Moos und Flechte des Jahres 2020

 

Jedes Jahr bestimmen die Mitglieder der BLAM auf ihrer Jahreshauptversammlung Moos und Flechte des Jahres.

Für 2020 wurden ausgewählt:

die Finger-Scharlachflechte (Cladonia digitata) und
das Schöne Federchenmoos (Ptilidium pulcherrimum).

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Texte von Wolfgang von Brackel und Fotos von W. von Brackel, Christian Berg und Norbert J. Stapper.

Die Bildautoren sind in [Klammern] angegeben.
Stand: November 2020

Copyright-Hinweis: Eine Verlinkung zu unserer Homepage bzw. direkt zu dieser Seite sowie ein Abdruck der hier gezeigten Bilder in Naturschutz-relevanten Druckwerken ist bei Nennung des jeweiligen Bildautors und der BLAM e. V. ausdrücklich erwünscht!

Die Rechte an den Bildern verbleiben bei den jeweiligen Autoren.
Über Belegexemplare freuen wir uns. Rückfragen zu Moos und Flechte des Jahres richten Sie bitte an Wolfgang von Brackel.

Für 2021 wurden mit der Gewöhnlichen Mauerflechte (Lecanora muralis) und dem Sparrigen Kranzmoos (Rhytidiadelphus squarrosus) zwei Arten gewählt, die (nicht nur) in Mitteleuropa weit verbreitet und sehr häufig sind. Beide Arten dringen bis weit in die Städte vor und sind hier oft häufiger als in der intensiv genutzten Agrarlandschaft.

Mit der Vorliebe des Mooses für kurzgeschorene Rasenflächen und der Flechte für Kunststeine aller Art (z. B. Waschbetonplatten) haben sie im Siedlungsraum vor allem die Wohngebiete erobert und finden nicht nur Freunde unter den Gartenbesitzern.

Texte von Wolfgang von Brackel und Fotos von W. von Brackel, Heike Hofmann, Walter Obermayer und Norbert J. Stapper.

Die Bildautoren sind in [Klammern] angegeben.
Stand: November 2019

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Über Belegexemplare freuen wir uns. Rückfragen zu Moos und Flechte des Jahres richten Sie bitte an Wolfgang von Brackel.

Die Gewöhnliche Mauerflechte, Lecanora muralis, ist die Flechte des Jahres 2021

Die Gewöhnliche Mauerflechte ist zumindest an ihren anthropogenen Standorten durch ihre großen, grünlich-weißen und dicht mit Fruchtkörpern besetzten Rosetten kaum mit einer anderen Art zu verwechseln. Sie wächst an Gestein sowohl an natürlichen Standorten wie auch im Inneren der Städte auf Pflaster, Asphalt und an Mauern.

Aussehen

Ihre grünlich-weißen, im feuchten Zustand grünlichen Lager erreichen mehrere Zentimeter, bei ungestörtem Wachstum auch bis zu zwei Dezimeter Durchmesser. Sie bestehen aus eng dem Substrat anliegenden Rosetten mit knapp 1 mm breiten, langgestreckten, flachen bis leicht konkaven, oft randlich helleren Randlappen. Sehr alte Exemplare sterben im Inneren ab und bilden dann ringförmige Lager, innerhalb derer sich wieder neu, kleinere Lager entwickeln können.

Im Inneren des Lagers stehen die gehäuft und oft fast die ganze Lagerfläche bis auf die Randzone bedeckenden beigen oder vor allem im Alter bräunlichen Fruchtkörper mit meist helleren Rändern. Sie haben etwa 1,5 mm Durchmesser und sind primär rund, bei engem Stand verformen sie sich aber gegenseitig. Ihre Sporen sind unspektakulär ellipsoid, farblos und ca. 9–15 × 5–7 Mikrometer groß.

