig geworden. Unsere Flechte des Jahres 2019, Parmotrema perlatum, ist eine dieser Zeigerarten, die allerdings schon vor der Industrialisierung u.a. im NRW-Rheinland vorkam. Seit etwa 2000 ist sie dorthin auch wieder zurückgekehrt und stellenweise an 20 % der Alleebäume zu beobachten - also eine recht häufige Art. Dies ist auch einer der Gründe für die Wahl von Parmotrema perlatum zur Flechte des Jahres, denn viele andere Klimawandelzeiger-Flechten sind in weniger milden Regionen von Deutschland erheblich seltener oder fehlen (noch), wie z. B. die entlang der Rheinschiene seit 2003 kontinuierlich häufiger werdende Sternenhimmelflechte (Punctelia borreri) oder die sehr seltene Netz-Schüsselflechte (Parmotrema reticulatum).

 

Cryphaea heteromalla NJS Saarl 13mm klein
Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos; Fundort: Saarland.
[Norbert J. Stapper]   

Ebenso wie Flechten nehmen auch Moose Wasser über die gesamte Oberfläche auf. Bei Trockenheit fallen sie trocken und können so mehr oder weniger lange Zeit überleben. Im Vergleich zu Flechten liegen weniger Daten über klimawandelbedingte Arealverschiebungen vor. Doch für einige Arten scheint das der Fall zu sein, beispielseise für Cryphaea heteromalla, unser Moos des Jahres 2019.

 

Quellen zum Thema Klimawandelwirkungen auf Moose und Flechten:

Gignac, D. (2001): Bryophytes as Indicators of Climate Change. – The Bryologist 104: 410-420.
He, X., He, K.S. Hyvönen, J. (2016): Will bryophytes survive in an warming world? – Perspectives in Plant Ecology, Evolution and Systematics 19: 49-60.
VDI (2017): Biologische Messverfahren zur Ermittlung und Beurteilung der Wirkung von Umweltveränderungen (Biomonitoring) – Kartierung von Flechten zur Ermittlung der Wirkung von lokalen Klimaveränderungen. VDI 3957 Blatt 20 – Verein Deutscher Ingenieure, Düsseldorf.
van Herk, C.M., Aptroot, A. & van Dobben, H.F. (2002): Long-term monitoring in the Netherlands suggests that lichens respond to global warming. Lichenologist 34: 141-154.

Informationen zur Entwicklung der mittleren Temperatur in einzelnen Bundesländern etc. finden Sie auf der Homepage des Deutschen Wetterdienstes (externer Link).

[Norbert J. Stapper]

Texte und Fotos von Wolfgang von Brackel, sofern nicht anders angegeben.

Die Bildautoren sind in [Klammern] angegeben.
Stand: November 2017

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Die Breitlappige Schüsselflechte, Parmotrema perlatum, ist die Flechte des Jahres 2019

Die Breitlappige Schüsselflechte ist durch eine glatte, zum Zentrum hin gerunzelte, hellgraue Oberfläche und lange schwarze randständige Zilien gekennzeichnet. Sie besiedelt die Rinde von Laubbäumen in lichten Laubwäldern und im Offenland in milden, vorwiegend ozeanisch getönten Lagen.

Aussehen

Das in trockenem Zustand grauweiße, feucht grünliche Lager ist in breite, gerundete Lappen gegliedert, deren Ränder wellig gebuchtet, zurückgebogen und vor allem an den Lappenenden mit mehr oder weniger kopfigen Randsoralen besetzt sind. Die mit einfachen Rhizinen (wurzelähnlichen Gebilden) besetzte Unterseite ist schwarz bis auf eine hellere rhizinenlose Randzone. Besonderes Kennzeichen sind die feinen, langen, schwarzen Zilien, die sich an den Lappenrändern entwickeln und gelegentlich fehlen, wenn sie z. B. abgefressen wurden. Die für die Familie der Parmeliaceen typisch schüsselförmigen Apothecien (Fruchtkörper) kommen bei uns nur sehr selten vor.