Ökologie

Die Gewöhnliche Mauerflechte ist (wie der Name bereits sagt) vorwiegend ein Gesteinsbewohner mit einer Bevorzugung von kalkhaltigen und/oder staubimprägnierten Substraten. Natürliche Standorte sind vor allem niedrige Felsen oder größere Kiesel, gern kommt sie an den gedüngten Vogelsitzplätzen vor. Im Siedlungsbereich wächst sie an Mauern und Zaumpfosten, Dachziegeln, auf Pflaster aller Art (gern auf Waschbeton) oder auch auf wenig befahrenem Asphalt. Seltener kommt sie auf bearbeitetem eutrophiertem Holz vor. Sie ist tolerant gegenüber Trockenheit und Schadstoffen, aber nährstoff- und lichtbedürftig.

Verbreitung und Gefährdung

Lecanora muralis ist weltweit verbreitet und kommt in Europa vom Sizilien bis nach Spitzbergen sowie vom Flachland bis ins hohe Gebirge vor.

Wegen ihrer weiten Verbreitung, der hohen Toxitoleranz und des Vorkommens auf reichlich vorhandenem Substrat ist die Art sicher nicht gefährdet. Als Profiteur der Eutrophierung und der rasant fortschreitenden Versiegelung der Landschaft dürfte sie im Gegenteil in Zukunft weiter zunehmen. Auch die zunehmende Erwärmung und die in Zukunft wohl öfter auftretenden Dürreperioden werden der sehr trockenheitsresistenten Art nicht schaden.

Biologie

Die Gewöhnliche Mauerflechte verbreitet sich über Ascosporen, die in den vielen Apothecien zahlreich gebildet werden. Die Sporen haben offenbar keine Mühe, auf geeigneten Substraten ihren Symbiosepartner (Algen der Gattung Trebouxia) zu finden. Wie die meisten Gesteinsflechten wächst Lecanora muralis sehr langsam, sie erreicht ein Wachstum (Vergrößerung des Radius) von 1–3 mm im Jahr4). Dies ist natürlich abhängig von der Nährstoffversorgung, in den Innenstädten und im intensiv landwirtschaftlich genutzten Raum liegt es sicher an der oberen Grenze.

Sie enthält unter anderen sekundären Metaboliten (Inhaltsstoffen) als bekanntesten Usninsäure.

Die Art ist sehr variabel und spaltet sich vor allem im Mittelmeergebiet in etliche Varietäten auf. Möglicherweise gehören auch die Populationen auf natürlichen Felsen der höheren Gebirge einem anderen Ökotyp an als die der Städte.

Parasiten, Nutzung und Inhaltsstoffe

Lecanora muralis ist als Wirt einer Vielzahl flechtenbewohnender Pilze bekannt: Arthonia protoparmeliopseosA. subvariansCercidospora macrosporaC. pluriseptataDacampia muralicolaDactylospora homoclinellaEpithamnolia xanthoriaeLichenoconium lecanoraeLlimoniella muralicolaMuellerella erraticaParalecia pratorumPleospora bernadetaeRoselliniella muralisSarcopyrenia cylindrosporaSpirographa limaciformisStigmidium squamariaeToninia subfuscae und Unguiculariopsis thallophila.

Über die Nutzung der Flechte ist nicht viel bekannt. Wegen der antioxidativen, antimikrobiellen und cytostatischen Wirkung ihrer Inhaltsstoffe2) 3)  könnte sie wohl auch medizinisch genutzt werden, dem standen bislang jedoch das relativ langsame Wachstum und die schwierige Ernte entgegen. Immerhin ist es jetzt einem Team von Wissenschaftlern an der TU Berlin gelungen, Lecanora muralisaus Sporen und Algen zu rekombinieren und zu kultivieren. Dies eröffnet ganz neue Möglichkeiten der Gewinnung antimikrobieller Wirkstoffe1).