Von den anderen, bei uns viel selteneren Arten der Gattung sowie von ähnlichen Gattungen der Parmeliaceae (Cetrelia, Hypotrachyna, Platismatia) ist sie durch die Kombination der Merkmale Vorhandensein schwarzer Zilien und kopfiger Randsorale, Fehlen von Pseudocyphellen oder ähnlichen Strukturen auf der Thallusoberseite, Fehlen von Isidien und die Gelbfärbung von Rinde und Mark bei Zugabe von Kalilauge unterschieden.

Ökologie

Die Breitlappige Schüsselflechte siedelt vorwiegend auf der Rinde von Laubbäumen und -sträuchern in lichten Laubwäldern und im Offenland in relativ niederschlagsreichen, gerne ozeanischen Lagen. Vor allem an der Küste (etwa auf den Britischen Inseln, in Skandinavien oder in Italien) kommt sie auch an Silikatfelsen oder gar auf Torf vor. Sie gilt als empfindlich gegenüber SO2-Immissionen. Dies wird dadurch unterstrichen, dass die Art in vielen Ländern wieder zunimmt, in Polen dagegen (wo weiterhin in großem Stil Braunkohle verfeuert wird) aber offenbar kurz vor dem Aussterben steht oder bereits ausgestorben ist.

Verbreitung und Gefährdung

Parmotrema perlatum ist eine über beide Hemisphären verbreitete temperat-subatlatische Art. Sie ist aus allen Kontinenten außer der Antarktis bekannt3). In Europa kommt sie von Sizilien bis Norwegen und von Portugal bis zur Ukraine vor. Gegen Ende des letzten Jahrhunderts war die Art aus vielen Regionen Mitteleuropas nahezu verschwunden. Erst mit der Besserung der lufthygienischen Situation (bezüglich der Schwefeloxide) konnte sie wieder einwandern und ist heute insbesondere in wärmegetönten Gebieten häufig geworden.

In der Roten Liste der Flechten Deutschlands wird die Art nur noch auf der Vorwarnliste geführt, während sie in der Vorgängerliste von 1996 noch als "stark gefährdet" (2) galt. In der Schweiz gilt sie als "verletzlich" (VU), in Österreich als "gefährdet" (3).

Biologie

Die Breitlappige Schüsselflechte verbreitet sich fast ausschließlich über Soredien. Diese vegetativen Verbreitungseinheiten werden unter Aufbrechen der Rinde aus dem Mark gebildet und bestehen aus kleinsten, wattigen Kügelchen, die sowohl Hyphen des Flechtenpartners wie auch Algen enthalten. Sie werden dank ihres geringen Gewichts leicht vom Wind verbreitet und können, wo die auf geeignete Bedingungen treffen, wieder zu vollständigen Flechten auswachsen. Gelegentlich, wohl nur unter optimalen Wuchsbedingungen, verbreitet sie sich auch generativ durch Ascosporen.

Die Art enthält zahlreiche sekundäre Metaboliten (Inhaltsstoffe), darunter vor allem Atranorin und Stictinsäure, die antimikrobielle Wirkungen haben und zum Schutz gegen Angriffe von Bakterien dienen.

Parasiten und Medizin

Parmotrema perlatum ist als Wirt einer ganzen Reihe flechtenbewohnender Pilze bekannt: Abrothallus parmotrematis, Briancoppinsia cytospora, Cornutispora lichenicola, Lichenoconium erodens, Phyllosticta lichenicola, Polycoccum montis-wilhelmii, Sphaerellothecium parmotremae und Zwackhiomyces kantvilasii.

Die Art wird in Indien als Gewürz ("Black Stone Flower", "Dagar Phool") für verschiedene Fleischgerichte sowie in der traditionellen Medizin asiatischer Länder genutzt2). Eventuell ist dies auf die antimikrobielle Wirkung ihrer Inhaltsstoffe zurückzuführen. Diese machen sie für medizinische Zwecke interessant, zumal für Stictinsäure auch eine tumorhemmende Wirkung nachgewiesen wurde.