Darüber hinaus kann die weit verbreitete Flechte als Biomonitor für Spurenmetalle verwendet werden.5)

Kurioses

Am 11.02.2014 war im Donaukurier unter der Überschrift "Seltsame Flecken auf der Terrasse – Wolnzacher Bürger beobachtet eine zunehmende Verschmutzung aus der Luft und tippt auf undichte Flugzeugklos" zu lesen: 

Die Ursache sind seltsame Flecken, die er auf dem Steinbelag seiner Terrasse immer wieder findet. „...macht der 55-Jährige aus Wolnzach im Kreis Pfaffenhofen sich schon länger Sorgen. "Das sind grünlich-weiße Stellen, die wie eingeätzt wirken“, sagt der Garten- und Landschaftsbautechniker. ... "Weil ich beruflich viel draußen bin, habe ich mal die Trasse, auf der die Flugzeuge über der Marktgemeinde unterwegs sind, am Boden genauer angeschaut. Ich bin erschrocken, wie viele dieser komischen Flecken ich gefunden habe. Beim Spazierengehen mit dem Hund bin ich auf immer neue Verschmutzungen gestoßen, auch draußen beim Sportverein, wo ich Jugendtrainer bin.“ Das ziehe sich wie ein Band durch den Ort, von Südost nach Nordwest – „genau wie die Fluglinien sind“. Die seltsamen Tropfen scheinen sich tief ins Steinmaterial zu ätzen und sind noch nach vielen Monaten zu sehen. Sie bilden mit der Zeit eine kristallisierte Schicht. „Ich kann das nur mit der Spachtel entfernen“, sagt der 55-Jährige. 

Das schlug hohe Wellen und auch andere Zeitungen nahmen die Meldung auf. Jetzt dürfen Sie drei Mal raten, was das war, was der Garten- und Landschaftsbautechniker für Exkremente hielt.

Bei den Briten heißt die Flechte "chewing-gum lichen" da sie vom Aspekt her den Kaugummiflecken auf dem Pflaster der Fußgängerzonen ähnelt.

Beseitigen oder nicht?

Den Biologen freut es natürlich, auf den (vom Vorbesitzer ererbten) Waschbetonplatten im Garten die großen Rosetten von Lecanora muralis wachsen zu sehen. Hier wird aus der toten Oberfläche des Kunststeins eine biologisch aktive, die Sonnenlicht einfängt, CO2bindet und Sauerstoff freisetzt. Richtet die Flechte Schaden an? Am Stein bestimmt nicht, hier wird schlimmstenfalls der oberste Millimeter leicht angegriffen, um der Flechte Halt zu geben. Bei Regen mag es ein wenig rutschiger werden, aber die Flechte kommt ja eher auf wenig betretenen Flächen vor. Und die Ästhetik ist nur eine Sache der Einstellung.

 

Links

1) Pressemitteilung TU Berlin, 22.07.2020, URL: https://www.tu.berlin/ueber-die-tu-berlin/profil/pressemitteilungen-nachrichten/2020/juli/flechten/

https://de.wikipedia.org/wiki/Lecanora_muralis

Literatur

Edwards, B., Aptroot, A., Hawksworth, D.L. & James, P.W. 2009. Lecanora Ach. in Luyken (1809). – In: Smith, C. W., Aptroot, A., Coppins, B. J., Fletcher, A., Gilbert, O. L., James, P. W. & Wolseley, P. A. (Eds). The Lichens of Great Britain and Ireland. – British Lichen Society, London: 465–502.

4) Hill, D. J. 1981. The growth of lichens with sepcial reference to the modelling of circular thalli. – The Lichenologist 13 (3): 265–287.

5) Lambrecht, S. 2001. Lecanora muralis: eine epilithische Krustenflechte als Biomonitor für luft­getragene Spurenmetalle. Systematische Untersuchung und regionale Anwendungsbeispiele. Diss. TU Bergakademie Freiberg. URL: http://webdoc.sub.gwdg.de/ebook/diss/2003/tu-freiberg/archiv/html/GeowissenschaftenLambrechtSusanne050388.pdf

2) Ranković, B. & Kosanić, M. 2012. Antimicrobial activities of different extracts of Lecanora atra, Lecanora muralis, Parmelia saxatilis, Parmelia sulcata and Parmeliopsis ambicua. – Pak. J. Bot. 44(1): 429–433.

3) Ranković, B. R., Kosanić, M. M. & Stanojković, T. P. 2011. Antioxidant, antimicrobial and anticancer activity of the lichens Cladonia furcataLecanora atra and Lecanora muralis. BMC Complementary and Alternative Medicine 11, Article 97. URL: https://bmccomplementmedtherapies.biomedcentral.com/articles/10.1186/1472-6882-11-97

Wirth, V., Hauck, M. & Schultz, M. 2013. Die Flechten Deutschlands. – E. Ulmer, Stuttgart.

Für 2020 wurden mit der Finger-Scharlachflechte (Cladonia digitata) und dem Schönen Federchenmoos (Ptilidium pulcherrimum) zwei Arten gewählt, die auf der saueren Borke vor allem von Nadelbäumen wie Fichte, Kiefer und Tanne aber auch an Laubbäumen mit saurer Rinde wie Birke und Erle vorkommen. Nun sind diese Standorte in Mitteleuropa sicher nicht im Mangel, nachdem die Forstwirtschaft seit vielen Jahrzehnten auf den Anbau der schnellwachsenden Fichten und Kiefern gesetzt hat. Demzufolge sind beide Arten auch nicht gefährdet und haben ihre Bestände seit der Mitte des letzten Jahrhunderts sicher vergrößern können.

Cladonia digitata Rechtenbach im Spessart 01 WvBCladonia digitata, Lager aus Grundschuppen mit Podetien und Apothecien an den Becherrändern; Rechtenbach im Spessart, Bayern; Foto: Wolfgang von Brackel. Dieses Bild herunterladen

Mit den Schäden vor allem an Kiefer und Fichte im Dürresommer 2018 zeigt sich nun deutlich, dass Nadelholzmonokulturen bei uns keine Zukunft haben werden. Mit ihrem Verschwinden werden die beiden Arten im Flach- und Hügelland einen Großteil ihres Lebensraums verlieren. Dazu kommt, dass beide zumindest eine Präferenz für kühl-temperierte Gebiete haben. Es ist also zu erwarten, dass sie mit der Klimaerwärmung ihre südliche Arealgrenze nach Norden verschieben bzw. aus weiten Gebieten mit jetzt schon relativ warm-trockenem Klima verschwinden werden.

Ptilidium pulcherrimum Finhaut NJS 3845 laKPtilidium pulcherrimum, 2007 am Stammfuß einer Lärche in Finhaut (Wallis/CH);
lange Bildkante 3,8 mm; Foto: Norbert J. Stapper.  Dieses Bild herunterladen

Das Sparrige Kranzmoos, Rhytidiadelphus squarrosus, ist das Moos des Jahres 2021

Das Sparrige Kranzmoos (auch Sparriger Runzelbruder, sparriger Runzelpeter) ist ein häufiges Moos in feuchten oder frischen Wiesen und kann vor allem in häufig geschnittenen Rasenflächen große Bestände bilden. Durch seine sparrige Beblätterung und die lang ausgezogenen Blattspitzen ist es ist es in regelmäßig gemähten Wiesen kaum mit einer anderen Art zu verwechseln.

Aussehen

Rhytidiadelphus squarrosus gehört zu den seitenfrüchtigen (pleurokarpen) Laubmoosen, d. h. die Sporenkapseln werden nicht an den Spitzen der Sprosse sondern an seitlichen Trieben gebildet. Dies lässt sich an unserer Art kaum beobachten, da es nur sehr selten Sporogone ausbildet. Allgemein haben die seitenfrüchtigen Laubmoose aber eher ein kriechendes oder rasenbildendes Erscheinungsbild und weniger das polster- oder kissenförmige der gipfelfrüchtigen Laubmoose. So bildet das Sparrige Kranzmoos lockere Rasen aus aufrechten oder aufsteigenden Stämmchen. Diese sind orange bis rotbraun, unregelmäßig verzweigt und weisen sternförmig beblätterte Sprossenden auf. Die dicht stehenden Stämmchenblätter bestehen aus einer breit eiförmigen Basis und einer lang ausgezogenen Spitze, die deutlich zurückgekrümmt ist. Die Rippe ist kurz und doppelt und erreicht höchstens ein Drittel der Blattlänge. 