[Wolfgang von Brackel]

Parmotrema perlatum im Internet
(externe Angebote)

1) lichens.lastdragon.org/Parmotrema_perlatum.html

2) en.wikipedia.org/wiki/Parmotrema_perlatum

3) gbif.org/species/2606308

Literatur

Jabłońska, A., Oset, M. & Kukwa, M. 2009. The lichen family Parmeliaceae in Poland. I. The genus Parmotrema. – Acta Mycologica 44: 211–222.

Louwhoff, S. H. J. J. 2009. Parmotrema. – In: Smith, C. W., Aptroot, A., Coppins, B. J., Fletcher, A., Gilbert, O. L., James, P. W. & Wolseley, P. A. (Eds). The Lichens of Great Britain and Ireland. – British Lichen Society, London: 661–663.

Ranković, B. 2015. Lichen secondary metabolites. – Springer, Heidelberg, New York, Dordrecht, London.

Revathy, M., Sathya shree, S., Manimekala, N., Annadurai, G. & Ahila, M. 2015. Preliminary phytochemical investigation and antibacterial effects of lichen Parmotrema perlatum aganist human pathogens. – European Journal of Biomedical and Pharmaceutical Sciences 2: 336–347.

Wirth, V., Hauck, M. & Schultz, M. 2013. Die Flechten Deutschlands. – E. Ulmer, Stuttgart.

Fotos von Parmotrema perlatum

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Parmotrema perlatum WvB FdJ2019  
Breitlappige Schüsselflechte (Parmotrema perlatum) an einem Bergahorn im Elmautal in den bayerischen Alpen. [Wolfgang von Brackel]   
Parmotrema perlatum 2004 WvB FdJ2019
Breitlappige Schüsselflechte (Parmotrema perlatum) an den Zweigen einer Schlehe bei Sulzheim in Unterfranken (Bayern). Dieser Fund von 2004 war einer der ersten Wiederfunde in Bayern außerhalb der Alpen nach der Mitte des letzten Jahrhunderts  [Wolfgang von Brackel]   
 
Parmotrema perlatum 2004 NJS FdJ2019 klein
Breitlappige Schüsselflechte (Parmotrema perlatum) 2004 im Münsterland, Nordrhein-Westfalen,
[Norbert J. Stapper]   

Parmotrema perlatum NJS FdJ2019 klein
Breitlappige Schüsselflechte (Parmotrema perlatum) 2018 an einem Bergahorn im Tal der Wupper, Nordrhein-Westfalen
[Norbert J. Stapper]   

Foto: Umbilicaria cylindrica Laufbacher Eck
Fransen-Nabelflechte (Umbilicaria cylindrica
[Wolfgang von Brackel]   

Im letzten Jahr haben wir an dieser Stelle 2 Arten der Kalkfelsen vorgestellt, dieses Jahr sind es eine Flechte und ein Moos der Silikatfelsen. Während Kalkfelsen einen ziemlich einheitlichen Chemismus aufweisen – sie bestehen hauptsächlich aus sedimentiertem oder in Riffen abgelagertem Calciumkarbonat, bei Dolomit auch mit Magnesiumkarbonat – stellen die Silikatfelsen eine breiter gefächerte Gruppe dar. Zum einen ist ihre Entstehung heterogener (Sediment-, Erguss- und Tiefengesteine), zum anderen sind sie komplexer zusammengesetzt. Siliziumdioxid ist immer beteiligt, daneben können aber auch Feldspate, Glimmer und eine Vielzahl anderer Mineralien oder kalkhaltige Bindemittel auftreten.

Dementsprechend vielgestaltig ist auch die Moos- und Flechtenflora der Silikatfelsen. Mineralreiche Silikatfelsen der Hochlagen tragen in Mitteleuropa wohl die artenreichsten Kryptogamengesellschaften und bieten dem Betrachter ein buntes, vielfältiges Bild. Erst fallen einem die leuchtend grüngelben Landkartenflechten (Rhizocarpon) ins Auge, dann Laubflechten der Sammelgattung Parmelia, Strauchflechten der Gattungen Stereocaulon, Sphaerophorus, Cetraria und Cladonia sowie eine Vielzahl von unterschiedlich gefärbten Krustenflechten etwa aus den Gattungen Aspicilia, Lecidea, Lecanora oder Acarospora. An den Steilflächen siedeln Nabelflechten der Gattung Umbilicaria, zu der unsere Flechte des Jahres 2018 gehört, Umbilicaria cylindrica.

Unter den Polstermoosen tritt eine Vielzahl von Arten der Gattung Grimmia neben Andreaea-, Schistidium- und Tortula-Arten auf. Häufig sind auch mattenbildende Arten der Gattung Racomitrium sowie Hedwigia ciliata oder Paraleucobryum longifolium. Geschützt in Spalten finden sich Besonderheit wie Arten der Gattungen Anastrophyllum oder Kiaeria. Zur bei uns nur mit 4 Arten vertretenen Gattung Bartramia gehört unser Moos des Jahres 2018, Bartramia pomiformis.

Wie auch bei den Kalkfelsen müssen die Besiedler von Silikatfelsen – insbesondere der steilen und besonnten Partien – mit extremen Bedingungen zurechtkommen. Die Gluthitze an sonnigen Sommertagen wechselt mit extremer Kälte in wolkenlosen Nächten und Durchnässung bei Regen mit völliger Austrocknung in Trockenperioden.

Ein Polster vom Echten Apfelmoos (Bartramia pomiformis) aus dem Bayerischen Wald an der Steilfläche eines Pfahlschieferfelsens. Foto: W. von Brackel 
Ein Polster vom Echten Apfelmoos (Bartramia pomiformis) aus dem Bayerischen Wald an der Steilfläche eines Pfahlschieferfelsens.   

In den Mittelgebirgen stellt sich die Situation der Silikatfelsen und Blockschutthalden noch relativ stabil dar, auch wenn ihnen hier Tourismus und Forstwirtschaft zusetzen und Klimawandel sowie der Eintrag von Stickstoffverbindungen durch die Luft sicher zu schleichenden Veränderungen ihrer Zusammensetzung führen. Dramatischer sind allerdings die Verluste und Veränderungen im Hügel-und Flachland, wo Straßen- und Siedlungsbau sowie die Landwirtschaft schon zum Verlust einer Vielzahl von Standorten geführt haben.

Wegen der starken Bedrohung der Lebensgemeinschaft der Silikatfelsen sind diese, wie auch die Silikat-Blockschutthalden, im Anhang I der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie der EU aufgeführt (LRT 8220, Silikatfelsen mit Felsspaltenvegetation, 8230 Silikatfelsen mit Pioniervegetation, 8110 und 8150 Silikatschutthalden der montanen bis nivalen bzw. der kollinen bis montanen Stufe). Diese Lebensraumtypen sind "Natürliche Lebensräume von gemeinschaftlichem Interesse, für deren Erhaltung besondere Schutzgebiete ausgewiesen werden müssen".

 

Das Einseitswendige Verstecktfruchtmoos, Cryphaea heteromalla, ist das Moos des Jahres 2019

Das Einseitswendige Verstecktfruchtmoos wächst in kleinen Polstern an der Rinde von Laubgehölzen, gerne an Holunder, an Orten mit ausreichender Luftfeuchtigkeit.

Aussehen

Cryphaea heteromalla bildet lockere Polster aus einem kriechenden, dem Untergrund anliegenden Primärspross und schräg vom Substrat aufgerichteten, kaum verzweigten Ästen. An kurzen Seitentrieben entwickeln sich die die von lang ausgezogenen Hüllblättern überragten, länglich eiförmigen Kapseln mit einer zugespitzten Haube. Die kapselragenden Seitenzwiege stehen oft in kleinen Grüppchen in enger Nachbarschaft an einer Seite des Zweiges. Die in trockenem Zustand anliegenden, feucht abstehenden Blätter sind breit eiförmig, gleichmäßig zugespitzt und ganzrandig. Die kräftige Blattrippe erlischt vor der Blattspitze. Fruchtende Exemplare sind unverkennbar, sterile müssen sorgfältig von Leskea polycarpa unterschieden werden.