Die übrigen häufigeren Arten der Gattung besiedeln andere Habitate und sind deutlich größer. Oberflächlich ähnliche Arten der Gattung Campylium (Goldschlafmoose) sind dagegen zarter und weniger dicht beblättert.

Ökologie

Die nährstoff- und feuchtigkeitsliebende, kalkmeidende Art kommt in frischen bis feuchten Wiesen aller Art vor, auch auf Waldwegen und Wegböschungen. Besonders gut gedeiht sie in häufig geschnittenen kurzen Rasen, etwa in Gärten und in Parkanlagen. Hier kann sie bei zu kurzem Schnitt  und regelmäßiger Bewässerung die Oberhand über die Gräser gewinnen und (fast) reine Moosrasen bilden. Dies macht die Art zu einem gefürchteten Rasenunkraut.

Verbreitung und Gefährdung

Die Art ist auf der Nordhalbkugel weit verbreitet. In Mitteleuropa kommt sie von der Ebene bis ins hohe Gebirge vor und meidet nur die ausgesprochenen Trockengebiete. Sie ist ausgesprochen häufig und in keiner Weise gefährdet. Ihr häufiges Vorkommen im Siedlungsraum zeigt, dass sie nicht besonders anfällig für Schadstoffe ist. Allerdings meidet sie wohl stark luftverschmutzte Stadtgebiete1); ob es diese jetzt bei uns überhaupt noch wie zu Zeiten von Düll im Ruhgebiet gibt ist fraglich.

Biologie

Das Sparrige Kranzmoos fruchtet in Mitteleuropa sehr selten, so dass die Verbreitung vor allem über Sprossbruchstücke stattfindet. Ein wirksames Verbreitungsmittel sind dabei wahrscheinlich die im öffentlichen Raum eingesetzten Mähgeräte.

Parasiten

Auf dem Sparrigen Kranzmoos findet sich gelegentlich das Glanzmoos-Moosbecherchen Bryoscyphus phascoides, das allerdings nicht spezifisch auf dieser Art vorkommt.3) Weiterhin wurde auf der Art Bryoscyphus rhytidiadelphi gefunden (J. Eckstein, pers. Mittlg.), das auf R. triquetrus beschrieben wurde und offenbar spezifisch für die Gattung Rhytidiadelphus ist. 

Bekämpfen oder nicht?

Auf dem Markt finden sich etliche Produkte, die zur Bekämpfung von Moosen im Rasen dienen sollen. Sie basieren überwiegend auf Eisen-II-Sulfat, Pelargonsäure oder Essigsäure. Darüber hinaus wird gelegentlich Vertikutieren empfohlen, was andernorts eher für kontraproduktiv gehalten wird. Auch eine Düngung des Rasens drei- bis fünfmal im Jahr wird empfohlen, mit der (etwas undifferenzierten) Begründung: "Moos ist eine Zeigerpflanze für Stickstoffmangel". 

Bernhard Kaiser sagte 2004: " Beginnen Sie keinen Privatkrieg gegen diese wunderschönen Pflanzen, den Sie ohnehin verlieren werden." 2). Gemeint ist damit der Gartenbesitzer, der seinen Rasen stets so kurz hält, dass die niedrigen Moospflanzen von der Mahd nicht geschädigt werden, wohl aber die höher wachsenden Kräuter und Gräser. Über die Schönheit der Art gibt es sicherlich unterschiedliche Ansichten, sie offenbart sich hier wirklich erst unter der Lupe oder dem Mikroskop. Die Chancen, den Kampf zu gewinnen, stehen aber gar nicht so schlecht. Oft reicht es schon, den Rasenmäher 1–2 cm höher einzustellen und vielleicht nicht jede Woche zu mähen. Auch eine Reduktion des Rasen­sprengens (oder gar das völlige Einstellen) ist wirksam. Beide Maßnahmen helfen darüber hinaus, den Hausgarten arten- und blütenreicher zu gestalten. In selten betretenen Bereichen genügt je nach Nährstoffgehalt des Bodens eine Mahd 1–3 × im Jahr; dann werden Sie die lästige Art, falls Sie sie für eine solche halten, rasch loswerden. 