Verbreitung und Gefährdung

Die (sub)mediterran-(sub)atlantische Art kommt rund um den Atlantik auf der Nordhalbkugel vor, in Europa vor allem im westlichen und südlichen Teil. In Mitteleuropa erreicht sie die Ostgrenze ihrer Verbreitung. Als Atlantiker ist sie in den Niederlanden eine weit verbreitete und gewöhnliche Art. In Deutschland ist sie bereits sehr selten in den östlichen Bundesländern. In Polen wurde sie 2017 erstmals gefunden, Nachweise aus Österreich und Tschechien fehlen dagegen (noch?). Höhere Gebirge meidet sie offensichtlich, auch wenn sie neuerdings aus Mittelgebirgen wie demdem  Harz oder Erzgebirge gemeldet wurde.

In den letzten Jahren häufen sich Fundmeldungen der Art, sie scheint sich in Ausbreitung nach Osten zu befinden. So galt sie in der Schweiz Ende des letzten Jahrhunderts noch als Rarität, seitdem sind viele Neufunde bekannt geworden. Es wird diskutiert ob die Ausbreitung der Art mit dem Klimawandel oder der Änderung der Luftqualität (Abnahme der SO2-Emissionen, Zunahme der NOx-Emissionen) zu tun hat. Sie gilt als ausgesprochen empfindlich gegenüber der Luftverschmutzung; so hat sie sich im Laufe des 20. Jahrhunderts in den Niederlanden aus dem Landesinneren in die küstennahen Gebiete zurückgezogen, wo die Luft durch den Seewind sauberer ist. Im Landesinneren, wie auch im Westen Deutschlands zu dieser Zeit, wurde sie selten und wenn dann vor allem auf basischen Gesteinen und Beton gefunden; diese Unterlagen vermögen die Wirkungen der aus den Schwefeloxiden gebildeten Säuren zumindest abzupuffern. Wahrscheinlich ist ein Zusammenwirken der Faktoren Klimaerwärmung, Abnahme der giftigen SO2-Emissionen und Zunahme der düngenden NOx-Emissionen.

Das Holundermoos, wie es etwas weniger sperrig auch genannt wird, wächst an der Rinde von Laubgehölzen, vorwiegend an Holunder, auch an Weide oder Pappel; in der Schweiz wird ein breites Spektrum an Laubbäumen und –sträuchern besiedelt, selten dagegen der Holunder. Im 19. Jahrhundert war sie noch an einer Vielzahl von Baum- und Straucharten beobachtet worden. Sie braucht lichtreich bis mäßig beschattete Lagen mit ausreichender Luftfeuchtigkeit. Vereinzelt kommt sie auch an Felsen, Mauern oder Beton vor. Sie meidet sowohl geschlossene Waldgebiete wie auch offene, windexponierte Einzelbäume.

Die Art wird in der Roten Liste Deutschlands von 1996 noch unter "stark gefährdet " (2) geführt, in der noch nicht erschienen neuen Roten Liste wird sie aber bereits als "nicht gefährdet" erscheinen. In den Listen der einzelnen Bundesländer reicht die Einstufung von "ungefährdet" bis "ausgestorben". In der Schweiz gilt sie als "verletzlich" (VU).

Wegen ihres Vorkommens an Laubgehölzen wie Holunder, Weiden und Pappeln in halbschattiger Lage ist sie sicher nicht durch mangelnde Standorte gefährdet, ein Handlungsbedarf zu ihrer Erhaltung besteht nicht.

Biologie

Die einhäusige Art fruchtet häufig und verbreitet sich durch Sporen. Über eine vegetative Vermehrung oder Verbreitung ist bei der Art nichts bekannt.

[Wolfgang von Brackel]

Cryphaea heteromalla im Internet (externe Angebote)

Fotos von Cryphaea heteromalla

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Cryphaea heteromalla 3 CBerg klein 
Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos, Cryphaea heteromalla [Christian Berg].
  