Will man jedoch unbedingt seinen kurzgeschorenen Rasen behalten, kann man sich auch mit dem Sparrigen Kranzmoos arrangieren. Grün und betretbar ist die Wiese dann allemal.

Links:

https://de.wikipedia.org/wiki/Rhytidiadelphus_squarrosus

http://www.moose-deutschland.de/organismen/rhytidiadelphus-squarrosus-hedw-warnst

https://swissbryophytes.ch/index.php/de/bilder?taxon_id=nism-2133 (viele Bilder)

https://www.botanik-bochum.de/pflanzenbilder_moose/Rhytidiadelphus_squarrosus.htm (Bilder)

3) https://asco-sonneberg.de/pages/gallery/bryoscyphus-phascoides-croziers--181028-iw040-01xsjj40480.php

 

Literatur:

1)Düll, R. 1990. Exkursionstaschenbuch der Moose. – Bad Münstereifel.

2)Meinunger, L. & Schröder, W. 2007. Verbreitungsatlas der Moose Deutschlands. − 3 Bde., Regensburg.

Sauer, M. 2001. Rhytidiadelphus (Limpr.) Warnst. – In: Nebel, M. & Philippi, G. (Hrsg.) Die Moose Baden-Württembergs. – 3 Bände, Stuttgart.

Das Schöne Federchenmoos, Ptilidium pulcherrimum, ist das Moos des Jahres 2020

Das Schöne Federchenmoos wächst in dichten niedrigen Polstern an der Rinde vor allem von Nadelgehölzen. Durch die lang bewimperten Blätter und den Standort ist es gut kenntlich, an Gestein ist es mit Vorsicht vom Großen Federchenmoos zu trennen.

Aussehen

Ptilidium pulcherrimum gehört zu den beblätterten Lebermoosen, die Pflanzen sind also in Stämmchen und Blätter gegliedert. Es wächst in dichten, niedrigen Polstern, die an schattigen Standorten eher grün, an lichtreicheren eher rotbraun bis rot erscheinen. Die einzelnen Stämmchen werden bis zu 2 cm lang und sind dicht ein- bis zweifach gefiedert. Die kurzen, kaum einen Millimeter breiten Ästchen sind dicht zweizeilig beblättert, dazu tritt eine Reihe kleinerer Unterblätter. Die quer am Stämmchen angewachsenen Flankenblätter sind auf 0,6 bis 0,8 ihrer Länge in zwei bis vier Blattlappen geteilt, deren Ränder dicht mit einzellreihigen langen Wimpern besetzt sind. Die Art ist diözisch, wobei die männlichen Pflanzen kleiner als die weiblichen sind. Die aus zylindrischen bis keulenförmigen Perianthien entspringenden Sporogone bestehen aus einer langen, hyalinen Seta und einer braunen, ellipsoiden Sporenkapsel.

Von dem ähnlichen Ptilidium ciliare unterscheidet sich die Art durch die tiefere Teilung der Flankenblätter (0,6–0,8 gegenüber 0,4–0,5), die geringere Zahl von Zellen am Grund des breitesten Blattlappens (6–12 gegenüber 15–25) und die längeren Wimpern (zumindest einige länger als die Breite des dorsalen Blattlappens).

Ölologie

Die säureliebende bzw. –tolerante Art findet sich am häufigsten als Epiphyt an Bäumen mit saurer Borke, also vor allem an Nadelhölzern (u.a. Fichte, Tanne, Kiefer) und weniger an Laubhölzern mit saurer Rinde (u.a. Birke, Erle, Buche). Oft wächst sie am Stammfuß oder an den Wurzelansätzen, zudem an sich zersetzendem Holz oder an Stubben. Sie kommt auch an silikatischen Gesteinen, etwa in Blockhalden, vor; hier überschneidet sich ihr Lebensraum mit dem von Ptilidium ciliare.

Ptilidium pulcherrimum bevorzugt luftfeuchte, schattige bis lichtreiche Standorte in Wäldern in montanen Lagen, kommt aber vom Flachland bis ins Hochgebirge vor

Verbreitung und Gefährdung

Die zirkumboreale Art kommt auf der Nordhalbkugel in Nordamerika, Europa und Asien vor, wobei sie wohl nicht über den 33 Breitengrad nach Süden vorstößt. In Europa ist sie von Norditalien und Bulgarien bis nach Island und ins nördliche Fennoskandien bekannt, wobei ihre Hauptverbreitung in den Bergwäldern zwischen 800 und 1500 m liegt.11) Auf der Verbreitungskarte für Deutschland7) zeigen sich demzufolge auch große Verbreitungslücken in den Wärmegebieten des Rheintals, des Maingebiets, des Thüringer und des Mittelfränkischen Beckens sowie im Elbtal.

In den Roten Listen Deutschlands, Österreichs und der Schweiz wird die Art als "nicht gefährdet" geführt. In einzelnen Bundesländern Deutschlands weicht die Einstufung dagegen davon ab, so gilt die Art in Nordrhein-Westfalen als "gefährdet".

Wegen ihres Vorkommens an Nadel- und Laubgehölzen mit saurer Rinde ist sie sicher nicht durch mangelnde Standorte gefährdet, ein Handlungsbedarf zu ihrer Erhaltung besteht nicht. Auch bei ihr muss jedoch die Zukunft zeigen, wie sie mit der zunehmenden Eutrophierung der Landschaft und vor allem mit der Klimaerwärmung zurechtkommt; als überwiegend boreal-montan verbreitete Art wird sich ihre Arealgrenze möglichweise nach Norden verschieben.

Biologie

Die Art ist zweihäusig, weibliche und männliche Pflanzen befinden sich oft in direkter Nachbarschaft oder wachsen durcheinander. Eine generative Fortpflanzung sollte somit keine Schwierigkeit darstellen, wenn Perianthien und Antheridien ausgebildet werden. Dies scheint jedoch in jüngerer Zeit seltener geworden zu sein. Über eine vegetative Vermehrung oder Verbreitung ist bei der Art nichts bekannt, eine gewisse Verbreitung über Thallusbruchstücke ist jedoch wahrscheinlich.

Parasiten, Nutzung und Medizin

Ptilidium pulcherrimum ist der Wirt einer ausschließlich auf diese Art spezialisierten parasitischen Flechte, Puttea margaritella (= Lecidea m., Fellhanera m.).10,12) Die Flechte hat offensichtlich keine Schwierigkeiten, die Art sauber von Ptilidium ciliare zu trennen!

Daneben kommen einige nicht-lichenisierte Ascomyceten parasitisch auf unserer Art vor: spezifisch sind Epibryon intercapillare und Leptomeliola ptilidii, unspezifisch Bryochiton perpusillus und Microscypha cajaniensis.

Über eine Nutzung der Art ist uns nichts bekannt, was bei den geringen Mengen Materials der kleinen Art nicht erstaunt. Möglicherweise wurde sie jedoch zusammen mit anderen Lebermoosen und Laubmoosen in der traditionellen Medizin als Antibiotikum bei Hautkrankheiten und offenen Wunden eingesetzt.8,9) Dies verwundert nicht weiter, wurden doch in etlichen Laub- und Lebermoosen antimikrobielle und fungizide Substanzen nachgewiesen. Für Ptilidium pulcherrimum gelang dies Veljić et al. (2010).13)

[Wolfgang von Brackel]

 

Ptilidium pulcherrimum im Internet (externe Angebote)

https://de.wikipedia.org/wiki/Ptilidium_pulcherrimum

7) http://www.moose-deutschland.de/organismen/ptilidium-pulcherrimum-weber-vain

https://swissbryophytes.ch/index.php/de/verbreitung?taxon_id=nism-389

 

Literatur

8) Alam, A., Shrama, V., Rawat, K. K. & Verma, P. K. 2015. Bryophytes – The ignored medicinal plants. – SMU Medical Journal 2/1: 299–315.