Cryphaea heteromalla NJS Saarl 13mm klein 
Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos, Cryphaea heteromalla; große Bildkante des verlinkten Bildes: 13 mm. [Norbert J. Stapper]
  
Cryphaea heteromalla, Kapseln. Foto: NJ Stapper
Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos (Cryphaea heteromalla):  In Hüllblätter eingesenkte Kapseln ankurzen Seitentrieben; große Bildkante des verlinkten Bildes: 5,4 mm. [Norbert J. Stapper]    
 
Cryphaea heteromalla 4 CBerg klein 
Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos, Cryphaea heteromalla; Habitus. [Christian Berg]
  
Cryphaea heteromalla 7 CBerg klein
Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos (Cryphaea heteromalla): Kapseln an kurzen Seitentrieben. [Christian Berg]    
 
Cryphaea heteromalla Bildtafel NJS klein 
Einseitswendiges Verstecktfruchtmoos, Cryphaea heteromalla; Bildtafel: Obere Reihe: Habitus; mittlere Reihe: Blatt, Blattspitze und Blattbasis; untere Reihe: Basis eines Perichaetialblattes, Peristomzähne und Sporen. [Norbert J. Stapper]
  

Die Fransen-Nabel­flechte, Umbilicaria cylindrica, ist die Flechte des Jahres 2018

Die Fransen-Nabelflechte ist ein leicht kenntlicher Bewohner an Silikatfelsen vor allem höherer Lagen. Ihr annähernd rundlicher Thallus ist nur an einer Stelle am Untergrund befestigt und am Rand meist mit schwarzen Wimpern gesäumt. Auffällig sind die gerillten Apothecien..

Aussehen

Das graue bis weißlich-graue Lager besteht in der Jugend aus einem annähernd rundlichen, gewellt verbogenen Lappen, der zentral am Felsen angehaftet ist. Später gliedert sich der Thallus in rosettenförmig angeordnete Läppchen auf und kann bis zu 5, in Ausnahmefällen auch 10 cm Durchmesser erreichen. Randlich ist er meist mit starren, verzweigten, schwarzen Borsten besetzt, die hellbraune bis blassrosafarbene Unterseite weist gelegentlich Rhizinen (wurzelähnliche Gebilde) auf. Auf der Thallusoberseite finden sich häufig mit einer verengten Basis aufsitzende, schwarze Apothecien (Fruchtkörper), deren Scheibe eine charakteristische Rillung aus konzentrischen Kreisen aufweist. Die Sporen sind einzellig und farblos. Der photosynthetisch aktive Partner in der Flechte ist eine einzellige Grünalge.

Von allen anderen Arten der Gattung Umbilicaria, die sämtlich an Silikatfelsen siedeln, ist die Fransen-Nabelflechte durch die randlichen schwarzen Borsten unterschieden. Diese können allerdings auch spärlich entwickelt sein oder fast ganz fehlen. Daher sollten bei der Bestimmung stets mehrere, unterschiedlich alte Exemplare untersucht werden. Morphologisch ähnlich aber ohne Borstenbesatz und mit eingesenkten Fruchtkörpern (Perithecien) ist die Gewöhnliche Lederflechte (Dermatocarpon miniatum), die an Kalkfelsen siedelt.

Die Varietäten "fimbriata" mit reichem Besatz von dunklen, allseitig ausgebreiteten Borsten und "denticulata" mit dem Thallus gleichfarbigen und in derselben Ebene liegenden Borsten sind von zweifelhaftem taxonomischen Wert5).

Ökologie

Die Fransen-Nabelflechte siedelt direkt auf nacktem, kalkfreiem Silikatfels, vorzugsweise an schrägen bis senkrechten Partien von Felsen, an gut belichteten Standorten. Sie kommt hauptsächlich in hochmontanen bis alpinen Lagen vor. Vorkommen an Sekundärstandorten wie Mauern oder Grabsteinen sind selten.

Verbreitung und Gefährdung

Umbilicaria cylindrica ist in Europa, Asien, beiden Amerika und Australien verbreitet. In Europa zeigt sie eine hochmontan-alpin-arktische Verbreitung mit einer Präferenz der Alpen und der nordischen Länder, kommt aber bis in die Gebirge Süditaliens vor. In den Schweizer und Österreichischen Alpen sowie den Vogesen und dem Schwarzwald ist sie verbreitet, in den übrigen Mittelgebirgen selten und in Norddeutschland klingt sie aus.

In Deutschland fehlt die Art in den nördlichen Bundesländern, insgesamt wird sie als "gefährdet" eingestuft. In Österreich gilt sie nicht als gefährdet und in der Schweiz ist sie sicher auch nicht gefährdet (wobei für die Schweiz gesteinsbewohnende Arten nicht in der Roten Liste behandelt sind).

Biologie

Wie andere Bewohner besonnter Felsen muss die Fransen-Nabelflechte mit extremen Bedingungen zurechtkommen. Da Flechten keinen Verdunstungsschutz besitzen, trocknen sie in der Sonne völlig aus und verfallen in einen inaktiven Ruhezustand, in dem sie nötigenfalls monatelang überleben können. Besondere Inhaltsstoffe schützen die Proteine vor Denaturierung und nach dem Wiederbefeuchten kommen rasch Reparaturmechanismen an der DNA in Gang. Vor zu starker UV-Einstrahlung schützt sie eine leichte Bereifung.

Die Art verbreitet sich durch Ascosporen, die bei der Fransen-Nabelflechte etwa 0,01 mm groß sind und dank ihrer Kleinheit über weite Distanzen transportiert werden können. Asexuelle Verbreitung ist bei der Art nicht bekannt

Parasiten und Medizin

Umbilicaria cylindrica ist die Wirtsflechte weniger flechtenbewohnender Pilze, die alle auf Wirte der Gattung Umbilicaria beschränkt sind: neben Arthonia rufidula, Clypeococcum grossum und Stigmidium gyrophorarum beherbergt sie noch je eine unbeschriebene Endococcus- und Polycoccum-Art.

Über eine medizinische Nutzung ist uns nichts bekannt, obwohl neuerdings nachgewiesen wurde, dass die Art antioxidative und antimikrobielle Inhaltsstoffe besitzt1). Bei geeigneter Zubereitung sollen Arten der Gattung essbar sein und wurden wohl in Notsituationen verspeist2)3). Eine verwandte Art, Umbilicaria esculenta aus Ostasien wird in der traditionellen chinesischen Medizin genutzt und in Japan, China und Korea gegessen4).

[Wolfgang von Brackel]

Umbilicaria cylindrica im Internet (externe Angebote)

Fotos von Umbilicaria cylindrica

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Foto: Umbilicaria cylindrica Laufbacher Eck
Fransen-Nabelflechte (Umbilicaria cylindrica) an einem Silikatfelsen am Laufbacher Eck in den bayerischen Alpen [Wolfgang von Brackel]   
Umbilicaria cylindrica - Foto von Hörður Kristinsson
Gesteinsbewohnende Moos- und Flechtengesellschaft in Island mit Fransen-Nabelflechte (Umbilicaria cylindrica)  [Hörður Kristinsson]   

Umbilicaria cylindrica - Foto von JC Mermilliod
Fransen-Nabelflechte (Umbilicaria cylindrica) inmitten einer bunten Flechtengesellschaft auf Silikatgestein, Valsorey, Wallis,
CH [Jean-Claude Mermilliod]   

Unterkategorien

Bartramia pomiformis und Umbilicaria cylindrica

Ctenidium molluscum und Variospora flavescens

Sphagnum magellanicum und Icmadophila ericetorum

Schistostega pennata und Psilolechia lucida

Hedwigia ciliata und Rhizocarpon geographicum

Marchantia polymorpha und Peltigera didactyla

Buxbaumia viridis und Lobaria pulmonaria

Thuidium abietinum und Fulgensia fulgens

Polytrichum commune und Dibaeis baeomyces

Orthotrichum pulchellum und Letharia vulpina

Leucobryum glaucum und Cladonia rangiferina