9) Flowers, S. 1957. Ethnobryology of the Gosiute Indians of Utah. – The Bryologist 60: 11–14.

10) Poelt, J. & Döbbeler, P. 1975. Lecidea margaritella, eine an ein Lebermoos gebundene Flechte und ihr Vorkommen in Mitteleuropa. – Herzogia 3: 327–333.

11) Schoepe, G. 2005. Ptilidiaceae. – in: Nebel, M. & Philippi, G. (Hrsg.). Die Moose Baden-Württembergs, Band 3: 378–381.

Singh, D. & Singh, D. K. 2011. Ptilidium pulcherrimum (G. Weber) Vainio (Hepaticae: Ptilidiaceae) – an addition to Indian bryoflora. – Nelumbo 53: 205–210. [ausführliche Beschreibung, viele Zeichnungen und Fotos; Zugang über ResearchGate]

12) Steenroos, S., Huhtinen, S., Lesonen, A., Palice, Z. & Printzen, C. 2009. Puttea, gen. nov., erected for the enigmatic lichen Lecidea margaritella. – The Bryologist 112: 544–557.

13) Veljić, M., Ćircić, A., Soković, M., Janaćković, P. & Marin, D. 2010. Antibacterial and antifungal activity of the liverwort (Ptilidium pulcherrimum) methanol extract. – Archives of Biological Science Belgrade 62: 381–395.

 

Bilder von Ptilidium pulcherrimum

Durch Anklicken der Bilder öffnet sich jeweils eine größere bzw. vollständige Bild-Version.

Ptilidium pulcherrimum 01 Ebrach WvBPtilidium pulcherrimum, Habitus; Ebrach im Steigerwald, Bayern; Foto: Wolfgang von Brackel. Dieses Bild runterladen

 Ptipul Hab1gr HHVerrottender Baumstumpf - Beispiel für einen typischen Lebensraum von Ptilidium pulcherrimum; das flache, bräunlich gefärbte Moos ist P. pulcherrimum; Foto: Heike Hofmann.

Ptilidium pulcherrimum mit SporophytenPtilidium pulcherrimum mit Sporophyten; dieses Exemplar wurde an dem Baumstumpf gefunden, der im oberen Bild zu sehen ist; Foto: Heike Hofmann.

Ptilidium pulcherrimum Wildenstein OPf 2017 WvBPtilidium pulcherrimum, großes Polster auf Gestein in einer Blockschutthalde; Wildenstein in der Oberpfalz, Bayern; Foto: Wolfgang von Brackel.

 Ptilidium pulcherrimum Wildschönau mikr WvBPtilidium pulcherrimum, einzelnes Blättchen in mikroskopischer Ansicht; Wildschönau, Tirol;
Foto: Wolfgang von Brackel.

 Ptilidium pulcherrimum plate NJSPtilidium pulcherrimum, 2007 am Stammfuß einer Lärche in Finhaut (Wallis/CH); Habitus und Blatt mikroskopisch; Fotos: Norbert J. Stapper. Diese Bildtafel runterladen

 ptilidium pulcherrimum wundschuh 2009 bild 02Ptilidium pulcherrimum, Ölkörper und Chloroplasten in den Laminazellen; Mikrofoto: Walter Obermayer.

ptilidium pulcherrimum wundschuh 2009 bild 01Ptilidium pulcherrimum, Übersichtsfoto in Wasser, man kann hier die Blättchenstellung deutlich erkennen; Foto: Walter Obermayer.

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Schistostega pennata und Psilolechia lucida

Hedwigia ciliata und Rhizocarpon geographicum

Marchantia polymorpha und Peltigera didactyla

Buxbaumia viridis und Lobaria pulmonaria

Thuidium abietinum und Fulgensia fulgens

Polytrichum commune und Dibaeis baeomyces

Orthotrichum pulchellum und Letharia vulpina

Leucobryum glaucum und Cladonia rangiferina